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Pinneberger Tageblatt

17. Dezember 2017 | 05:55 Uhr

Vorhersagen sind Kaffeesatzlesen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Vortrag Eine Million Vögel sind aus Angst vor der Vogelgrippe in deutschen Mastställen getötet worden – obwohl keine Gefahr bestand

shz.de von
erstellt am 21.Nov.2017 | 16:00 Uhr

Es gibt nicht viele Vorhersagen über unsere Zukunft, die mit absoluter Sicherheit eintreten – außer diese hier: Wir werden alle sterben. Das kann man hinnehmen, ärgerlich finden oder man gerät in Panik. Gerade Letzteres ist eine Reaktion, die der Wissenschaftlerin Karina Reiß immer wieder aufgefallen ist, wenn das Thema Infektionskrankheiten in der Gesellschaft diskutiert wird. Die Biologin und Biochemikerin lehrt an der Christian-August-Universität zu Kiel und war mit ihrem Vortrag „Scheckgespenst Infektionen – Mythen, Wahn und Wirklichkeit“ zu Gast bei der Elmshorner Sektion der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft in der Elsa-Brändström-Schule. In ihrem Beitrag geht es um Infektionen wie Vogelgrippe, BSE oder EHEC und um übertriebene Vorsichtsmaßnahmen, die viel Geld kosten, Tierleid erzeugen und darüber hinaus wenig Nutzen haben.

„Wenn sie in Asien auf dem Geflügelmarkt gehen, können sie davon ausgehen, dass jeder zweite Vogel die Grippeviren in sich trägt“, sagt Reiß über die Verbreitung der Vogelgrippeviren. Das klingt dramatisch, Reiß aber wiegelt ab. Die Gefahr werde überschätzt. Nicht jedes Tier, das den Erreger in sich trage, werde davon auch krank – die Bedrohung für den Menschen sei nicht sehr groß. „Ob daraus eine große Pandemie entsteht – da kann man auch Kaffeesatz lesen. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering“, sagt Reiß auch weil die Verbreitung von Grippeerregern bei Vögeln kein neues Phänomen sei. „Solange es Vögel gibt, gibt es Grippeviren. Das ist ein Naturgesetz.“

Dramatische Folgen hatte die Vogelgrippe im vergangenen Jahr eher aus einem anderen Grund. Mehr als eine Million Hühner, Enten und Puten seien in deutschen Ställen getötet worden – vorsorglich. „Meine Damen und Herren, das ist Tierquälerei“, findet Reiß und verweist auf Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes, wonach Wirbeltiere nicht grundlos getötet werden dürfen. „Man kann es nicht anders sagen. Hierbei handelt es sich um behördlich angeordnete Straftaten.“

Reiß zeigt in ihrem Vortrag, dass die Relation zur Gefahrenabwehr bei vielen Infektionskrankheiten nicht stimmen . So sei das Risiko an Vogelgrippe zu erkranken sehr gering; zwischen 2003 und 2016 seien 859 Erkrankungen und 452 Tote registriert worden – weltweit. Zum Vergleich: An der „einfachen“ Grippe sterben weltweit jährlich bis zu 500 000 Menschen.

Gegen Ende des Vortrags zeigt die Wissenschaftlerin ein Bild, auf dem ein Mann Geldscheine in ein Feuer wirft. „Ich finde dieses Bild eigentlich sehr schön, aber es ist falsch. Geld wird nicht verfeuert, es wechselt nur den Besitzer“, sagt Reiß und spielt auf Beträge von mehreren Milliarden Euro an, die Pharmaunternehmen durch die übersteigerte Angst vor Infektionskrankheiten verdienen.

Reiß’ Vortrag macht deutlich, dass die Angst vor Pandemien oft eine Überreaktion ist. Gegen Ende des Abends spricht sie aber einen Punkt an, der eine echte Gefahr darstellt: In Deutschland gebe es viel zu wenig Infektologen. So sei diese medizinische Richtung im Ausland eine eigenen Fachabteilung, während in Deutschland Medizinstudenten nur Einzelkurse dazu besuchen würden. „Es ist leider so, dass sie hier, wenn sie einen Infekt haben, große Chancen haben, falsch behandelt zu werden.“ Diese Schwachstellen anzugehen sei im Kampf gegen Infektionskrankheiten weitaus förderlicher als Ad-hoc-Handlungen.

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