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Pinneberger Tageblatt

20. August 2017 | 17:57 Uhr

Wenn der Nachbar zu sehr nervt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wechsel Streitschlichter berichten über ihre Arbeit / Schiedsmann Walter Nowak verabschiedet / Karl-Heinz Jennerich als Nachfolger

Der Deutsche ist ein streitbarer Mensch, heißt es. Zu geringe Grenzabstände von Bäumen, Lärm bei Gartenpartys und Qualm beim Grillen in den Sommermonaten oder zugeparkte Einfahrten – aus mancher Mücke wird schnell ein Elefant. Dann kommen die Schiedsmänner zum Einsatz. In ruhiger Atmosphäre auf neutralem Boden den Beteiligten gleichermaßen zuzuhören, sie selber eine Lösung finden zu lassen und einen Vergleich zu erreichen – das ist die Aufgabe der Friedensschlichter.

Auch Pinneberg hat sie: In dieser Woche gab es einen Wechsel. Nach zehn Jahren Tätigkeit scheidet Walter Nowak (75) aus. Die Nachfolge übernimmt sein Stellvertreter, Karl-Heinz Jennerich (71), der bereits Erfahrungen aus zwei Amtszeiten mitbringt. Seine Stellvertreterin ist Ulrike Marschner-Ruthof (67). Sie hat in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg eine leitende Position gehabt und nach einem für sie passenden Ehrenamt gesucht.

Jeden ersten Dienstag im Monat haben die Schiedsleute von 16 bis 17.30 Uhr Sprechstunde im Rathaus. Die Bearbeitung eines Falls kann bis zu drei Stunden dauern. Verfahrens- und Sachkosten in Höhe von 60 Euro fallen an.

Im Gegensatz zu einem Richter muss ein Schiedsmann im Streitfall keine Entscheidungen treffen. Sie sind nur Mittler und Schlichter in Streitigkeiten. Ihre Aufgabe ist es, Parteien bei der Suche nach Lösungen zu unterstützen. „Wir helfen, dass sie sich nicht in die Wolle kriegen“, sagt Jennerich. Das kann schnell passieren, denn: „Die Leute reden nicht miteinander und warten, bis es sich hochgeschaukelt hat“, sagt Nowak.

Während der vergangenen zehn Jahre gab es 150 Fälle in Pinneberg, die verhandelt worden sind. „Manchmal sind es mehr als 30 im Jahr, dann wieder nur zwölf“, sagt Jennerich, Oberstleutnant der Luftwaffe a.D. Hinzu kämen die Tür-und-Angel-Fälle. Die Erfolgsquote spricht für sich: „75 bis 80 Prozent der Parteien gehen zufrieden auseinander“, sagt er. „Wir haben es schon erlebt, dass sie hinterher gemeinsam einen trinken gegangen sind und das Kriegsbeil begraben haben.“ Das Prozedere ist immer dasselbe. Ein Klient bittet um Hilfe. Die andere Partei wird dann angeschrieben und zu einem Termin ins Rathaus gebeten. „Mit Androhung von einem Bußgeld“, sagt Nowak.

Doch es sind nicht immer die schon klischeehaft anmutenden Fälle, mit denen sich die Pinneberger Schiedsmänner beschäftigen müssen. Es gibt Vorfälle, die auch bei Nowak und Jennerich zu Kopfschütteln geführt haben. Ein Sachverhalt ist ihnen noch gut in Erinnerung. Da ging es um einen Weihnachtsmann auf dem Nachbarsgrundstück, der in kurzen Abständen mit seiner elektronischen Stimme Merry Christmas zum Besten gab. Schon im Jahr zuvor fühlte sich der Klient, der den Fall ins Rollen gebracht hatte, genervt. „‚Ich halte das nicht mehr aus‘“, sagte er zu uns“, erinnert sich Jennerich. Zu dem Termin ins Rathaus sei der Klient mit einer Plastiktüte gekommen. „Darin war der Kopf vom Weihnachtsmann mit dem Tonträger“, sagt Jennerich und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Aber es kam zu einer Einigung zwischen den beiden Parteien: „Der Tonträger wurde nur noch zu gewissen Zeiten eingeschaltet.“

Auch an einen pikanten Fall erinnern sich die beiden. Eine junge Dame hatte 16    Jahre lang ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Nachbarn. „Er machte ihr Hoffnungen, sie zu heiraten, tat es aber nicht“, erzählt Jennerich. „Damit hatte sich die junge Frau abgefunden. Sie wollte von dem Mann nur eine Entschuldigung.“ Und auch mal eine ganze Eigentümerversammlung kam ins Rathaus. Dafür gab es bislang keinen Fall, in dem sich jemand benachteiligt sah, weil er nicht gleichbehandelt wurde.

Welche Eigenschaften müssen Schiedsleute haben? „Man muss zuhören können, Einfühlungsvermögen und Lebenserfahrung haben“, zählen Nowak und Jennerich auf. Ausgebildet werden sie beim Bund Deutscher Schiedsmänner.

Ein Spruch von den Schiedsleuten ist übrigens verbindlich – und zwar 30    Jahre lang. In dieser Zeit können die im Schlichtungsverfahren vereinbarten Verpflichtungen durchgesetzt werden. „Auch vor Gericht“, so Nowak. Wenn sich die Streithähne nicht einigen können, folgt der Gang zum Amtsgericht. Das könnte dann teuer werden.


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erstellt am 25.Feb.2017 | 16:33 Uhr

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