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Juden in Deutschland : „Vorurteile sind immer noch vorhanden“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Das Sonntagsgespräch: Heute mit Wolfgag Seibert von der Jüdischen Gemeinde Pinneberg.

shz.de von
erstellt am 27.Apr.2014 | 15:30 Uhr

Pinneberg | Wolfgang Seibert ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg. Im Sonntagsgespräch berichtet er unter anderem, wieso Antisemitismus immer noch ein Problem ist und wie er die Situation in Israel beurteilt.

Wie sehen die Aktivitäten der Jüdischen Gemeinde aus?
Unsere Aktivitäten sind sehr vielfältig. Wir veranstalten zwei oder drei Gottesdienste pro Monat. Außerdem bieten wir Deutsch- und Religionsunterricht an. Dazu kommen das Seniorencafé, Sozialarbeit und verschiedene Veranstaltungen. Für eine Gemeinde mit 250 Mitgliedern ist das ein umfangreiches Programm.

Ist Antisemitismus immer noch ein Thema in Deutschland?
Mit Sicherheit. Der offene Antisemitismus hat zwar abgenommen, aber die üblichen Vorurteile sind bei vielen immer noch vorhanden. Diskriminierende Verallgemeinerungen treten leider sehr häufig auf. Beispielsweise heißt es, dass Juden alle reich und arrogant sind. Ich finde es wichtig, auf die Probleme aufmerksam zu machen und auch gegen Rechtsradikale Position zu beziehen. Viele jüdische Gemeinden ducken sich wie vor 1933 zu sehr weg.

In vielen europäischen Staaten wie Frankreich, Ungarn oder der Ukraine sind die Rechten sehr stark. Beunruhigt Sie das?
Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen. Das Schlimme ist, dass in der Ukraine eine antisemitische Partei sogar der Regierung angehört und von unserer Bundesregierung unterstützt wird. Wenn man der Ukraine wirklich helfen will, eine Demokratie aufzubauen, hätte man Unterstützung davon abhängig machen müssen, dass diese Partei nichts zu sagen hat.

Wird das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen immer noch vom Holocaust bestimmt?
Nein, er spielt längst nicht mehr dieselbe Rolle wie früher. Ich halte ein Judentum, das sich über den Holocaust definiert, auch für schwierig. Natürlich darf dieses Thema nicht vergessen werden. Aber es gibt andere Probleme, die man lösen muss.

Wie beurteilen Sie die Situation in Israel?
Ich halte sie nach wie vor für sehr schwierig, weil sich weder Palästinenser noch Israelis wirklich bewegen. Eines der Grundprobleme ist sicherlich, dass die Ultrareligiösen auf beiden Seiten zu viel Einfluss haben. Hoffnung macht mir, dass die Zahl derer überwiegt, die Frieden mit den Palästinensern wünschen.

Haben Sie Kontakte nach Israel?
Ja, ich habe dort Verwandte und Freunde. Die Stimmung ist bei den Menschen ganz unterschiedlich. Die alten Leute haben sehr viel Angst. Eine Bekannte erzählte mir beispielsweise, dass sie nachts aus Furcht vor Raketen nicht schlafen kann. Die Jüngeren sind dagegen meistens entspannter. Israel ist auch nicht gleich Israel. Zwischen dem konservativen Jerusalem und dem unbekümmerten und weltoffenen Tel Aviv gibt es riesige Unterschiede.

Häufig gibt es Diskussionen, wenn deutsche Politiker Israel kritisieren. Aus Ihrer Sicht verständlich?
Sicherlich gibt es an Israel einiges zu kritisieren. Allerdings sollte die Kritik reflektiert sein. Und das ist leider häufig nicht der Fall.

Hat sich die Lage für Israel durch den arabischen Frühling verändert?
Es ist für Israel schwieriger geworden. Am Anfang bestand vielleicht die Hoffnung auf Verbesserungen. Da aufgrund des arabischen Frühlings radikal-islamische Gruppen sehr stark an Einfluss gewonnen haben, hat sich die Situation leider verschlechtert. Auch die Gefahr durch den Iran wird meiner Meinung nach unterschätzt.

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