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Jugendschutz im Kreis Pinneberg : „Was hast Du drunter?“ - Neues Live-Onlineportal entlockt Kindern zahlreiche private Infos

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kinder und Jugendliche geben im Internet bei Younow intime Einblicke in ihr Privatleben.

Kreis Pinneberg | Wenn es Abend wird, dann werden die Kinderzimmer zu Bühnen. Zum Marktplatz der Eitelkeiten. Zum Showroom der Selbstdarstellung. Die Protagonisten: Jungen und Mädchen, manche keine 14 Jahre alt. Sie haben die Online-Plattform younow für sich entdeckt. Sitzen vor ihren Rechnern, Tablets oder halten Handys in der Hand und senden Videoaufnahmen live in die Welt. Der Zugang zu dem Portal ist ein Kinderspiel. Wer mitmachen will, benötigt einen Facebook-, Google- oder Twitteraccount.

Bei Younow wird gequatscht – ohne Unterlass. Während sich einige vor der Kamera zeigen, läuft ein Chat. Andere Nutzer geben Kommentare ab, stellen Fragen. Und die, die sich präsentieren, antworten – auf fast alles. Wie alt bist Du? Wo wohnst Du? Hast Du einen Freund?

Eine, die sendet, ist Nicki (alle Nutzernamen von der Redaktion geändert). Das Mädchen ist außer sich vor Freude. Gerade hat sie den 150. Fan gewonnen. Das ist die Währung bei Younow. Je mehr Fans man hat, desto beliebter ist man. Und dazu kommen noch die Likes, die die Chatter an die jungen Video-Helden verteilen.

Wer Fans haben möchte, der darf nicht schüchtern sein. „Was hast Du an?“, wird Nicki gefragt. Die Frage ist wenig originell, weil die Antwort für jeden sichtbar ist. Nicki gibt dennoch Auskunft. Die entscheidende Frage folgt jedoch schnell: „Was hast Du drunter?“ Für das Mädchen kein Problem. Artig antwortet sie: „Ein Top.“ Privates bleibt nicht nicht privat. Auch wenn die Jungen und Mädchen durchaus gewarnt sind, wissen, dass irgendwo auch „Perverse“ vor den Computern sitzen und andere Interessen verfolgen, als nur mit einem fremden Mädchen oder Jungen über Schule, Musik und Sport zu chatten.

Jugendschützer schlagen Alarm

Jugendschützer warnen vor dem neuen Trend. „Ich mache meinen Job jetzt seit 20 Jahren und habe schon Einiges gesehen. Aber Younow hat eine neue Dimension“, sagt Boris Kaufmann, Jugendpfleger in Tangstedt. Erst in der vergangenen Woche habe er in einer Fernsehsendung von der Plattform erfahren. „Das Alter der User ist mir aufgestoßen. Bei neun Jahren geht es los“, sagt Kaufmann.

Dabei schreiben die Nutzungsbedingungen von Younow 13 Jahre als Mindestalter vor. Eine effektive Kontrolle der Seitenbetreiber scheint es nicht zu geben. Kaufmann warnt: „Die Seite ist eine Spielwiese für Pädophile. Manchmal stellt ein und derselbe Nutzer in mehreren Chats die gleichen Fragen.“ Los gehe es typischerweise mit Fragen nach der Schuhgröße, gefolgt von der BH-Größe. Aufforderungen, sich zu zeigen, folgten prompt.

Auch Nicki soll „ihren Bauch zeigen“. Von ihren Eltern – die „Bescheid wissen“ – hat sie gesagt bekommen, nichts Privates über Younow mitzuteilen. Trotzdem: In weniger als einer Stunde erfahren die Nutzer, dass sie 13 Jahre alt und 1,74 Meter groß ist. Sie wohnt in Bremen, liebt Pferde und ihre Familie. Und Nicki ist Single, weil ihr „Ex behindert“ ist.

Selbst wenn die Klamotten anbleiben, plaudern viele intime Informationen bereitwillig aus: den Grund fürs Schuleschwänzen, Trennungsstress mit Freund oder Freundin, die eigene Krankheit, Zoff mit den Eltern, Sportvereine, Wohnort, Telefonnummer. Alles live. Alles unwiderruflich öffentlich.

