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Thema der Woche: 25 Jahre Mauerfall : Von 40 Stasi-Mitarbeitern bespitzelt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der heutige Wedeler Lothar Berndt stand im Visier der Ermittler. Seine Frau Gudrun reiste zweimal aus der DDR aus.

shz.de von
erstellt am 07.Nov.2014 | 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | „Wo ist die Logik dahinter, einen kleinen Kfz-Meister zu bespitzeln?“, fragen sich Lothar und Gudrun Berndt noch heute. Bis zu 40 Personen verfolgten den heute 73-Jährigen aus Magdeburg, dessen Frau fast drei Jahre vor ihm die DDR verließ. Deren Tochter komplettierte die Familie erst wieder zwei Tage vor dem Mauerfall.

„Keiner ist damals auf die Idee gekommen, dass eine Mauer gebaut wird“, sagt die heute 69-jährige Wedelerin. Als die russischen Grenzposten Stacheldrahtbarrieren in Berlin ausrollten, war sie in den Ferien bei ihrer Oma im Westberliner Stadtteil Charlottenburg. „Ich habe davon nichts mitbekommen, weiß aber noch, dass meine Mutter Angst hatte, dass ich im Westen bleibe“, sagt Gudrun. Das tat sie aber nicht. Ihr Mann war zu dem Zeitpunkt auf Rügen als Kraftfahrer der Artillerie der Volksarmee – nicht ganz freiwillig. Sein Onkel hatte die spätere DDR verlassen und unter anderem ein Mofa hinterlassen, das Lothar in dessen Auftrag verkaufte. „Ich bin dann mit einem Freund nach Westberlin gefahren“, um das Geld abzuliefern. 700 DDR-Mark – oder wie er es nennt: „Indianergeld“. Der Bruder des Freundes war bei der Stasi und dort musste der heute 73-Jährige 14 Tage nach seinem Ausflug vorsprechen. „Ich wurde als Halbwaise eingestuft, da mein Vater im Krieg gefallen sei“, erinnert sich Lothar. Erst nach dem Mauerfall erfuhr er, dass sein Vater in Hannover gelebt hatte. Da man seiner Mutter keine „Erziehung nach sozialistischen Werten“ zutraute, stellte man ihn vor die Wahl: Jugendheim oder Militär. „Ich hätte nach Westberlin zurückgehen sollen. Ich Dussel“, resümiert er heute. Nach der Kubakrise im Oktober 1962 endete dann der Militärdienst: „Ich wurde als Gefreiter entlassen. Nicht weil ich so geglänzt habe, sondern weil ich so lange dabei war“, witzelt Lothar. Erst danach habe er vom Mauerbau erfahren, der sonst totgeschwiegen wurde.

1964 heiratete Lothar seine Jugendliebe. 1965 kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Er verdiente als Bus- und Kraftfahrer sein Geld. Seine Frau war bei der VEB Deutrans, der internationalen Spedition der DDR, tätig. Neben der Arbeit absolvierte sie fünf Jahre ein „Frauensonderstudium“ in Betriebswirtschaftslehre. „Die DDR war eine Mangelwirtschaft“, bilanziert Gudrun heute. Egal wo sie einkaufen wollte, nie gab es das, was man wollte. „Wir mussten immer Fragen ‚Was haben sie denn?‘ und mussten nehmen, was da war.“

Das Jahr 1978 veränderte das Leben der Familie: Ein Motorradfahrer fuhr Gudrun an, die fast ein Jahr lang im Krankenhaus verbrachte und noch heute unter den Folgen des Unfalls leidet. „Ich war vorübergehend invalidisiert“, sagt sie. Daher durfte sie in den Westen reisen – zu ihrem Onkel nach Hamburg-Rissen. Der Plan: Sie sollte dort bleiben. Mit einem Koffer mit Kleidung und einem geschmuggelten silbernen Löffel kam sie im Westen an. Doch nach vier Wochen kehrte sie nach Magdeburg zurück. „Mein Mann, meine Tochter und mein Hausstand waren in der DDR und meine Familie hat mir gefehlt“, erläutert die 69-jährige heute. Ihrem Mann brachte sie eine Bohrmaschine mit. „Ich habe mich über das Werkzeug gefreut, aber nicht, dass sie zurückkam“, sagt Lothar. Als seine Frau ein zweites Mal ausreisen durfte, machte er deutlich, dass sie bleiben sollte. „Wenn Du zurückkommst, kriegst du eine mit der Bratpfanne“, waren die Worte, die Lothar seiner Frau mit auf den Weg gab. Am 2. Januar 1980 kam sie schließlich in Hamburg an. „Das war alles sehr belastend und eine schwierige Entscheidung“, sagt Gudrun. Aber nach vier Wochen war die Entscheidung gefallen: Sie blieb bei ihrem Onkel.

Als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) wurden in der DDR Personen bezeichnet, die formal nicht für das Ministerium für Staatssicherheit – auch Stasi genannt – arbeiteten, diesem aber Informationen über vermeintlich feindliche Aktivitäten lieferten oder gar Einfluss auf andere Menschen oder Ereignisse nahmen. Der aktuellen Forschung zufolge waren bis zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit etwa 189.000 DDR-Bürger für eben jenes tätig und unterstützten damit die Diktatur in dem Staat. Mehr Infos dazu gibt es auf der Homepage des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. www.bstu.bund.de

Telefonisch hielt das Ehepaar Kontakt. „Wir haben telefoniert bis das Geld alle war“, sagen sie. 800 DDR-Mark habe der Kraftfahrer damals verdient und erinnert sich, in einem Monat eine Telefonrechnung von 500 Mark beglichen zu haben. „Die haben mich auf der Post gefragt, ob ich ein Geschäft habe“, sagt er. Aus dem Westen kosteten die Anrufe damals 1,50 Mark pro Minute.

