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Terror in Rellingen : „Warum tun Menschen mir das an?“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

In Rellingen (Kreis Pinneberg) gingen am Montag vier Kleinwagen in Flammen auf. Es ist die dritte Nacht innerhalb von einer Woche, die Einsatzkräfte in Atem hält. Ein Feuerteufel verbreitet Angst und Schrecken.

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erstellt am 05.Aug.2014 | 10:00 Uhr

Rellingen | Ursel Schwarzer ringt nach Worten. Sie steht vor ihrem roten Chevrolet Kalos. Zerstört, ausgebrannt, Montagmorgen gegen 2 Uhr durch einen heimtückischen Anschlag. Die Mutter ist verzweifelt: „Warum tun Menschen mir das an?“ Es sind vier Autos älteren Baujahrs, die in dieser Nacht brennen. Ein weiterer Kleinwagen direkt neben Schwarzers Pkw, zwei weitere auf einem Hinterhofparkplatz eines Mehrfamilienhauses in derselben Straße. Vier Rellinger Familien stehen unter Schock. Sind sprachlos, entsetzt, wütend.

Die Kriminalpolizei in Pinneberg ermittelt auf Hochtouren. Und prüft „offiziell Zusammenhänge zwischen weiteren Brandanschlägen auf Autos“ in der Baumschulengemeinde: Am Montag, 28. Juli, gegen 2 Uhr im Ratsweg (hinterm Rathaus) brannten zwei Autos, ein weiteres brannte an der Schmiedestraße. Am Dienstag, 29. Juli, flackerten zwei Autos – ein Firmenwagen, ein Privatwagen – um 1.36 Uhr am Gaselbogen. Eine Tat, die bislang von der Polizei aus taktischen Gründen hinter Verschluss gehalten wurde. Und gestern Nacht: Der Terror erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt.

Der Schaden wird von der Polizei mit etwa 10.000 Euro beziffert. Der Schaden an den Seelen der Menschen ist dagegen unermesslich. Es ist der Moment, in dem Bürgermeisterin Anja Radtke (parteilos) den Betroffenen nahe sein will. „Es sind meine Bürger, es ist mein Ort, für den ich die Verantwortung trage“, sagte die Verwaltungschefin gestern. Und weiter: „Ich habe kein Verständnis für das, was passiert, weil es die Menschen verunsichert und beunruhigt. Ich möchte alle Bürger in diesen Tagen zu besonderer Aufmerksamkeit aufrufen.“

Als neue Qualität krimineller Energie wird auch das Bekennerschreiben von den Kripobeamten bewertet, das gestern Mittag via Facebook an das Pinneberger Tageblatt verschickt wurde. Darin kündigt der anonyme Schreiber „eine Kriegserklärung gegen die Gemeinde und deren Bürger“ und somit weitere Anschläge an. Für Sandra Barenscheer, Sprecherin der Polizei, kann, muss es aber nicht der Täter sein. Der Briefeschreiber gebe kein Täterwissen preis, die Fakten könne er aus Medienberichten haben. Aber: „Die Kripo prüft das Schreiben. Wir nehmen das sehr ernst“, betonte Barenscheer.

Die Kriminalpolizei Pinneberg geht derzeit nach ihren Worten von Brandstiftung aus. Und bittet dringend Zeugen und Hinweisgeber, sich unter der Telefonnummer (0 41 01) 2020 zu melden. Gleichzeitig gab es gestern Nachmittag ein Gipfeltreffen von Beamten des Rellinger Polizeireviers mit Spitzen der Verwaltung. Die örtlichen Beamten üben Schulterschluss mit der Kripo und nehmen ebenfalls rund um die Uhr unter (0 41 01) 49 80 Hinweise entgegen.

Terrorangst 2006: Schon im Sommer 2006 herrschte in Rellingen Terrorangst. Verbreitet von zwei Jugendlichen, die damals 18 Jahre alt waren. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe warf den beiden im März 2008 vor, einen Sprengstoffanschlag auf das Apfelfest geplant zu haben. Von dem Hauptvorwurf wurden beide am 2. Juli freigesprochen. Doch für 170 Straftaten wie Sachbeschädigungen, Reifenstechereien, Nötigungen, Brandanschläge und Körperverletzungen musste der eine drei Jahre lang ins Gefängnis, der andere dreieinhalb Jahre. Er wurde aber zunächst wegen „schwerer seelischer Abartigkeit“ in eine Psychiatrie überwiesen. Mittlerweile soll einer der beiden wieder in Rellingen leben.
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