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Pinneberger Tageblatt

24. Oktober 2017 | 03:13 Uhr

Wenn die Kinderseele zerbricht

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Therapeuten erläutern neue Behandlungsmethoden bei Traumastörungen von jungen Heranwachsenden im Flora Info-Treff

shz.de von
erstellt am 17.Mär.2016 | 16:24 Uhr

Wie entsteht ein Trauma? Wie reagiert der Körper auf lebensbedrohliche Stress-Situationen und wie können die Folgen bei Kindern und Jugendlichen behandelt werden? Diesen Fragen haben sich Gino Essen, Verhaltens- und Traumatherapeut, und Janet Cinkl-Küster, Fachkraft für traumapädagogische Intervention am Regio-Klinikum Elmshorn, im Flora-Gesundheitszentrum gewidmet. 30 Zuhörer lauschten interessiert.

Zunächst erläuterte Essen, was mit einem Menschen passiert, der ein Trauma erlebt. Übersetzt bedeute Trauma „Verletzung“. Dabei sei sowohl die Seele als auch der Körper betroffen. Betroffene seien infolge eines extrem belastenden Ereignisses nicht in der Lage, dies zu bewältigen. Dieses Ereignis sei potenziell lebensbedrohlich. Bei Kindern und Jugendlichen sei entscheidend, in welcher Entwicklungsphase sich der Betroffene befinde. Als Beispiele nannte der Therapeut sexuellen Missbrauch und Gewalterfahrungen. „Das Grundvertrauen wird bei einem Trauma im Kern erschüttert“, sagte Essen. Die Folge: innere Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten, Überreaktionen und Affektverhalten. Häufig reagierten die Betroffenen aggressiv oder verängstigt. Kinder spielten die Situationen nach, dies helfe aber nur bei zusätzlicher Unterstützung.

Interessant waren Essens Erläuterungen aus der Neurobiologie: Kommt ein Mensch in eine so extreme Situation, dass die normalen psychischen Möglichkeiten überstiegen werden, reagiere das Gehirn anders als bei gewöhnlichen Erfahrungen. Das Überlebensprogramm werde aktiviert, das Schmerzempfinden und das Denken und Handeln herabgesetzt, da eine schnelle Reaktion notwendig sei. Die Opfer könnten so „erstarren vor Angst“. Die Erinnerungen an dieses Ereignis würden an anderer Stelle im Gehirn abgelegt, und dies auch nur fragmentartig. Später können Betroffene sie nicht abrufen. Es gebe aber sogenannte „Trigger“, Auslöser, die das Opfer emotional in die belastende Situation zurückversetzen. Das kann eine Stimmlage, ein Geruch oder ein Bild sein. Beispielsweise der Geruch eines Aftershaves, das der Täter getragen hatte. Während der Therapie werde versucht, die Erinnerungssplitter wieder zusammenzutragen.

Janet Cinkl-Küster schilderte ihren Alltag in der psychiatrischen Abteilung für Kinder und Jugendliche am Regio-Klinikum. Ziel sei es, den Opfern zu ermöglichen, Kontrolle über ihr Leben zu bekommen, um es wieder gestalten zu können. Zunächst seien die Kinder und Jugendlichen misstrauisch und äußerst aggressiv. Wichtig sei, einen Raum zu bieten, in dem sie zur Ruhe kommen können. Ein Sicherheitsgefühl müssen die Opfer erst noch entwickeln. „Denn das kennen viele gar nicht“, sagte Cinkl-Küster. Dazu komme eine transparente Kommunikation und positive Erlebnisse in der Gruppe.

Im nächsten Schritt versuchen die Therapeuten ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Zudem dürfe man die Kinder und Jugendlichen nicht überfordern. Anspruchshaltungen würden sie unter extremen Stress setzen. In dieser Situation der Hilflosigkeit könnten die Patienten keine Kompetenzen abrufen. Im Klinikum gebe es deshalb einen besonderen Raum, in dem sie langsam lernen können – ohne Stress.

Möglichkeiten der Mitbestimmung und feste Strukturen wie Wochen- und Tagespläne seien ebenfalls bedeutsam für den Erfolg der Therapie. So hätten die Opfer das Gefühl, ihr Leben vorhersehbar zu machen. Therapeuten müssten sich bei Gewaltausbrüchen klar machen, dass dieser Mensch einen guten Grund hatte, sich dieses Verhalten anzueignen. Auch die Absicht könne eine gute sein. „Für manche Kinder war aggressives Verhalten die einzige Möglichkeit, von der Mutter Aufmerksamkeit zu bekommen“, so Cinkl-Küster. Die Therapeuten müssten sehr feinfühlig mit den Patienten umgehen. Zudem müsse man ihnen klar machen, dass ihr Körper auf dieses Ereignis völlig normal reagiert habe. „Wir müssen ihnen beibringen, gnädiger mit sich zu sein.“ Die Patienten seien im Schnitt drei Monate in der Klinik, so Cinkl-Küster. Erst danach folgen die nächsten Therapieschritte.

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