Technik aus Wedel : Von Wedel bis in den hintersten Zipfel der Welt

Die Elektrifizierung der Moschee im Heimatdorf von Ägyptens Machthaber Gamal Abdel Nasser wirbelte in der Presse viel Staub auf.
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Die Elektrifizierung der Moschee im Heimatdorf von Ägyptens Machthaber Gamal Abdel Nasser wirbelte in der Presse viel Staub auf.

Die Solartechnik bringt Strom überall dorthin, wo Leitunglegen zu kompliziert oder zu teuer ist.

shz.de von
09. Januar 2018, 17:00 Uhr

Wedel | Technik aus Wedel ist nicht nur im fernen Universum zu finden. Auch auf unserer irdischen Weltkugel hat Know-how aus der Rolandstadt bereits die hintersten Winkel der Erde erreicht. Dass das durchaus wörtlich zu nehmen ist, zeigen die Schilderungen von Karl Maass. Der Wedeler, der zu den Gründern des Technicon gehört, war als Projektingenieur für AEG-Telefunken auf dem Gebiet der Solarenergie tätig und hat Anlagentechnik in vielen Fällen gerade dorthin gebracht, wo keine Stromleitungen mehr hinreichen: in die ägyptische Wüste beispielsweise und bis ins unwirtliche Hochgebirge in China.

Schulfernsehen für Chinas Bergregionen

„Zusammenstellung von Photovoltaik-Anwendungen, die von AEG weltweit errichtet wurden“ steht vorn auf dem grauen Ordner, den Maass zum Gespräch mitgebracht hat. Innen drinnen: eine farbige Welt voller spannender Abenteuer. „Ich war 20 Mal in China“, berichtet der Ingenieur auf Nachfrage. Für Solarprojekte, die er selbst betreut hat. Insgesamt waren es bis zu 10 000 Projekte, die die Wedeler AEG in rund 25 Jahren realisierte. „Immer in Gegenden, wo kein Strom fließt, und da gibt es viele in China“, ergänzt Maass. Das Solarmusterdorf Daxing bekam zur Versorgung seiner 400 Bewohner eine solarbetriebene Tiefwasser- sowie Bewässerungspumpen für die Felder, ein Solarhaus und einen Fernsehumsetzer, der fürs Schauen die Frequenz umwandelte. Mit der Solartechnik zog das Fernsehen auch ins indonesische Picon ein. Als Abfallprodukt sozusagen, erklärt Maass. Anfang der 1980er Jahre baute die AEG dort einen Solargenerator, der die Reisernte auf zwei- bis dreimal im Jahr steigerte. Um die Akzeptanz der fremden Technik zu erhöhen, stellten die Wedeler im Dorf den Fernseher auf, der gut angenommen wurde.

Auch für das von der Weltbank finanzierte Programm Schulfernsehen, das Unterricht und Fortbildung für Lehrer in die entlegensten Gebiete bringen sollte, war Maass in China im Einsatz, diesmal als unabhängiger Gutachter. Als Basis wurde in Peking ein Satellit gestartet, für dessen Empfang an den Bodenstationen riesige Parabolantennen aufgestellt wurden. Man wollte nicht so viel Papier auf die Dörfer schicken, vermutet Maass. Das seien die Anfänge des digitalen Zeitalters gewesen, sagt er lachend.

Als Projektingenieur war Karl Maass rund 20 Mal in China.
Foto: Inge Jacobshagen
Als Projektingenieur war Karl Maass rund 20 Mal in China.
 

Neben Fernsehen und Kommunikation spielte die Elektrifizierung von Bewässerungsanlagen die größte Rolle. Ob in Argentinien, in Ägypten oder in Nairobi, überall freuten sich die Bauern über sprudelnde Tiefwasserpumpen. „Solartechnik ist weitaus preiswerter, als ein Kabel zu legen“, erklärt der Projektleiter. In Jordanien entwickelten sie eine besondere Bewässerungspumpe, von der noch ein Modell im Technicon zu finden ist. Im angeschlossenen Schlauch sind Schlitze eingelassen, die das Wasser tröfchenweise direkt an die Wurzeln abgeben. Das spart nicht nur Wasser, sondern auch Energie, so Maass. Um die Wurzelarme zurückzudrängen, die in die Schlitze wuchsen, wurde ab und zu aufgedreht. Ein wirkungsvolles System, das sich weit verbreitete.

Um für die neue Technik zu werben, bekamen die Dorfbewohner einen solarbetriebenen Fernseher hingestellt. Das kam gut an.
Foto: Inge Jacobshagen
Um für die neue Technik zu werben, bekamen die Dorfbewohner einen solarbetriebenen Fernseher hingestellt. Das kam gut an.
 

Viel diskutiert wurde damals ein Solarprojekt in Ägypten, allerdings nicht aus technischer Sicht, sondern aus gesellschaftlichem Blickwinkel heraus. Das Heimatdorf von Machthaber Gamal Abdel Nasser wurde an Solarenergie angeschlossen und als politische Geste, quasi als Geschenk, gab’s die Elektrifizierung der Moschee gleich mit. „Das ging groß durch die Presse“, erinnert sich auch Technicon-Kollege Gerhard Kuper lachend.

Solargeneratoren hinter Panzerglas

Aber nicht nur in der weiten Welt, auch in Deutschland war die Wedeler AEG-Sparte aktiv. Für die Björn-Steiger-Stiftung stellten sie im Schwarzwald mehr als 1000 Notrufsäulen auf, die mit Solarenergie arbeiteten. Die Anlagen wurden immer wieder zerstört. Das Interesse galt den Solargeneratoren, die von Maass und seinen Mitarbeitern schließlich in bruchsicheres Panzerglas eingebettet wurden. Auf Scharhörn waren die Vögel das Problem. Die setzten sich liebend gern auf den Rand der Kollektoren, um ihre Notdurft zu verrichten. „Wir haben für sie ein Stück weiter nach hinten einen bequemen Balken eingezogen“, erläutert Maass die Lösung.

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