zur Navigation springen

Serie: Unser Glaube : Von Bibelmotten und Rockbands

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Soziale Verantwortung und Ökumene wird in der evangelisch-methodistischen Kirchengemeinde Ellerbek groß geschrieben.

Ellerbek | Schöpfungsgemäß gut für die Umwelt handeln, Müll vermeiden, Tiere schützen, Integration in der Gesellschaft vorantreiben und Menschen in ärmeren Ländern nicht benachteiligen: Das gehört zu den sozialen Grundsätzen der Methodisten, wie Pastorin Christine Guse von der evangelisch-methodistische Kirchengemeinde in Ellerbek sagt. „Nicht alle kaufen fairen Kaffee. Aber viele“, so die 45-Jährige. Ein kleiner Eine-Welt-Laden sei regelmäßig nach den sonntäglichen Gottesdiensten im Foyer der Friedenskirche am Moordamm geöffnet.

48 Kirchenglieder gehören offiziell zur Gemeinde in Ellerbek, die im Kreis Pinneberg die einzige geistliche Anlaufstelle für Methodisten ist. Zirka 150 Menschen bewegen sich im Kreis der Gemeinde, von denen 40 regelmäßig sonntags um 11 Uhr auf den gepolsterten Kirchenstühlen Platz nehmen, wie die Pastorin sagt.

1960 wurde die Kirche eingeweiht. „Am Anfang bestand die Gemeinde hauptsächlich aus Flüchtlingen aus verschiedenen methodistischen Gemeinden, die hier nach dem Zweiten Weltkrieg Bauland und eine geistige Heimat gefunden haben“, so Guse. In Deutschland zählen wir zu den Freikirchen. Jeder zahlt nach eigenem Ermessen. Die Hauptamtlichen bekommen ein fest verabredetes Gehalt.“

Zu verdanken haben die Methodisten ihre Existenz John Wesley (1703-1791). In seinen Studentenjahren sei es dem Priester der anglikanischen Kirche ein „Anliegen gewesen, seinen Glauben auch zu leben“, so Guse. In der anglikanischen Kirche sei jedoch nicht alles so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Mit anderen Studenten, darunter sein Bruder Charles sowie auch George Whitefield, las er in der Bibel, begann ein striktes Leben zu führen. Sie besuchten Gefangene, Arme, Kranke, Menschen am Rand der Gesellschaft. „Sie wurden von anderen Studenten verspottet als Bibelmotten und Methodisten, weil sie ein methodisches Leben führten. Den Spitznamen haben sie sich dann zu eigen gemacht und mit Würde getragen“, erläutert Guse die Entstehungsgeschichte der Methodisten.

Aus der studentischen Bewegung wurde eine große Erweckung. Whitefield (1714-1770) war es, der anfing im Freien zu predigen und andere von dieser Art des Predigens zu überzeugen. Nur so konnten sie die Armen in den Arbeitersiedlungen der aufkommenden Industrialisierung erreichen. „Wesley wollte keine neue Kirche gründen. Nach seinem Tod ist es aber eine eigene Kirche geworden.“ Von Anfang an habe es auch weibliche Laienprediger gegeben. „Das war nicht selbstverständlich im 18. Jahrhundert“, betont Guse.

Weltweit 80 Millionen Gläubige

Inzwischen gebe es verschiedene methodistische Zweige mit unterschiedlichen Strukturen und weltweit 80 Millionen Gläubigen. „Unsere Kirche ist die United Methodist Church “, erklärt Guse. Diese habe weltweit zwölf Millionen Anhänger, in Deutschland ungefähr 53.000.

„Der Name Methodisten ist irreführend“, sagt Guse über das heutige Gemeindeleben, in dem niemand schief angeschaut würde, wenn man auch einmal ein Glas Wein trinkt. „Wir alle sind bemüht, ein Leben nach der Bibel und nach Gottes Willen zu führen“, so Guse. „Aber zu allererst ist immer die Vernunft gefragt. Man kann den eigenen Grips einschalten. Da kommt auch etwas Gutes bei heraus.“

Weltlichen Spaß dürfen Methodisten durchaus haben. „Letztes Jahr gab es ein Rockkonzert vor der Kirche, inklusive Coverband, Bühne, Bänke, Kinderspielgeräte, Eis, Würstchen, 200 Gästen und ,public viewing‘ der Fußballweltmeisterschaft“, so die Pastorin. Alkohol habe es jedoch nicht gegeben. „Wir haben überlegt, aber wollten niemanden gefährden.“

Ab 14 ist die Erwachsenentaufe mit einer
Aufnahme in die Kirche verbunden

Die Taufe erfahren Methodisten „wann man sie auswählt. Es gibt Eltern, die lassen ihre Babys taufen oder Kinder zwischen sechs und 14 Jahren.“ Ab 14 ist die Erwachsenentaufe mit einer Aufnahme in die Kirche verbunden. Die Jugendlichen besuchen zuvor üblicherweise einen zweijährigen kirchlichen Unterricht, an dessen Ende die Einsegnung steht. Vor dem Eintritt in die Gemeinde müssen sie sieben Fragen beantworten – im wesentlichen dazu, ob man sich zu Jesus Christus bekennt, nach der Bibel leben und sich am Gemeindeleben beteiligen will. „Die Taufe wartet auf eine Antwort“, erläutert die Pastorin.

Die Friedenskirche zeichnet sich durch ein familiäres Gemeindeleben aus. Guse erläutert: „Unter der Woche sind regelmäßige Treffen sehr wichtig. Wir haben zwei Hauskreise, einen Seniorentreff, einen Bläserchor, einen gemischten Chor.“ In den Gottesdiensten spiele Musik eine große Rolle. „Methodisten zeichnet es seit jeher aus, dass wir viel singen, durchaus kräftig“, so die 45-Jährige. Etwas Besonderes sei der Abendgottesdienst „Aufatmen“ immer am letzten Sonntag im Monat um 18 Uhr – meditativ und mit mehr Stille verbunden.

„Nach dem Krieg hat man sich hier und woanders damit auseinandersetzen müssen, dass man für eine Sekte gehalten wird“, so Guse. Im Laufe der Jahrzehnte habe man jedoch dafür gesorgt, als offene Kirche anerkannt zu werden. „Wir gehören zu den Gründungsmitgliedern des ökumenischen Rates und zur Vereinigung evangelischer Freikirchen.“ Ökumene werde bei den Methodisten groß geschrieben. Sie selbst dürfe als Pastorin in allen evangelischen Kirchen das Abendmahl halten. Ihr Ehemann sei Vikar in der reform-katholischen Kirche. Ehepartner aus anderen Glaubensgemeinschaften seien somit kein Problem.

Wie stehen die Methodisten zum Thema Homosexualität? Guse erläutert, dass derzeit weder Homosexuelle als Pastoren arbeiten dürften noch homosexuelle Lebenspartnerschaften gesegnet werden. Die Diskussion um die Änderung der Kirchenordnung sei jedoch „voll im Gange“. Die Frage sei immer: „Wie wortgetreu verstehen wir die Bibel. Da kann man sehr fundamentalistisch rangehen. Schaut man sich den Gesamtabschnitt an, kann man aber auch zu anderen Schlüssen kommen.“ Sie verdeutlicht: „In der Gemeinde wird es vielleicht ein oder zwei Leute geben, die Homosexuelle schräg angucken, aber die allermeisten werden sagen: Wo ist das Problem?“

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 18.Mär.2015 | 17:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen