„Wenn du ein gutes Mädchen wärst, würdest du ruhig sein“

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22. November 2018, 16:52 Uhr

Parwin Alimoradi ist im kurdischen Teil des Iran gegen Ende des Iran-Irak Krieges geboren worden und lebt seit 2,5 Jahren in Deutschland. Sie ist in einer Familie mit strengen religiösen Traditionen aufgewachsen. Anlässlich des 25. Novembers, dem „Internationalen Tag für die Beseitigung der Gewalt gegen Frauen“, schreibt sie über das Leben als Frau in verschiedenen Kulturen – Iran, Kurdistan und Deutschland. Heute: Teil 4.


Ich bin mit 19 Jahren vom Iran in den kurdischen Teil des Irak geflüchtet. Ich dachte, dass die Frauen in Kurdistan frei sind. Außerdem dachte ich, ich fühle mich unter Kurden nicht wie ein Flüchtling. Der kurdische Teil des Irak ist dem kurdischen Teil des Iran sehr nah. Ich dachte, Kurden sind Kurden, egal ob im Iran, dem Irak, der Türkei oder Syrien. Aber das alles war nur Gerede, nicht mehr. Ich war sehr jung und dachte, wenn die Mädchen dort kein Kopftuch tragen, könnten sie alles tun, was sie wollen. Aber die Gewalt gegen Frauen war manchmal schlimmer als im Iran. Ich arbeitete als Radio- und Fernsehjournalistin und jeden Tag gab es Nachrichten über Gewalt gegen Frauen. Das war furchtbar. Ich habe mit vielen Frauen über ihre Probleme gesprochen.

Etliche Männer waren mit ihren Frauen unzufrieden und wollten noch eine zweite oder dritte Frau heiraten. Außerdem haben sie ihre Frauen geschlagen. Ich traf eine junge Frau, die etwa 25 Jahre alt war. Ihr Mann wollte eine zweite Frau. Als sie widersprach, schlug er die Schwangere, sodass sie ihr Kind verlor. Bis heute kann sie keine Kinder mehr bekommen.

Viele Frauen hatten solche Problem. Aber wenn ein Mädchen sich in einen Jungen verliebte, wurde sie hart bestraft. Serve war so eine junge Frau, die sich in einen Jungen verliebte. Doch ihre Familien waren dagegen. Trotzdem heiratete Serve den Jungen. Nach etwa einem Jahr wollten sie und ihr Mann einkaufen gehen. Sie wussten nicht, dass ihnen Serves Bruder folgte. Der Bruder schoss auf die beiden. So wurde Serves Mann ermordet und sie schwer verletzt. Serve und ihr ungeborenes Kind überlebten und fanden Schutz in einem Frauenhaus.

Nach ein paar Monaten passierte wieder eine Katastrophe. Eine jesidische Familie hat ihre 17-jährige Tochter gesteinigt, weil sich das Mädchen in einen muslimischen Jungen verliebt hatte. Sie musste sterben, weil eine Jesidin nur einen Jesiden heiraten darf. Bei strengen religiösen Regeln sind Frauen oft die ersten Opfer. Viele Frauen wurden von ihren Familien gezwungen, sich umzubringen. Oder die Familien zwangen den minderjährigen Bruder, seine Schwester zu töten. Denn nach dem Gesetz bekommen Minderjährige keine schwere Strafe. Auch der Bruder von Serve war unter 18  Jahre alt.

Es gab auch Gewalt gegen Migrantinnen. Viele Frauen kamen aus ärmeren Ländern – zum Beispiel afrikanischen Ländern – , um im Irak zu arbeiten. Manche Firmen behielten illegal die Reisepässe und zwangen die Frauen zur Prostitution. Manche Chefs verlangten sexuelle Dienste und drohten, die Frauen sonst zu feuern. Ich habe mit einer iranischen Friseurin gesprochen, die verheiratet war und ein Kind hatte. Trotzdem wollte ein Polizist sexuellen Kontakt zu ihr und drohte, ihre Aufenthaltsgenehmigung im Irak nicht zu verlängern. Aber sie akzeptierte es nicht. Ohne Genehmigung versteckte sie sich mit ihrem Mann bei Freunden. Später habe ich gehört, dass die Frau doch die Forderung des Polizisten akzeptierte, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Leider haben viele Männer auch in Kurdistan keinen Respekt vor Frauen.

Ich erinnere mich an eine Fahrt im Bus vor acht Jahren. Ein paar Männer sprachen über Frauen. Einer sagte: „Ein Mann muss mindestens vier Frauen in unterschiedlichem Alter haben.“ Er benutzte sehr hässliche Wörter, die ich hier nicht schreiben kann. Die Frauen im Bus schämten sich und senkten ihre Köpfe. Ich konnte nicht ruhig bleiben. Ich habe gesagt: „Das ist sehr respektlos. Sie haben doch selbst Frau und Tochter.“ Die Männer bezeichneten mich als iranische Schlampe. „Wenn du ein gutes Mädchen wärst, würdest du wie die anderen Frauen ruhig sein. Du kommst in unser Land und sagst uns, was wir sagen dürfen?“ Ich hielt das nicht aus und stieg um, denn ich hatte Angst vor den Männern. In der Nacht habe ich geweint. Ich konnte nicht schlafen. Ich war mehr über die Frauen verärgert als über die Männer, weil niemand etwas sagte. Warum sind Frauen nicht selbstbewusster? Warum akzeptieren sie die Respektlosigkeit der Männer?


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