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Pinneberger Tageblatt

22. August 2017 | 08:01 Uhr

Prisdorf : Vom Zuckerhut an die Bilsbek

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Au-pair Vinicius Ribeiro (21) kommt aus Brasilien. Aufgewachsen ist er im Armenviertel. Vielleicht folgt eine Ausbildung zum Pädagogen in Deutschland?

Prisdorf | Hip-Hop-Beats schallen aus dem ersten Stock eines Prisdorfer Hauses. Der Blick in das etwa 16 Quadratmeter große Zimmer zeigt die Prisdorfer Jungs Theys (9) am Mischpult und Sinan (11) mit den Kopfhörern. Und der Dritte im Bunde? Schwarze geflochtene Zöpfe, Brasilien-Trikot, dunkle Haut und ein einnehmendes Lächeln. Es ist Vinicius Ribeiro (21). Der brasilianische Au-pair-Junge macht gemeinsam mit den Brüdern Musik. Die beiden kleinen Herren des Hauses haben seit 1. August 2013 einen „großen Bruder“, sie nennen ihn Vini, Respektsperson und Freund in einem.

Der 21-jährige Brasilianer hatte noch nie eine eigenes Zimmer. Bei seinen Gasteltern, Svetlana Brüning (38) und André Hurtig (42), hat er sein eigenes Reich. Zuhause in São Paulo lebte er mit seiner Mutter und seinen zwei Geschwistern in einer Hütte, mit nur einem Raum. Die einfache Behausung findet sich in den Favelas, den Armenvierteln, der größten Stadt Brasiliens.

„Als ich drei Jahre alt war, kam mein Vater nicht mehr nach Hause“, berichtet Vini. Die verlassene Mutter hatte keine Arbeit, kein Geld, die kleine Familie kein Essen. Gegen den Hunger gab es auch mal eine Woche nur Wasser mit etwas Zucker. Die Wende brachte ein neuer Job der Mutter. Sie fand Arbeit bei der Organisation Pro Brasil. Dank des Jobs in einem Kindergarten konnte sie das Leben der kleinen Familie sichern.

Vini konnte 13 Jahre zur Schule gehen. Machte eine Ausbildung in der Werbebranche und half fünf Jahre ehrenamtlich in Pro Brasil-Einrichtungen. Dort entstand die Idee, nach Deutschland zu gehen, mit Kindern zu arbeiten, das liegt dem 21-Jährigen.

Auf die Idee folgte die Vorbereitung einer großen Reise. Geld für den Flug hatte er gespart. Die Formalitäten waren erledigt. Doch dann der Rückschlag: Die Mutter hatte einen Handwerker beauftragt, die Hütte umzubauen. Unverrichteter Dinge und mit dem Geld in der Tasche hatte sich der Mann aus dem Staub gemacht. Vini half mit seinem Ersparten aus. Der Traum Deutschland drohte zu platzen.

Die Rettung war ein Hilferuf im Internet. Durch mehr als zehn Spender kamen 1228 Euro zusammen, 300 Euro mehr als der Flug kostete. Der 21-Jährige konnte seinen ersten Koffer, feste Schuhe und etwas Grundausstattung kaufen. Über den Verein für internationale Jugendarbeit kam der Kontakt zur Prisdorfer Familie zustande. Fünf Monate vor dem Flug fing Vini an Deutsch zu lernen. „Es war sehr schwer“, erinnert er sich. Nach fast zehn Monaten in Prisdorf ist von den anfänglichen Sprachbarrieren nicht mehr viel zu spüren.

Der 21-Jährige kümmert sich um das Mittagessen der Kinder, macht Hausaufgaben mit ihnen, gemeinsam spielen sie Fuß- oder Basketball oder gehen mit dem Labrador-Rüden „Milo“ Gassi. „Vini ist eine große Unterstützung und ein ganz normales Mitglied der Familie“, sagt Gastvater Hurtig.

Vini fühlt sich wohl in Prisdorf. Daran konnte auch der erste Schnee oder kalte Temperaturen nichts ändern – auch wenn er seine geliebten Flip-Flops nicht mehr tragen konnte. Nach der einjährigen Au-pair-Zeit bleibt Vini in Deutschland. Der 21-Jährige absolviert den Bundesfreiwilligendienst in einem Kindergarten der Diakonie Halstenbek. Danach könnte eine Ausbildung zum Pädagogen folgen: „Das ist sehr schwer und teuer in Brasilien“, so Vini. Aber er will mit Kindern arbeiten, gern wieder in Brasilien. „Ich will den Kindern Deutsch beibringen und sie auf Möglichkeiten in der Welt hinweisen.“

Heimweh? Über das Internet pflegt Vini regen Kontakt. Seine Geschwister sind in Europa. Victor (25) war Au-Pair in Hamburg und lebt heute in Prag und seine Schwester Andressa (23) ist in München. Besonders glücklich ist Vini, dass seine Freundin Anna (20) aus São Paulo seit November 2013 als Au-pair-Mädchen in Wedel arbeitet. Seit zwei Jahren sind die beiden ein Paar. Vini kann ihr vielleicht sein deutsches Lieblingsessen näher bringen: Döner Kebap.

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erstellt am 03.Mai.2014 | 14:00 Uhr

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