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Neue Wochenserie : Wedeler Feuerwehrmenschen – Erfahrungen, Motivationen, Emotionen

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Hauptfeuerwehrmann Andreas Pols lernte seinen Ausbilder und seinen heutigen Chef bei der Feuerwehr kennen.

shz.de von
erstellt am 15.Jun.2015 | 12:15 Uhr

Wedel | „Wenn ich überlege, wie ich mit 18 war, als ich in die Feuerwehr eintrat, und wie ich heute bin, bin ich ein total anderer Mensch“, sagt Andreas Pols über sich selbst. Denn die ehrenamtliche Arbeit bei den Blauröcken prägte nicht nur sein Privat-, sondern auch sein Berufsleben.

2008 schloss sich der heute 25-Jährige der aktiven Wehr der Freiwilligen Feuerwehr Wedel an. „Die Jugendfeuerwehr hat mich nie interessiert. Als Jugendlicher hatte ich andere Interessen“, sagte der gebürtige Wedeler, der mittlerweile selbst Ausbilder für den Feuerwehrnachwuchs ist. Sein Schwager habe immer viel von der Feuerwehr erzählt und ihn zu einem Dienstabend mitgenommen. „Ich wollte eigentlich nur schauen, aber seitdem bin ich jeden Dienstag hier“, so Pols.

Bei der Suche nach einem Praktikumsplatz half ein Feuerwehrkamerad. „Der sagte sofort, das machst du bei mir“, erinnert sich der Hauptfeuerwehrmann und ergänzt: „Ich habe mich da wohl nicht so doof angestellt.“ Denn nach dem Praktikum erhielt er eine Ausbildungsstelle zum Bootsbauer.

Parallel engagierte er sich in der freiwilligen Feuerwehr. „Die Feuerwehr hat es mir ermöglicht, diverse Führerscheine zu machen“, so Pols. Die Fahrerlaubnisse für See- und Binnenschifffahrt, LKW und Gabelstapler finanzierte die Wehr. Hinzu kamen zahlreiche Lehrgänge: Truppmann, Atemschutz, Funk, Integration und Führungslehrgänge. Einige absolvierte er mit einem Feuerwehrmann aus Holm – seinem jetzigen Chef. „Als ich einen neuen Job gesucht habe, meinte er nur: Komm vorbei“, so Pols.

Per Handschlag wurde die Zusammenarbeit besiegelt. „Die ersten vier Monate habe ich eigentlich ohne Vertrag gearbeitet“, erinnert er sich. Noch heute arbeitet er als Wohnmobilservicetechniker in der Marschgemeinde. Dort ist er als Gastfeuerwehrmann aktiv: „Ich habe dort einen Spind, aber zu den Diensten schaffe ich es meistens nicht. Doch das Kernproblem ist ja, tagsüber Leute zu bekommen.“ Bei großen Einsätzen lohne es sich sogar für ihn, in die Rolandstadt zu fahren. „Mein Chef hat dafür absolutes Verständnis, da er selbst in der Wehr aktiv ist“, so Pols, der das Netzwerk lobt. „Hier gibt es alles vom Mauerer über den Automechaniker bis zum Arzt.“

Die Aktivitäten außerhalb der Wehr beschränken sich bei ihm auf Sport – allerdings auch mit der Laufgruppe der Freiwilligen Feuerwehr Wedel – und Angeln. Auch der Freundeskreis bestehe vor allem aus Blauröcken. „Ich habe an der Feuerwehr einen Narren gefressen. Das ist wie eine zweite Familie für mich“, sagt der 25-Jährige und ergänzt: „Ich bin da sicherlich ein Extremfall.“ Sein Tipp für Neulinge: Offen sein und auf andere zugehen. Doch das war nicht immer so, wie er selbst einräumt. „Ich war sehr frisch dabei und als einer der ersten vor Ort“, erinnert er sich an einen seiner ersten Einsätze. Einen Brand in der Johann-Diedrich-Möller-Straße. „Wir sind zu zweit rein und haben drei Menschen aus dem brennenden Haus geholt“, sagt Pols ganz ruhig. Sachlich. Fast nachdenklich.

Mitmachen: Die Feuerwehr Wedel sucht neue Kameraden. Wer sich engagieren möchte, kann bei einem Mitmach-Abend am Dienstag, 23. Juni, vorbeischauen und sich informieren. Beginn: 19 Uhr an der Feuerwache, Schulauer Straße 101. Kontakt: (04103) 912210. www.feuerwehr-wedel.net

Ein Mann starb noch an der Einsatzstelle. Die beiden anderen erlitten lebensgefährliche Brandverletzungen. Am Ende lautete die Bilanz: zwei Tote. „Als ich vor dem Haus stand, habe ich realisiert, dass mein komplette Jacke voller Blut ist“, so Pols. Was alles vor Ort passiert war, bekam er nicht mehr zusammen: „Ich hatte das Gefühl, es waren 30 Minuten, dabei waren es keine fünf.“ Zusammen mit der Wehrführung versuchte er, den Einsatz zu rekonstruieren. „Ich habe überlegt, ob ich das noch weiterhin machen will“, sagt Pols mit leiser Stimme. Zwei Monate habe er gebraucht, um sich durchzuringen, weiterzumachen. Ein Seelsorger sollte helfen, brachte aber wenig: „Die Seelsorger waren da, aber die konnte man vergessen.“ Pols fand Rückhalt in der Wehr: „Die Gespräche mit den Kameraden haben mir sehr geholfen.“ Dennoch sagt er: „Die Geräusche werde ich nie vergessen. Es waren auch später unschöne Einsätze dabei, aber die haben nicht das ausgelöst wie dieser Einsatz.“

Der Brand mit tödlichem Ausgang habe ihn verändert. „Mir ist klar geworden, was es bedeutet, Einsätze zu fahren. Ich habe mir vorher nie Gedanken gemacht, was kommen könnte“, sagt Pols. Heute gehe er auf der Fahrt zum Einsatzort Standardprozesse durch und sei sehr konzentriert. Im Einsatz sei es wichtig, nicht nachzudenken, sondern zu funktionieren. „Ich stelle mir immer den Supergau vor“, sagt er. Das seien verletzte Menschen oder eine Lage vor Ort, die deutlich von der Einsatzmeldung abweiche: „Wenn die Meldung lautet ,Ölspur beseitigen’, aber im Auto sind Menschen eingeschlossen – das wäre der Supergau.“

Über andere Einsätze spricht Pols sehr locker: Einer Frau, die vom eigenen Schuhschrank erschlagen wurde, ein Kind, das mit Babyöl aus einem Holzfass befreit wurde, einer Schlange, die er mit Grillzange im Voßhagen einfing oder einer Fledermaus im Schlafzimmer. Pols’ persönliches Fazit: „Bei der Feuerwehr erlebt man schon skurrile Dinge.“

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