Warum Kinder das tun? „Sie nutzen Younow, um sich darzustellen“, sagt Kaufmann. Wer viele Fans und Likes hat, steht auf Ranglisten ganz oben. Außerdem winken sogenannte Coins, mit denen Sonderfunktionen bezahlt werden können. „Wenn sie persönliche Daten wie Telefonnummern herausgeben, ist vielen wohl nicht bewusst, welch großem Publikum sie die Infos preisgeben“, sagt Kaufmann. „Sie wissen nicht, wer auf der anderen Seite sitzt.“

Auch für Chrissi aus der Nähe von Düsseldorf stellen Alter und Geburtsdatum anscheinend keine privaten Daten dar. Zudem berichtet sie, dass sie seit 15. Januar einen Freund hat und sie „selbstverständlich“ auch schon Sex hatten.

Younow-Regel: Ausziehen verboten

Sich zeigen, Fans gewinnen. Mädchen sitzen, liegen oder stehen geschminkt vor der Kamera. Schon auf den kleinen Profilbildern der Jungen und Mädchen ist häufig viel Haut zu sehen. Jungen pflegen den Körperkult. Wer hat, der zeigt. Dabei ist Nacktheit bei Minderjährigen laut Younow verboten. „Younows Grundregel ist, dass sowohl Männer als auch Frauen unter 18 Jahren während der Sendezeit ständig voll bekleidet sein müssen. Weibliche Teilnehmerinnen müssen darauf achten, dass der Busen jederzeit vollkommen bedeckt ist“, heißt es auf der Internetseite. Selbst die fast schon gängigen Aufforderungen, Bauch oder Brust zu zeigen, kann laut Younow-Regeln „zur Suspendierung“ führen. Die Regeln beachten viele aber nicht, und das Unternehmen Younow mit Sitz in New York scheint diese auch nicht zu überwachen. Beispiel Mike und Charles aus den USA. 14 und 15 Jahre alt. Zwei Freunde. Sie hören Musik. Kommunizieren mit den Chattern. Und irgendwann haben sie nichts weiter an als ihre Boxershorts.

Selbst diejenigen, die im Chat mit privaten Bildern zurückhaltend sind oder den Regeln folgend angezogen bleiben, begeben sich in Gefahr. Viele Younow-Nutzer haben ihre Profile mit anderen soziale Plattformen verknüpft. Auf Instagram etwa werden Fotos gezeigt – auch sehr private.

Mit den Liveübertragungen können Rechte anderer verletzt werden, etwa dann, wenn nicht aus dem eigenen Zimmer sondern aus dem Klassenraum gesendet wird – ohne Wissen und Einwilligung von Mitschülern und Lehrern. Gleiches gilt für Aufnahmen in Cafes oder von öffentlichen Plätzen.

Jugendpfleger Kaufmann sagt: „Normalerweise bekomme ich früh mit, wenn sich neue Trends durchsetzen. Diesmal war ich völlig überrascht.“ Er habe mit den Jugendschützern der Kreisverwaltung und dem Amt Pinnau gesprochen. Nun sollen Informationen über Younow zusammengetragen werden. Dann soll entschieden werden, wie Schüler, Eltern und Lehrer aufgeklärt werden können. Außerdem möchte Kaufmann mit Mädchen und Jungen darüber sprechen, warum die Plattform so beliebt ist. Er will sich auch an Hamburger Schulen umhören, welche Erfahrungen dort gemacht wurden.

Die deutschen Datenschützer geben Jugendlichen Tipps zum sorgsamen Umgang mit ihren persönlichen Informationen. Passend zum „Safer Internet Day“ veröffentlichten die Datenschutzbeauftragten dazu gestern eine neue Webseite. Unter www.youngdata.de können sich junge Internetnutzer über den Umgang mit eigenen und fremden Daten informieren, wie der bayerische Landesbeauftragte für Datenschutz, Thomas Petri, in München mitteilte. Jugendliche lernten hier, „dass man bei vermeintlich kostenlosen Diensten durchaus bezahlen muss: mit seinen Daten und dem Verlust von Privatsphäre“.
Youngdata bietet Informationen zum Datenschutz bei der Nutzung von Online-Netzwerken wie Facebook oder YouTube, aber auch bei WhatsApp und Smartphones. Die Brandenburger Datenschutz-Beauftragte Dagmar Hartge kritisierte, dass manche Apps umfassende Zugriffe auf Informationen auf dem Smartphone verlangten. Das könnten Nutzer oft nicht unterbinden.
Das Portal klärt auch über die Gefahren von Cybermobbing auf. „Ein effektiver Schutz der Privatsphäre hängt auch davon ab, dass Betroffene ihre Rechte kennen und wissen, was sie selbst zum Schutz ihrer Daten tun können. Für Jugendliche ist es besonders wichtig, sich im Internet möglichst sicher zu bewegen“, sagte der bayerische Datenschützer Petri.
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erstellt am 11.Feb.2015 | 12:00 Uhr

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