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Pinneberger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 00:13 Uhr

Tornesch : Warme Wohnung dank Joghurtbecher

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Wer in Pinneberg Fernwärme bezieht, beheizt seine Räume mit “energetischer Verwertung“ manchen Inhalts der Gelben Säcke, der Dampf kommt aus Tornesch.

shz.de von
erstellt am 08.Sep.2013 | 06:00 Uhr

Die Förderbänder brauchen Futter. Unablässig fordern sie – wie piepsende Jungvögel – neues Material. Jedenfalls klingt es so, wenn der Radlader mit Warnton rückwärts fährt, um sich wieder in Position für einen neuen Angriff auf die riesige, säuerlich stinkende Müllhalde zu bringen.

Dann stößt er blitzartig hinein, beißt zu und spuckt all die klebrigen Joghurtbecher, die triefenden Weichspülerflaschen, die tropfenden Konservendosen und die fettigen Erdnusstüten wieder aus – den Inhalt von Millionen Gelben Säcken. Das ist in Tornesch-Ahrenlohe, bei der Gesellschaft für Abfallverwertung und Abfallbehandlung mbH, die alle nur als „GAB“ kennen, täglich Brot. Und eines, mit dem Geld verdient wird. „Mit jeder Tonne, die wir leeren und mit jedem Beutel, den wir holen“, so Herbert Schultze, der Chef des Recycling-Hofes, den zusätzlich täglich bis zu 623 Kunden mit ihren privaten Fahrzeugen ansteuern, um ihren Sperr- oder Sondermüll loszuwerden.

Das war jedenfalls der Spitzenwert im Jahr 2012. Und wenn es nach Schultze ginge, könnten es sogar noch mehr sein. Denn die deutsche Abfallwirtschaft arbeitet nicht zuletzt wegen stark gestiegener Rohstoffpreise höchst profitabel. Nahezu alles, was hier landet, kann dank einer hochmodernen Sortieranlage, die nach dem simplen Prinzip kleinster, kleiner und größerer Löcher in vielen, großen Drehtrommeln arbeitet, wiederverwertet oder „energetisch“ recycelt werden. Heißt: Matratzen beispielsweise, deren Bauart es nicht erlaubt, sie effizient auseinanderzunehmen, finden zusammen mit anderen, unbrauchbaren Materialien ihr endgültiges Ende in einer Verbrennungsanlage, wo Dampf entsteht, der als Fernwärme in zirka 6000 Pinneberger Haushalte gelenkt wird.

Dass die in Schleswig-Holstein wegen ihrer Größe einmalige Anlage, die im kommenden Jahr ihren 30. Geburtstag feiert, noch lange existieren wird, liegt auch an ihrer hohen Akzeptanz in der Bevölkerung des Kreises Pinneberg. Durchschnittlich 100 000 Mal fuhr man jährlich dorthin und lieferte 60 Tonnen Abfall pro Tag ab. Besonders viele alte Sofas, Stühle und Tische registrieren Schultze und sein Betriebsleiter Dirk Portala immer dann, wenn – wie in dieser Zeitung – Beilagen mit Sonderangeboten der Möbelhäuser erscheinen. Portala: „Die Leute können es nicht abwarten, sich für ihre alten Sachen einen Termin bei der Sperrmüllabfuhr zu holen, sie wollen sie gleich loswerden.“ Und dann stünden sie sogar Schlange. „Besonders an Sonnabenden, wenn lange geschlafen und spät gefrühstückt wird, kommen sie alle um 12 Uhr. Dann reicht der Autokorso kilometerlang von der Waage bis zur Kreisstraße“, fügt Schultze hinzu. Es gibt aber noch einen weiteren, besonderen Tag, an dem am Hasenkamp erheblich mehr los ist als üblich. Schultze: „Das ist der erste warme Tag im Jahr, wenn die Leute ihre Gartenmöbel herausholen und feststellen, dass sie dringend neue brauchen.“ Auch dann sei kaum ein Durchkommen. Superlative kann Schultze auch nennen, nachdem das Thema zum Biomüll wechselt.

40 000 Tonnen fährt die GAB jährlich ab und bringt sie zu einer Tochtergesellschaft, die daraus hochwertigen Kompost gewinnt und ihn in den Verkauf bringt. Per annum lüftet sich auf diese Weise im Kreis Pinneberg zwei Millonen Mal der Deckel einer Bio-Tonne, damit der Gras- und Baumschnitt in einem der 35 GAB-Fahrzeuge landet.

Selten kommt es übrigens auf dem Recycling-Hof zu Streitereien genervter Anlieferer, die stundenlang gewartet haben. Nur einmal mussten Schultze und Portala bisher wegen eines Vorfalls die Polizei rufen. Ein Kunde hatte eine alte Standuhr zur Entsorgung dabei. Als eines der beiden Gewichte diente eine Granate aus dem ersten Weltkrieg. Die war allerdings noch scharf.

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