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Aus dem neuen Stadtgespräch : Was passiert bei einem schamanischen Feuerritual?

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Huna-Schamanismus gehört zum sogenannten Neo-Schamanismus und ist eine moderne spirituelle Bewegung, die traditionelle Weltanschauungen und als schamanistisch bezeichnete Rituale indigener Stämme und Völker aufnimmt und neu kombiniert.

shz.de von
erstellt am 24.Feb.2017 | 12:17 Uhr

Pinneberg | Um eines klarzustellen: Meine Idee, zu einem schamanischen Feuerritual zu gehen, war es nicht. Ich fühle mich komisch. Wie ich so vor dem steinernen Grill mit der glosenden Glut stehe, in der Hand zwei rosa Zettel mit zwei Wünschen drauf. Susanne Wendt (56), Heilpraktikerin aus Rellingen und Huna-Schamanismus-Lehrerin, lächelt mir aufmunternd zu. „Erst reinigen wir deine Aura und dann bittest du Pelé um die Erfüllung deiner Wünsche.“ Aha. Pelé, die hawaiianische Göttin des Feuers, von der ich zuvor noch nie gehört hatte. Ob eine Göttin jemandem, der sie gar nicht kennt, Wünsche erfüllt? Ich bin ein wenig skeptisch.

Huna-Schamanismus gehört zum sogenannten Neo-Schamanismus und ist eine moderne spirituelle Bewegung, die traditionelle Weltanschauungen und als schamanistisch bezeichnete Rituale indigener Stämme und Völker aufnimmt und neu kombiniert. Huna ist ein hawaiianisches Wort und bedeutet „verborgen“. Die Lehre besteht aus philosophischen, psychologischen, spirituellen und esoterischen Ele­menten und interpretiert die alte Religion Hawaiis. Huna hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Anhänger vor allem in vielen Ländern Europas und in Amerika sowie im pazifischen Raum erlangt.

Wenige Minuten zuvor hat Susanne mir und meinen vier Kolleginnen eine Einweisung in den Huna-Schamanismus gegeben. Wir wollten für diese Ausgabe einen Erfahrungsreport machen. In einer Gruppe, um uns austauschen zu können. Also kommen Maike, Merle, Alena und Lena mit. Wir haben uns für Susanne entschieden, weil sie nach unseren Recherchen als eine der wenigen Schamanismus im Kreis Pinneberg anbietet und uns empfohlen wurde. „Und vergiss nicht, dich dreimal zu bedanken. Das ist ganz wichtig“, erinnert mich Susanne mit eindringlicher Stimme, während ich auf die Glut starre. Wie? Laut? So dass es alle hören? Ach du meine Güte. Was sagt man denn da so?

Sie selbst hat bei einer Schamanismus-Meisterin gelernt und schätzt Huna wegen seiner lebensbejahenden Fröhlichkeit und dass es dabei viel Raum für freie Entfaltung gibt. „Huna-Heilrituale tun gut“, sagt sie. „Es ist eine Lebensphilosophie, keine Religion.“ Huna gehe davon aus, dass alles beseelt ist. In Trance könne man mit allem Kontakt aufnehmen. Mit Steinen, Blumen oder Geistern. Und mit Hilfe der Rituale, die „wie ein Gespräch mit der geistigen Welt“ seien, könne man sein Leben, seine Seele wieder mehr in Einklang mit Mutter Erde bringen. „Huna kennt drei parallele Welten“, erklärt sie. „Die obere Welt der Geister, die mittlere Welt, in der wir jetzt sind, und die Unterwelt der Kraft- und Seelentiere, die wir später besuchen werden.“ Ja? Wie denn?

In der einen Hand hält Susanne eine Muschelschale, in der anderen einen Bund mit schwelenden Salbeiblättern, mit dem sie an mir entlang fährt. Rauch umschmeichelt mich. Es riecht gut. Sogar sehr gut. Ich atme tief ein, trete auf das Feuer zu und spreche – ich glaube es kaum – zu Pelé. Dass ich mich freuen würde, wenn sie mir meine Wünsche erfüllen würde, die ich nicht sagen darf. Ich bin froh, dass mir die anderen nicht zuhören. Sie sind noch drinnen. Nicht, weil es peinlich ist. Sondern irgendwie persönlich. Ich werfe meine rosa Zettel ins Feuer hinein und bedanke mich dreimal laut. Geschafft.

Vor dem eigentlichen Feuerritual wird die Aura mit Salbeirauch gereinigt.

Vor dem eigentlichen Feuerritual wird die Aura mit Salbeirauch gereinigt.

Foto: Schmidt-Harder

Susanne nennt das, was sie macht, spirituelle Energie-Medizin. Und ist es leid, dass diese immer in die Esoterik-Ecke geschoben wird. Dass viele Menschen nicht an Geistheilung glauben, weiß sie. Aber sie weiß auch, wie und wem sie schon alles geholfen hat. Wie dem jungen Mädchen, das den Missbrauch aus der Kindheit nicht hinter sich lassen konnte. „Einen guten Heiler zeichnet aus, dass er sagt, dass er nicht heilt. Sondern dass er ein Medium ist, das Energie überträgt.“ Und: „Wer zu mir kommt, ist offen dafür.“

Die anderen sind dran. Eben haben sie alle noch ein bisschen ungläubig gegrinst. Doch nun ist jede ganz ernst. Andächtig und nachdenklich wirft jede für sich ihre Zettel in die Glut.

Über etwas reden ist anders als es tatsächlich zu tun. Für mich war es gar nicht so leicht, konkrete Wünsche zu formulieren und dann auch noch um deren Erfüllung zu bitten. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mich das letzte Mal bewusst gefragt habe, was ich in meinen Leben loslassen will. Und was ich gern ab sofort hätte. Ich musste einige Zeit darüber nachdenken. Die anderen übrigens auch. Interessante Übung in diesem modernen Leben voller Funktionalität, Selbstoptimierung und Pflichterfüllung.

„Sei achtsam mit allen Dingen“, sagt Susanne. „Das ist eine Kernaussage von Huna. Verletze niemanden. Was du denkst, ist Energie. Worte können heilen, aber auch verletzen.“ Ich muss ihr im Stillen Recht geben. „Bist du achtsam, wird es sich potenzieren.“ Das wäre schön. Nach dem Feuerritual sollen wir unsere Krafttiere kennenlernen. „Im Schamanismus hat jeder ein persönliches Krafttier. Man kann ihm begegnen und es um Rat fragen.“ Ohoh, da ist sie wieder – die Skepsis.

Der Weg zum Krafttier führt über eine Meditation. Susanne macht Musik an. Wir sollen die Augen schließen und uns vorstellen, fest mit Erde und Himmel verbunden zu sein. Dann weist sie uns mit sanfter Stimme an, uns unseren persönlichen Ort der Kraft vorzustellen. „Es kann alles sein“, sagt sie. „Eine Wiese, ein Baum, ein Strand.“ Ich stelle mir einen Wald vor, mit großen Bäumen. Die Sonne scheint. Glaube ich. Es gefällt mir dort.

Zettel mit Wünschen werden in das Feuer geworfen.

Zettel mit Wünschen werden in das Feuer geworfen.

Foto: Schmidt-Harder
 

„Nun rufe dein Krafttier zu dir.“ Während ich mir noch ziemlich sicher bin, dass das nie und nimmer funktionieren wird, erscheint vor meinem inneren Auge ein – Reh. Ernsthaft? Ich hatte eigentlich eher etwas mit Krallen und mehr Zähnen erwartet. Ein Reh. Hm. Nett. Ich mag Rehe. Wir verweilen eine Weile. Dann zählt Susanne bis fünf, und ob ich will oder nicht, öffne ich, zack, die Augen. Wie hat sie das denn gemacht? Jede von uns hat etwas anderes gesehen. Die eine ein Pferd, die nächste einen Falken, die vierte eine Katze und die fünfte einen Wolf. Oder Bären. Sie ist sich nicht ganz sicher.

Zu jedem Tier gibt es eine Bedeutung, eine Erklärung. Mein Reh steht dafür, wieder mehr mit dem Herzen zu denken und mehr Harmonie im Leben zuzulassen. Das kann nicht schaden, denke ich. Nach zwei Stunden ist die Sitzung vorbei. Wir alle lachen, sind entspannt, fühlen uns befreit. Wie, als seien wir ein bisschen besser gewappnet für den Tag. Salbeigeruch haftet uns an, erinnert den ganzen Tag an unsere Wünsche. Meine haben sich leider noch nicht erfüllt. Aber das Jahr ist ja auch noch lang. Ein paar Tage später sehe ich ein Reh in den Knick huschen. „Na, bist du meins?“, sage ich laut und muss unwillkürlich lächeln. Es ist ein gutes Gefühl.

Mehr Geschichten rund um das Thema Spiritualität finden Sie im aktuellen Stadtgespräch am Freitag, 24.02.2017, in Ihrem Pinneberger Tageblatt und an allen bekannten Auslagestellen.

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