zur Navigation springen

Herbst- und Winterdepression : Weihnachten als Antidepressivum

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Laut Professor Hubert Kuhs ist saisonal abhängige Depression selten. Viele Menschen leiden dagegen an Stimmungsschwankungen.

Kreis Pinneberg | Es ist, als blase der Wind die Freude hinfort, als sorge der Regen für Antriebslosigkeit als falle das Lächeln aus den Gesichtern der Menschen wie die Blätter von den Bäumen. Herbst und Winter bringen eine Veränderung mit sich: Kälte, Gräue und Nässe sorgen für schlechte Stimmung. Aber schlagen Wetter und Dunkelheit einfach aufs Gemüt oder handelt es sich tatsächlich um eine ernst zu nehmende Depression – gar um eine spezielle Winter-Depression?

Professor Hubert Kuhs, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie der Regio-Kliniken, zieht hier ganz klar eine Trennung. Saisonal abhängige Depressionen seien selten, so der Experte. In den meisten Fällen handele es sich um Stimmungsschwankungen, die unterhalb der Schwelle depressiver Erkrankungen lägen. Kurz gesagt: Die Witterung schlägt aufs Gemüt. Für die gedrückte Stimmung und die Müdigkeit sorgt das Schlafhormon Melatonin. Es wird bei wenig Licht vermehrt produziert.

Bei einer Winter-Depression handelt es sich laut dem Chefarzt um eine schwere Depression. „Sie äußert sich, indem jemand über einen längeren Zeitraum antriebs- und freudlos ist“, sagt Kuhs. Die Patienten könnten morgens nicht mehr aufstehen und an nichts mehr Freude empfinden.

Kuhs wählt das Beispiel einer Mutter, die sich gerade noch dazu aufraffen kann, ihre Kinder zur Schule zu bringen und ihnen etwas zum Essen zuzubereiten. „Depressive erledigen mit viel Kraftaufwand vielleicht das Nötigste“, sagt Kuhs. Die saisonal abhängige Depression könne im Winter genau so auftreten wie im Herbst und Sommer.

Rituale gegen schlechte Stimmung

Der saisonale Einfluss wird aber seiner Meinung nach überschätzt. „Nordeuropäer sind anfälliger für depressive Erkrankungen und es wird ein Zusammenhang mit den Witterungsverhältnissen vermutet, aber genau kann man das nicht sagen“, sagt der Chefarzt. Wenn also von einer Winter-Depression gesprochen wird, ist sie meist nicht gemeint. Der Experte spricht im Zusammenhang mit den herbst- und winterlichen Stimmungsschwankungen von subsyndromalen Störungen, die nicht krankhaft sind.

„Die Menschen pflegen schon immer Rituale, um gegen die schlechte Stimmung zu steuern. Etwa die Freude auf die Weihnachtszeit, das Anzünden von Kerzen oder das gemütliche Herrichten der Wohnung.“ Es sei wichtig, entsprechend auf die dunkle Jahreszeit zu reagieren. Etwas zu finden, an dem man Freude hat, „denn das Wetter können wir leider nicht ändern.“ Wer von einer richtigen Winter-Depression betroffen ist, dem können Psychotherapie und Medikamente helfen. „Viele sprechen auch auf Lichttherapie an, auf Geräte oder die Sonne im Süden“, so der Chefarzt.

INFO Psychische Erkrankungen werden salonfähig

1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind hochgerechnet im vergangenen Jahr wegen psychischer Erkrankungen krankgeschrieben gewesen. Dies sind die Ergebnisse einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie der DAK, die dafür die Daten von etwa 2,6 Millionen berufstätigen DAK-Versicherten ausgewertet hat. Demnach habe sich die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen seit 1997 verdreifacht. Doch dies bedeute nicht, dass heute mehr Menschen psychisch krank sind als damals.

„Es gibt heute nicht mehr psychisch kranke Menschen als vor zehn oder 20 Jahren“, sagte Hans-Peter Unger vom Zentrum für seelische Gesundheit der Asklepios Kliniken Hamburg-Harburg. Die Erkrankungen würden heute jedoch besser diagnostiziert und die Betroffenen seltener stigmatisiert. Es sei gewissermaßen salonfähig geworden, an einer psychischen Erkrankung zu leiden.

Am häufigsten betroffen sind laut der Studie ältere Menschen und Frauen. Dabei seien Frauen nicht anfälliger für derartige Erkrankungen. „Es ist bei Männern heute immer noch nicht selbstverständlich, dass man ein Problem im psychischen Bereich hat“, erläuterte Michael Ziegelmayer vom Bund deutscher Psychologen und Psychologinnen. Die Hauptursachen für Depressionen sind laut Unger Arbeitsbelastung, private Gründe oder eine körperliche Krankheit. Ziegelmayer zufolge sind besonders Menschen in Gesundheitsberufen betroffen, da ihre Arbeit psychisch belastend sei. (dpa/pt)

 
Karte
zur Startseite

von
erstellt am 17.Nov.2015 | 10:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen