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Selbsthilfegruppe in Wedel : Wenn Angst das Leben bestimmt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Panikattacken, Herzrasen und die Furcht, zu sterben: Angst-Patienten berichten von ihren Leidenswegen.

shz.de von
erstellt am 14.Feb.2014 | 16:00 Uhr

Wedel | Sie haben Angst. Vor Krabbeltieren, vor Menschen, vor Krankheiten, vor der Zukunft, vor großen leeren Plätzen, vor Höhe, vor dem Alleinsein. Angst, nicht genug Essen zu haben, zu ersticken, die Wohnung zu verlassen, die Existenz zu verlieren oder die Kontrolle als Fahrgäste in Bahn, Bus oder Flugzeug abzugeben. Vor allem aber haben sie Angst vor der Angst, vor Panikattacken, Herzrasen – und daran zu sterben.

Die Selbsthilfegruppe in Wedel ist seit Jahren Anlaufstelle für Menschen, die ihre Angst bekämpfen wollen. Derzeit sei es die einzige Gruppe im Kreis Pinneberg, so die Leiterin Heidi Kröger aus Wedel. Die Teilnehmer sind alle zwischen 28 und 67 Jahre alt, ungelernte Aushilfskräfte und Akademiker gleichermaßen.

Kröger kam selbst vor Jahren als Teilnehmerin dazu. „Ich habe auf der Arbeit unter heftigem Mobbing gelitten. Mein Selbstbewusstsein wurde zerstört. Immer hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden, Fehler zu machen, wollte es dann allen Recht machen und habe versucht, 150 Prozent zu geben“, erzählt die 51-Jährige. „Die meisten Angst-Patienten können nicht ‚nein‘ sagen, machen jede Überstunde mit. Man achtet nicht mehr auf eigene Bedürfnisse“, so Kröger. „Ich habe es sieben Jahre lang mitgemacht. Ich dachte, ich schaffe es, bin stark. Aber im Nachhinein habe ich gemerkt, dass es meine Seele kaputt gemacht hat.“ Sie gab ihren Job auf, mied fremde Menschen und verließ ihre Wohnung kaum noch. „Ich habe mich nicht getraut, wieder anzufangen zu arbeiten und musste aufgrund meiner psychischen Verfassung Frührente beantragen“, so Kröger. „Man hat selbst das Gefühl: Viele können diese Angst nicht nachvollziehen.“ In der Selbsthilfegruppe habe sie gemerkt: „Man ist mit seinem Problem nicht allein.“ Kröger sagt: „Vor neun Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich eine Gruppe leiten könnte, so eingeschüchtert war ich. Doch vor drei Jahren habe ich sogar fürs Fernsehen ein Interview gegeben.“

Eine weitere Teilnehmerin aus Wedel berichtet: „Ich war schon immer sehr ängstlich, was mir gar nicht so bewusst war. Als meine Tochter vor zwei Jahren an Diabetes Typ I erkrankt ist, habe ich durch die Sorge immer wieder Angst- und Panikattacken bekommen. Bei mir war es ein Rauschen im Kopf. Meine Arme und mein Körper wurden heiß, man atmet ganz schnell. Ich dachte, ich sterbe. Ich wusste erst gar nicht warum und habe mich selbst für verrückt gehalten“, so die 40-Jährige. „Ich wollte meine Familie nicht noch mehr belasten und im Job muss man auch noch funktionieren“, fügt sie hinzu.

„Meist kriegt man den Spruch: Das würde ich von Dir gar nicht denken. Du bist doch so taff.“ Doch nie habe sie gewusst, wann die Panikattacken kommen. Mehrmals sei sie in Todesangst ins Krankenhaus gebracht worden. „Ich gehe jetzt ganz offen damit um. Ich hatte es einmal in der Firma. Ich dachte, ich kippe um und habe dann einen Kollegen informiert. Auch der Chef wusste irgendwann Bescheid. Für mich hat es den Druck herausgenommen.“ Alle hätten mit sehr viel Verständnis reagiert, so die 40-Jährige. Sie habe schnell ärztliche Hilfe angenommen und den Schritt in die Selbsthilfegruppe gemacht. „Ich will so nicht leben. Mit den Ängsten ist man nicht mehr Herr seiner selbst. Entweder man ändert sich oder kann sich gleich die Kugel geben“, sagt die Wedelerin bestimmt über ihre eigene Situation. „Jeder geht anders damit um, aber es ist auch nicht mein Gefühl, mich darin baden zu wollen“, ergänzt Kröger.

Einmal pro Jahr unternehmen Teilnehmer der Selbsthilfegruppe einen Ausflug, bei dem sich alle mit ihren Ängsten konfrontieren. Das letzte Mal ging es in einen Barfußpark. „Der eine hatte Angst vor der Busfahrt, der andere Angst vor Pilzinfektionen“, so Kröger. Aber es sei gut, sich immer wieder seinen Ängsten zu stellen. In der Gruppe treffe man Gleichgesinnte. „Man hat damit den ersten Schritt aus dem Kopfkarussel gemacht.“

Die Angst-Selbsthilfegruppe trifft sich jeden zweiten, dritten und vierten Mittwoch im Monat ab 19 Uhr in den Räumen der Awo-Tagespflegestätte, Rudolf-Breitscheid-Straße 40b, in Wedel. Informationen erteilt Heidi Kröger unter der Nummer (0160) 98144649.
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