Lothar machte in der DDR seinen Meister. „Ich dachte, dass dann einiges einfacher wird und habe danach begonnen, Ausreiseanträge zu stellen“, sagt er. Mindestens drei versendete Lothar. Beim vierten wurde er selbst im Ministerium vorstellig und wendete sich auch an die ständige Vertretung der Bundesrepublik. Kurz danach holte ihn die Stasi vom Arbeitsplatz ab. Drei Beamte kamen morgens um 5.30 Uhr und sicherten die Ausgänge. „Sollte ich weglaufen? Damit hätte ich mich nur verdächtig gemacht und sie hätten mich eh bekommen. Um mich herum war der Zaun“, beschreibt der Rentner. Die Uniformierten brachten ihn in ihre Zentrale. Im Verhörzimmer hatte er Blick auf ein vergittertes Gefängnisfenster gegenüber. „Als mich die Stasi in der Mangel hatte, habe ich gemerkt, wie doof die eigentlich waren. Dabei sollte ich doch Angst haben.“ 17 Stunden wurde er vernommen. Wie Lothar später erfuhr, wurde auch seine Wohnung durchsucht. Seine Frau hatte sich in Berlin an die Anwältin Barbara von der Schulenburg gewandt, die sich um Familienzusammenführungen aus der DDR kümmerte. Doch auch die sah keine weiteren Möglichkeiten. Also hieß es warten. „Irgendwann habe ich meinem Mann gesagt, dass ich zurückkomme, wenn nicht bald etwas passiert“, berichtet Gudrun. Doch dann ging es plötzlich schnell: Am 17. März 1983 erhielt Lothar seine Ausreisegenehmigung vom Ministerium des Inneren. Auf einem Laufzettel musste er sich von Geschäften, Banken, Vermieter und Elektrizitätswerk bestätigen lassen, dass er keine Schulden hatte. „Letztere wollten nicht unterschreiben. Da habe ich ihnen gesagt, dass ich es der Stasi mitteile und plötzlich ging es“, erinnert sich Lothar. Er lieferte den Laufzettel bei der Polizeistation in Magdeburg ab. Dort erhielt er seine Identitätsbescheinigung. Doch bevor er sein Bahnticket kaufen konnte, musste er im Rathaus die „Urkunde Entlassung aus der Staatsbürgerschaft“ abholen. Dann erst durfte er das Ticket in die Freiheit kaufen. „Die Trulle hat mich tatsächlich gefragt ‚Und wann fahren sie zurück‘“? Nie. Dabei ließ er die gemeinsame Tochter zurück. Diese hatte ihre erste große Liebe kennengelernt und wollte in der DDR bleiben.

Jahre nach dem Mauerfall las Lothar in seiner Stasi-Akte, dass er als „Fluchtanstifter“ bezeichnet wurde. Bis zu 40 Personen hatten ihn bespitzelt. „Da stand so viel belangloser Mist“, sagt der Wedeler. Kollegen, der Mann der eigenen Cousine oder der Chef der Frau. Die Namen auf der Liste der inoffiziellen Mitarbeiter (IM) war lang und persönlich. „Ein guter Kollege meines Mannes war dabei, der nach dem Mauerfall sogar bei uns auf dem Sofa in Rissen übernachtet hat“, ärgert sich Gudrun noch heute. Warum der Aufwand betrieben wurde, können beide nicht verstehen. Auch Briefe der Tochter wurden abgefangen und kamen nie in Hamburg an. „Da stand nichts Dramatisches drin“, sagt Lothar, während er in die Unterlagen schaut, die vor ihm liegen. Dort sind zahlreiche Belobigungen wie „Vorbildlicher Kraftfahrer“ zu finden. „Ich wurde vom leuchtenden Vorbild zum abschreckenden Beispiel“, resümiert er.

Mit dem Wohnwagen ging es in den Urlaub nach Ungarn, um einmal die Tochter zu treffen. Zwei Tage vor dem Mauerfall kam dann der für Gudrun und Lothar befreiende Anruf: „Ich stehe in Hof in Bayern“, hatte die Tochter mitgeteilt. Die Eltern rieten ihr, den Zug zu nehmen, der am weitesten in den Norden fuhr. Lothar – mittlerweile Busfahrer beim HVV gewesen – bekam zwei Tage frei und fuhr direkt los. „Irgendwo bei Bonn habe ich unsere Tochter dann eingesammelt.“ An den Fall der Mauer hätten sie aber damals noch nicht gedacht. „Als wir es dann im Fernsehen gesehen haben, sind die Tränen gelaufen und wir hatten Gänsehaut.“

Morgen liegt dieser Tageszeitung ein 64-seitiges Sondermagazin zum Mauerfall-Jubiläum bei, das in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) und dem medienhaus:nord, unter anderem Herausgeber der Schweriner Volkszeitung, entstanden ist.
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