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Pinneberger Tageblatt

18. November 2017 | 02:14 Uhr

Wellness für die Ärmsten

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wohlfühlmorgen Hilfsorganisationen bereiten sozial Benachteiligten einen ganz besonderen Tag

shz.de von
erstellt am 08.Okt.2017 | 15:03 Uhr

Das Frühstück kann warten. Erst mal will Andre Musik machen. Er hat seine Triola – eine kleine Harmonika – zum „Kieler Wohlfühlmorgen“ mitgebracht. Gemeinsam mit Helga an der Geige und Klaus mit der Mundharmonika spielt er deutsche Volkslieder. Von Ton zu Ton wird der sozial benachteiligte Andre glücklicher.

Genau das war das Ziel. Mit dem „Wohlfühlmorgen“ wollten Hilfsorganisationen und Initiativen Arme und Wohnungslose am Sonnabend einen Tag lang in der Kieler Gelehrtenschule verwöhnen. Außer einem gesunden Frühstück gab es eine Kleiderkammer, Friseursalon, Sozial- und Schuldnerberatung sowie weitere Angebote – allesamt kostenlos.

Andre ist einer von etwa 120 Gästen, die das Angebot annehmen. Er legt die Triola beiseite und beißt ins Croissant. Am Frühstückstisch kommt er ins Erzählen: Aufgrund einer Krankheit ist er arbeitslos, früher war er im Öffentlichen Dienst bei der Bundeswehr tätig. Heute lebt er von 800 Euro im Monat, 150 Euro davon gehen als Untermiete an seinen ebenfalls kranken Vater. Viel bleibt ihm nicht. „Was soll man damit machen?“ Monatskarte, Lebensmittel, Zigaretten – dann ist das Portemonnaie leer.

Aber Andre hat sich Lage arrangiert. „Für mich ist jeder Tag ein Sonntag. Ich kann machen, was ich will – wenn ich das Geld dafür hätte.“

Vielen geht es ähnlich: In Kiel leben knapp 14  000 Arbeitslose, etwa 900 Menschen sind ohne Wohnung. In Schleswig-Holstein sind schätzungsweise 10  000 Menschen obdachlos. Finanzsorgen, Überforderung und Konflikte in der Familie – die Gründe sind unterschiedlich und kommen oft zusammen.

Andre hat zwar ein Dach überm Kopf, aber er weiß, was es heißt „Platte zu machen“. Er hat sechs Jahre in Hamburg-Altona auf der Straße gelebt. Dort musste er täglich aufpassen, nicht ausgeraubt zu werden.

In Kiel hält sich Andre meistens in der Innenstadt auf. Viele soziale Kontakte habe er nicht. „Ich habe gerade gelernt, Freunde auszusortieren“, sagt er etwas bedrückt. Seine Stimmung wird schnell wieder besser, als er in der Kleiderkammer drei T-Shirts für sich entdeckt. „Nehmen sie gerne mit, was sie haben möchten“, sagt eine Helferin, „was weg ist, ist weg.“ Andre raucht noch eine Zigarette vor der Tür und geht zufrieden nach Hause.

Hier draußen, in einem Zelt, kümmert sich die Tierärztin Dorothea Schlüter derweil um „Jesper“. Sie bürstet den Hund, schaut sich das Fell unter der Lupe an und findet Schuppen. „Straßenhund halt“, kommentiert Besitzer Markus. Die Tierärztin gibt ihm für den Hund ein Mittel gegen Flöhe und Milben sowie Wurmtabletten. „Damit wir ,Jesper’ etwas Ruhe verschaffen“, meint Schlüter, die im Laufe der Jahre erfahren hat, dass der Stellenwert von Hunden für Obdachlose sehr hoch ist. „Die Gesundheit des Hundes ist vielen wichtiger als ihre eigene.“

Tatsächlich herrscht bei den Humanmedizinern wenig Andrang. Die Schmerzgrenze liege bei Obdachlosen höher als bei anderen, man gehe nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt. Obwohl es heute viele Angebote gibt, auch für Bedürftige, die nicht krankenversichert sind.

So geht es vor allem um Wellness für Menschen, die es sich sonst nicht leisten können: Maniküre, Massage, Haare schneiden. Im improvisierten Friseursalon ist Rainer bei Mareike in guten Händen. Der ältere Herr geht einmal im Jahr zum Friseur, ansonsten stutzt er seine Haare selbst. Mareike ist Maskenbildnerin im Kieler Opernhaus, freut sich über die Abwechslung und darüber, etwas Gutes tun zu können. Der Haarschnitt ist kurz und elegant. Schnell noch die Augenbrauen richten. Als Dank hat Rainer einen Ratschlag für seine Friseurin: „Verliere niemals deinen Humor. Und spare nie mit deinem Lächeln. Du kannst es verschenken, ohne ärmer zu werden.“

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