„Wann fängt Sterben an?“

Das Thema Tod macht ihr keine Angst: Für Ute Eckhardt-Tams, ausgebildete Krankenschwester und studierte Philosophin, ist er Teil des Lebens.
Das Thema Tod macht ihr keine Angst: Für Ute Eckhardt-Tams, ausgebildete Krankenschwester und studierte Philosophin, ist er Teil des Lebens.

Hospizdienst-Koordinatorin Ute Eckhardt-Tams ermutigt Menschen, in existenziellen gesundheitlichen Krisen frühzeitig Hilfe zu suchen

von
16. November 2018, 17:26 Uhr

Ute Eckhardt-Tams ist ein fröhlicher Mensch, lacht gern und oft im Gespräch mit unserer Zeitung – obwohl es darin um ernste Themen wie Tod und Sterben geht: Seit 13 Jahren ist sie hauptamtliche Koordinatorin des Hospizdienstes der Diakonie für Pinneberg und Uetersen – und als solche verantwortlich für in etwa 50  ehrenamtliche, ausgebildete Sterbebegleiter. Um den Tod gehe es dabei aber eigentlich am wenigsten, sagt Eckhardt-Tams. Warum, erläutert sie im Freitagsgespräch und räumt dabei mit einigen Missverständnissen auf.

Eckhardt-Tams ist gelernte Krankenschwester und studierte zudem Philosophie und Theologie – weil sie Fragen des Menschseins interessierten. Insbesondere in Krisensituationen. „Dann reagieren Menschen wie sie eben sind. Ihre Persönlichkeit kommt zum Tragen“, sagt sie. Das Interesse für den letzten und oft krisenbehafteten Abschnitt des Lebens entstand bei Eckhardt-Tams in der Schwesternausbildung, die sie noch vor ihrem Studium absolvierte. „Damals, in den 1980-er Jahren, sind Menschen im Krankenhaus regelrecht krepiert“, sagt sie. Sie wurden aus den Mehrbettzimmern ins Bad geschoben, um dort zu sterben. Das habe Krankenhauspersonal wie Angehörige betroffen gemacht. Daraus sei, aus einem englischen Ansatz der Nachbarschaftshilfe, eine ehrenamtliche Bewegung zur Sterbebegleitung entstanden – die Hospizgruppen.

Eckhardt-Tams ist es wichtig klarzustellen: „Heute hat jeder Mensch, der krankenversichert ist, das Recht auf eine palliative Versorgung.“ Ist ein Patient austherapiert, wird er palliativ behandelt – also durch medizinisches Fachpersonal bis zum Tod gepflegt und schmerztherapiert. Wenn diese medizinische Behandlung nicht allein ausreicht, kommt der ambulante Hospizdienst von Eckhardt-Tams ins Spiel: „Wir sind nicht für die medizinische Versorgung verantwortlich, wir sind ein Besuchsdienst.“ Das werde nur auf Wunsch des Patienten oder, wenn dieser das nicht möchte, auch nur für die Angehörigen angeboten und meist durch den Hausarzt verschrieben. Es könnten auch Patienten oder Angehörige selbst auf den Hospizdienst zukommen.

Die Hilfe der Ehrenamtlichen ist mannigfaltig: Sie reicht von Gesprächen mit dem Patienten aber auch genauso seinen Angehörigen, über die Vermittlung praktischer Hilfe bis hin zu Finanz- und Verwaltungsangelegenheiten. Das könne auch bedeuten, einfach abends mal vorbeizukommen, damit ein pflegender Angehöriger beispielsweise zum Sport gehen kann.

Eckhardt-Tams bedauert, dass die Schwelle, einen Hospizdienst anzurufen, oft viel zu hoch sei. „Häufig sagen die Leute: So weit ist es noch nicht.“ Doch fragt sie: „Wann fängt Sterben denn an? Wir wissen doch nur, wann es endet.“ Dabei sei die Unterstützung oft für einen Angehörigen schon viel früher nötig. Die Hilfe eines Hospizdienstes könne bei jeder existenziellen, gesundheitlichen Krise in Anspruch genommen werden. Auch wenn der Patient diese letztlich überwindet und weiter lebt, oder sich die Krankheit bis zum Tod noch Jahre hinzieht, könne ein Hospizdienst hinzugezogen werden und für Betroffene mit ihren Angehörigen unterstützend wirken.

Das Wort „Sterbebegleitung“ scheint hier irreführend – dieser Eindruck entsteht im Gespräch mit Eckhardt-Tams. „Wir sind in erster Linie ein Besuchsdienst“, sagt sie. „Über den Tod sprechen wir mit den wenigsten. Niemand muss mit uns über den Tod sprechen. Am meisten geht es eigentlich um das Leben“, sagt sie. Um den Umgang mit Trauer. Viele Patienten berichten von früher, interessieren sich für das tägliche Leben, an dem sie aufgrund einer längeren Krankheit nicht teilnehmen können. „Einige möchten noch einmal etwas bestimmtes erleben, was wir dann organisieren oder selbst begleiten“, berichtet Eckhardt-Tams aus ihrer Erfahrung. „Eine Frau wollte noch einmal in die Stadt zum Shoppen – außer uns traute sich das keiner mit dem Sauerstoffgerät.“ Sie habe sich eine neue Hose gekauft, einen Kaffee getrunken. Mit ihrer ehrenamtlichen Begleiterin geklönt. Die sogenannte Sterbebegleitung sei vor allem ein teilweise auch jahrelanger Kontakt zu Menschen. Sie bedeute, präsent zu sein in Zeiten, in denen sich oft nach längerer Krankheit das sonstige soziale Umfeld aufgelöst hat. In denen Angehörige erschöpft und emotional dünnhäutig sind. Jemand der kommt, zuhört, aber auch wieder geht.

Entsprechend hofft Eckhardt-Tams, dass noch mehr Menschen die Scheu vor ehrenamtlicher Arbeit im Hosizdienst verlieren. „Ganz besonders toll wäre es, wenn wir mehr Männer bekommen würden“, sagt sie. Denn gerade für männliche Patienten sei auch Männerbesuch angenehm. „Was uns von der Normalbevölkerung unterscheidet ist nur, dass wir keine Angst vor dem Thema haben“, sagt sie. Die einjährige Ausbildung beschäftige sich ebenso in erster Linie mit dem Leben: „Es geht darum, zu beobachten, wie man selbst Krisen meistert. Um Fragen des Glücks,“ berichtet sie. Vielen Ehrenamtlichen hätte sowohl diese Ausbildung als auch die Arbeit viel gebracht. „Und zwar für ihr Leben, nicht erst für den Tod.“

> Nächste Woche: Hassan Waseem, Leiter der Cricketabteilung und Integrationslotse im Kummerfelder Sportverein.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen