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Mensch Nachbar : Von einer, die auszog, um Kunst zu leben

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Quickbornerin Merle Greiner hat ihren Traum verwirklicht und widmet sich in der „Villa eigenArt“ ganz der Malerei.

shz.de von
erstellt am 24.Aug.2013 | 00:33 Uhr

Die Morgensonne fällt durch ein Fenster herein und taucht das Zimmer in fröhliches Licht. Die Sonnenstrahlen fallen auf Bilder – fertige und unfertige–, auf eine Staffelei, auf tausend angebrochene Farbtuben, auf eine Schüssel voller Buntstiftspäne, auf eine Lampe, deren Schirm mit Pinseln beklebt ist. Und mittendrin sitzt sie und lacht.

Merle Greiner ist angekommen, ihre Lebensfreude lacht aus jedem Fältchen, aus jeder Pore. Das war nicht immer so. Die Quickbornerin hatte ein ganz anderes Leben gelebt. „In der Schule liebte ich schon die Kunst, eine Lehrerin nahm mich an die Hand und sprach mir Mut zu, sogar ein Kunststudium aufzunehmen.“ Aber es sollte anders kommen. Die Lehrerin schied aus persönlichen Gründen aus dem Schuldienst aus, ihr Nachfolger war von Greiners Malerei nicht überzeugt. „Er meinte, ich solle mir das aus dem Kopf schlagen. Ich war da 18 und kurz vor dem Abitur“, erinnert sich die 37-Jährige. Verunsichert wandte sie sich von der Kunst ab, studierte Marketing und Kommunikation – und war bald erfolgreich in einer Werbeagentur angestellt.

„Ich hatte dieses Traumleben: Firmenwagen, schicke Altbauwohnung in Eppendorf, Partys ohne Ende – und pünktlich jeden Sonntag eine dicke Depression.“ Der schöne Schein reichte nicht, sie fühlte sich unausgefüllt, ihr Leben sinnlos. Aber wie sollte es weitergehen? Was macht man, wenn man eigentlich alles hat, wovon andere nur träumen?

Oft beklagte sie sich bei einer guten Freundin über die innere Leere – bis diese sie irgendwann vor die Wahl stellte. „Sie sagte ‚Merle, entweder änderst du dein Leben oder du rufst mich nicht mehr an‘“, erinnert sich Greiner. „Eine klare Ansage. Aber dann dachte ich, meine Freundin hat Recht.“

Einfach ausgestiegen
 

Gesagt, getan: Job und Wohnung waren schnell gekündigt, Flugticket gekauft und los ging die Reise nach Barcelona. Ein Jahr lang lebte Greiner dort und kehrte zu ihrer Leidenschaft zurück – die Kunst wurde zum Mittelpunkt ihres Lebens. Nach dieser Zeit der Selbstfindung, wie sie es selbst nennt, kam Greiner zurück und wusste, was sie wollte. „Ich ging zurück nach Quickborn und eröffnete in Ellerau eine Kunstschule.“ Diese wurde begeistert angenommen – die Kurse waren voll und eine Agentin half der Künstlerin dabei, ihre Werke auf den verschiedensten Ausstellungen unterzubringen.

Dann wurde Greiner schwanger und die Dinge änderten sich. „Die Besitzerin meines Ateliers in Ellerau rief an, sie müssten das Gebäude verkaufen“, erinnert sich die Künstlerin. Auch ihre Agentin wollte langsam etwas kürzer treten, heiraten und nach 30 Jahren im Beruf auch mal etwas anderes machen. „Das war für mich natürlich erstmal ein Schock“, gesteht die Quickbornerin. Das Leben als allein erziehende Mutter stellte sie ebenfalls vor neue Aufgaben. „ Schließlich fand ich hier ein kleines Häuschen zur Miete – hier wohne und arbeite ich jetzt.“

Ihr Heim hat sie liebevoll „Villa eigenArt“ genannt. Für ihre Kunst irgendwo hinfahren zu müssen, kann sie sich inzwischen nicht mehr vorstellen. „Kreativ sein auf Knopfdruck – das funktioniert nicht“, erklärt sie. Die Vorstellung, erst in einem Atelier aufräumen zu müssen, Musik anzuschalten oder gar die Heizung aufdrehen zu müssen – für Greiner ein zu krasser Gegensatz zur Spontaneität eines Künstlerlebens.

Zuhause malt sie dann, wann sie will. „Hier wird gelacht, geweint und die Musik laut aufgedreht, wenn ein schönes Lied kommt.“ Kunst funktioniere nur zuhause – auch wenn das Familienleben manchmal eine Herausforderung sei. „Ich kann am besten malen, wenn ich allein bin“, gibt sie zu. Diesen Sommer wurde ihr Sohn eingeschult – Zeit, um sich wieder voll und ganz ihrer Leidenschaft zu widmen. „Ich bin wieder in Aufbruchsstimmung“, lacht Greiner. Sie könne sich vorstellen, wieder Kurse zu geben. Seit einigen Jahren bietet sie in der Waldschule das „Kreative Klassenzimmer“ an – ein Projekt, bei dem Kinder im Vorschulalter spielerisch Kunst und kreatives Arbeiten kennen lernen. Auch drei AGs, die sie leitet, starten im Herbst. „Mit Kindern zu arbeiten, ist meine zweite Leidenschaft“, sagt Greiner. Außerdem seien ihre Bilder sehr gefragt. „Meine letzte Ausstellung hatte ich 2009 in Travemünde.“

Noch immer erreichen sie Anfragen von Menschen, die dort ihre Bilder gesehen haben und Auftragsarbeiten für sich selbst oder Freunde malen lassen wollen. Soziale Netzwerke nutzt Greiner nicht zur Vermarktung: „Meine Bilder verkaufe ich komplett analog“, sagt sie. Gerade hat sie einen großen Auftrag für eine Kanzlei fertig gestellt. „Ich liebe es, mich in den Kunden hinein zu fühlen – was könnte ihm gefallen, welche Farben und Formen passen?“ Sich ganz der Berufung hinzugeben, bedeute nicht selten ein großes Risiko. Kunst sei auch immer ein Stück Lebenskunst. „Aber als Selbstständige lernt man schnell, existentielle Sorgen loszulassen“, so Greiner.
 

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