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Reportage : Weit mehr als nur kaltes Blech und Holz

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Manchmal hält er echte Schätze in den Händen: Seit zehn Jahren baut und repariert Torsten Köhler Holzblasinstrumente – mit Leidenschaft und Erfolg.

shz.de von
erstellt am 10.Aug.2014 | 05:30 Uhr

pinneberg | Es ist ein bisschen wie in einer anderen Welt, wenn man die Tür zur Instrumentenwerkstatt von Torsten Köhler durchschreitet. Sofort steht man inmitten von Holzblasinstrumenten, an der Werkbank sitzt Johannes Garstecki, Köhlers Geselle, vor ihm ein riesiges Saxophon, das die besten Tage schon hinter sich hat. „Generalüberholung“, zwinkert Köhler, denn dieses Bass-Saxophon, an sich schon eine Rarität, ist ein originales Vintage-Saxophon, Baujahr 1924. „Das ist schon ein Highlight, wenn man so etwas  hereinbekommt“, sagt der Inhaber des ToKo-Holzblasinstrumenten-Studios in der Pinneberger Friedenstraße 4. Fast alles muss bei diesem Instrument der Marke Conn überholt werden, denn aktuell ist es nicht spielbar.

Köhler, in einem Vorort von Trier aufgewachsen, entdeckte schon früh seine Leidenschaft für Holzblasinstrumente. „Mit neun Jahren habe ich Klarinette gelernt“, erinnert er sich. Er musiziert im Landesjugendblasorchester, mit ungefähr 16 Jahren spielt er im Musikverein, wo ein Saxophonist gebraucht wird. Also sattelt er um. „Der Umstieg war eher leicht“, sagt Köhler. Die Idee, sich auch im Bereich des Instrumenten-

baus zu betätigen, kommt ihm schon früh. Als der Dirigent seines Orchesters ihn einmal zu seinem Instrumentenbauer mitnimmt, ist es um Köhler geschehen. „Da wusste ich, dass es genau das ist, was ich machen möchte“, sagt er mit einem Lächeln.

Nach Abitur und Zivildienst bewirbt er sich in ganz Deutschland. Nur rund 15 Betriebe kommen für ihn in Frage, denn in die Massenherstellung will er nicht gehen, erklärt er.  Schließlich ist es Hamburg, wohin ihn seine Ausbildung verschlägt. „Wir waren auch früher oft an der Ostsee im Urlaub“, so Köhler, „deshalb war ich nicht traurig über den Umzug“.  Nach der Ausbildung arbeitet er drei weitere Jahre als Geselle – bis er sich im Jahr 2004 in Eigenregie auf die Meisterprüfung in Kassel vorbereitet.  Eine Klarinette baut er, ganz allein, rund 170 Arbeitsstunden investiert er in sein Meisterstück. „Normalerweise geht so etwas schon etwas schneller“, zwinkert Köhler, „aber für mein Meisterstück habe ich mir die Zeit genommen“. Stolz zeigt er das Profi-Instrument, das er bis heute aufbewahrt hat.

Kurz darauf eröffnet er seinen ersten Laden, damals noch in der Heinrich-Christiansen-Straße. Mit 45 Quadratmetern recht klein – zu klein, wie sich bald herausstellt. „Wir sind so schnell gewachsen, ich konnte es selbst kaum glauben“, erinnert sich der 38-Jährige. Den aktuellen Laden besitzt er seit 2006. „Meine Frau und ich haben schon in der oberen Etage gewohnt, und als unten frei wurde, war das unsere Chance“. Mit Ehefrau Carmen, die sich um das Büro kümmert, und den zwei gemeinsamen Kindern hat er seitdem Wohnen und Arbeiten unter einem Dach.

Geselle Garstecki arbeitet inzwischen weiter an dem überdimensionalen Vintage-Saxophon. „Er war mein erster Auszubildender“, erzählt Köhler. Inzwischen ist schon die dritte Auszubildende im Betrieb, das Team funktioniert gut. „Eine familiäre Atmosphäre ist mir wichtig“, so Köhler.

Querflöten, Klarinetten, Fagotte, Oboen, Blockflöten – und natürlich Saxophone: All dieser Instrumente nehmen sich die Fachleute in liebevoller Hingabe an. Dabei spielt es keine Rolle, ob es moderne oder antiquierte Instrumente sind. „Wir bekommen oft sogenannte Vintage-Instrumente. Die wurden früher ganz anders gearbeitet als die der modernen Hersteller“, weiß Köhler.  Während heutzutage der Korpus eines Saxophons gestanzt und dann einfach zusammengefügt werde, sei früher noch das Blech gerollt worden.  „Das war viel mehr Handarbeit“, so der Instrumentenbau-Meister, „mit unzähligen Hammerschlägen und Schleifpapier wurden die Instrumente bis zu ihrer endgültigen Form bearbeitet“. Weil die Reparatur dieser Instrumente aufwändig ist und nicht viele Meisterbetriebe diese Form der Aufarbeitung anbieten, bekommt Köhler Instrumente aus ganz Europa zugeschickt. „Letztes Jahr hatten wir ein Kontrafagott aus Polen, das allein schon dreißig- bis vierzigtausend Euro wert war“, erinnert er sich. Das Orchesterinstrument war gefallen und musste wieder gerichtet werden. Die Werkzeuge, die das Team zur Reparatur benötigt, stellt es oftmals in Eigenregie her. „Einfach, weil der Umgang mit den Vintage-Instrumenten so speziell ist, und es dafür nur wenig passende Werkzeuge gibt“, so Köhler.

Jetzt, wo die Sommerferien begonnen haben, ist viel Betrieb in der kleinen, gemütlichen Werkstatt. „Wir kriegen ganze Instrumentensätze von Schulen zur Überholung“, erklärt er. Auch Musiker, die zur Ferienzeit in den Urlaub fahren, vertrauen ihm in dieser Zeit ihre Instrumente an. „Deshalb haben wir während der ganzen Sommerferien Urlaubsverbot“, zwinkert Köhler. Nach den Ferien sei mehr Beratung gefragt – für Geschenkideen zu Weihnachten beispielsweise. Aber auch Workshops veranstaltet die Werkstatt. „Manche kleinen Probleme kann man auch als Laie beheben“, sagt Köhler, „und wir zeigen, wie man seinem Instrument in Notsituationen Erste Hilfe leisten kann“. Im September kann das Team wieder aufatmen – und sein Jubiläum feiern. „Am 6. September gibt es uns genau zehn Jahre“, so Köhler – und beugt sich gemeinsam mit seinem Gesellen wieder über das Bass-Saxophon, das darauf wartet, wieder im Glanze vergangener Zeiten zu erstrahlen.

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