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Pinneberger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 06:05 Uhr

Vom Störfaktor zum Lerngerät

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Messgeräte Schüler des Beruflichen Gymnasiums Elmshorn nutzen Handys, um Beschleunigung oder Luftdruck zu analysieren

Es gibt verschiedene Methoden, wie Lehrer die Benutzung der lästigen Schülerhandys während der Schulzeit in den Griff bekommen: striktes Verbot, Wegnahme bei widerrechtlicher Benutzung im Unterricht oder ein Klassenzimmer, das mit extra Mobilphone-Boxen ausgestattet ist – nur in Notfällen und zur großen Pause können die Geräte herausgeholt werden. Ganz anders läuft es bei Sönke Fleischer in der Beruflichen Schule in Elmshorn. Der Referendar sagt zu Unterrichtsbeginn nicht „Handys aus“, sondern „Handys an“. Und dann legt er los. Mit seinen 17- und 18-Jährigen Oberstufenschülern geht er seit einigen Wochen neue Wege und verwendet ganz bewusst Smartphones, um physikalische Versuche durchzuführen. Daniel findet das „ziemlich cool“, Felix erläutert, dass es dabei um Messungen geht und Alexander ergänzt: „Die werden dann in Tabellen ausgewertet“. Begeistert sind Fleischers Schüler alle.

Smartphones ermöglichen durch ihre zahlreichen Sensoren, die übrigens in jedem der Geräte integriert sind, Messungen von verschiedenen physikalischen Größen. „Man kann die Beschleunigung, das Magnetfeld, Helligkeit oder den Luftdruck messen“, erläutert Fleischer. Das Ganze funktioniert durch spezielle, meist kostenlose Apps. Doch bei einigen Versuchen geht’s auch ruppig zu. Wenn das Handy etwa fallen gelassen werden muss, um Beschleunigungen zu messen. Es fällt zwar nur auf eine bereit gelegte Schaumstoffmatratze, aber Schäden könnten doch entstehen.

Weil Sönke Fleischer seinen Schülern keine lädierten Geräte zumuten will – den Eltern übrigens auch nicht – hat er nach Alternativen gesucht, wurde aktiv und hat einem Smartphoneproduzenten eine Spendenanfrage geschickt. Dieser reagierte sofort und unkompliziert und schickte Fleischer Smartphones für den Unterricht. „Das hatte außerdem den Vorteil, dass wir jetzt alle dasselbe System haben und störungsfrei miteinander kommunizieren können“, sagt der 31-Jährige.

Fleischer ist durch sein junges Alter und die Tatsache, dass er vor einigen Jahren selbst noch Schüler der Beruflichen Schule in Elmshorn war, ganz dicht an seinen Schülern dran. Trotzdem kann er berufliche Erfahrungen vorweisen. Von Haus aus ist er Ingenieur, hat nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Elektromechaniker gemacht, die Fachhochschulreife angeschlossen und danach Elektrotechnik studiert. Fünf Jahre hat Fleischer als Ingenieur gearbeitet, bis ihm klar wurde, dass er mehr mit Menschen arbeiten möchte, am liebsten mit jungen Menschen: „Mein Ziel ist, den Schülern die Freude an Physik mit auf den Weg zu geben.“

Von klassischen Physikversuchen mit tollen Messwerten hält Fleischer nicht so viel: „So ist das echte Leben nicht.“ Die Unterrichtsarbeit mit dem Smartphone erschien ihm sinnvoll und zeitgerecht: „Das Gerät hat jeder meiner Schüler in der Tasche. So können sie auch zu Hause unkompliziert experimentieren. Und vom Lehrplan weiche ich ja nicht ab. Meine Schüler sollen als zukünftige Ingenieure auf die zunehmend digitalisierten Produktionsumgebungen vorbereitet werden.“

Auffällig ist, dass in der Klasse 18T1 (Abitur 2018, Profil Technik, 1) 20 Schüler sitzen, davon aber nur drei weibliche. Die drei Schülerinnen Annika, Yakira und Kerstin verstehen das auch nicht. „Uns macht das hier Spaß.“ Yakira hat durch ihren Bruder, der IT studiert, Interesse an Technik bekommen, Annika will später Architektur studieren und Kerstin hat sich das Unterrichtsprofil aus Neugier ausgesucht. Fleischer würde sich freuen, wenn sich mehr Mädchen für Naturwissenschaften begeistern würden: „Es ist schon ein bisschen besser geworden, aber viele Mädels haben immer noch diese Naturwissenschaftssperre in ihren Köpfen.“

Das, was Fleischer mit seinen Schülern im Unterricht entwickelt, ist noch Neuland. Doch in den vergangenen Jahren hat an immer mehr Schulen ein Umdenken stattgefunden. Viele Schulen wollen kein striktes Handyverbot, sondern einen produktiveren Umgang – ein Lernprozess für Schüler und Lehrer. Zweifellos ist es nervig, wenn es im Unterricht piept und klingelt, wenn die Aufmerksamkeit dem Display gilt und nicht dem Unterrichtsstoff. „Durch klare Regeln kann man das eindämmen und Nutzen aus der Technik ziehen“, sagt Fleischer.

So könne ein Handy die Schulorganisation erheblich erleichtern, es funktioniert wie ein schwarzes Brett. Wenn eine Stunde ausfällt etwa oder die Schüler eine Gedankenstütze brauchen. Motto: „Achtung! Am Ausflugstag muss das Fahrgeld abgezählt mitgebracht werden“. Außerdem gibt es auf der Videoplattform Youtube mittlerweile zahlreiche gute Angebote, die Matheaufgaben, Chemieexperimente oder Textstrukturen schülergerecht erläutern. Oft sind es sogar Schüler, die hier altersgerecht und erfolgreich dozieren.

Britta Sierakowski, Abteilungsleiterin für Qualität und Kommunikation in der Beruflichen Schule Elmshorn, die auch Europaschule ist, sagt: „Smartphones werden jetzt schon ganz selbstverständlich als elektronisches Wörterbuch, zur Recherche im Internet oder zur Dokumentation von Unterrichtsinhalten verwendet. Sönke Fleischer geht einen Schritt weiter.“

Und noch einen Schritt weiter geht’s nach den Sommerferien: Fleischer will mit einem Kollegen zusammenarbeiten, der ebenfalls Ingenieur ist. Dann werden die Informationstechnik-Schüler des kommenden elften Jahrgangs die benötigten Apps für die Messungen selbst programmieren. Fleischer macht seine Arbeit mit den jungen Leuten Spaß – und umgekehrt. „Es ist doch ganz einfach. Ich möchte meine Schüler im Unterricht darauf vorbereiten, was sie in der Welt erwartet.“


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