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Vom Kieler Elfenbeinturm an die Pinneberger Basis

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erstellt am 11.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Pinneberg | Rechtschreibung - mangelhaft. Rechnen - eine Katastrophe, nicht einmal der Dreisatz wird beherrscht. Wenn Chefs über ihre künftigen Auszubildenden sprechen, dann lassen sie selten ein gutes Haar an den Auszubildenden. Vor allem derzeit: Die Bewerber werden weniger. Unternehmer können sich nicht mehr nur die Rosinen aus der Schaar der Schulabgänger herauspicken. Der Schuldige für die schwachen Leistungen der künftigen Azubis ist aus Sicht der Unternehmer schnell gefunden: Die Schulen, die die Jugendlichen nicht ausreichend auf das Berufsleben vorbereiten. Wirtschaft und Schulen müssen deshalb stärker zusammenarbeiten lautete ein Fazit der mittlerweilen elften Auflage der Ausbildungsplatzinitiative unserer Zeitung, die von Beginn an vom mittlerweile ausgeschiedenen Pinneberger SPD-Landtagsabgeordneten Bernd Schröder organisiert wird.

Die Schirmherrschaft für die Initiative hat Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer übernommen. Und der stellte fest, dass es angesichts der Kritik an der schulischen Ausbildung besser sei, im kommenden Jahr die Bildungsministerin zum Treffen der Ausbildungsplatzinitiative im Veranstaltungsraum dieser Zeitung mitzubringen.

Allerdings bezweifelte Meyer, dass die Schüler schlechter geworden sind. "Vor zehn Jahren hatten die Unternehmen nur eine größere Auswahl", betonte der Minister. Dieser Aussage schloss sich der Kreis Pinneberger Landrat Oliver Stolz an. "In der Kreisverwaltung können wir nicht mehr nur auf Abiturienten zugreifen", berichtete er. Der Markt sei allerdings "bunter" geworden. So gebe es zunehmend junge Menschen im Alter von 20 und darüber. "Die sind nicht schlechter. Die verfügen sogar über mehr Lebenserfahrungen, haben sich bereits schon in anderen Bereichen ausprobiert", erläuterte Stolz und ergänzte: "Diese Gruppe kann ich anderen Unternehmen nur empfehlen."

Während Stolz noch nicht über Nachwuchssorgen klagt, sieht es bei Industrie, Handel und Handwerk im Kreis Pinneberg bereits schlechter aus. "Es wird für uns immer schwieriger, die richtigen Auszubildenden zu finden", berichtete Hardy Tempelmann, Chef des Unternehmens Tempelmann Feinwerktechnik in Pinneberg. Dabei bemängelte er nicht nur mangelnde Rechtschreib- und Mathekenntnisse. "Die Zeugnisse sind nicht mehr aussagekräftig. Es gibt immer mehr Schulformen und Fächer, die wir nicht mehr richtig einordnen können", betonte er. Die Folge: Die Firma müsse mehr Energie in die Entwicklung von Auswahlverfahren stecken.

"Auch wir hatten das erste Mal Probleme bei der Suche nach Auszubildenden", berichtete Hermann Kunstmann, Seniorchef des gleichnamigen Pinneberger Modehauses. Ein einfacher Mathetest mit zehn Aufgaben werde von den Bewerbern mit zehn Fehlern zurückgegeben. "Wir müssen mittlerweile mit der zweiten und dritten Reihe der Interessenten leben und unsere Ansprüche herunterschrauben", erläuterte Kunstmann. Er lege auf Mathekenntnisse keinen Wert mehr. "Die sollen verkaufen. Das Rechnen übernimmt die Kasse", so der Unternehmer.

Auch das Bäcker-Handwerk, so der Pinneberger Niklas Dwenger, findet nicht genug Nachwuchs. Die Betriebe stehen untereinander im Wettbewerb, kleine Unternehmen müssen sich gegen die Großen behaupten. Da ist Fantasie gefragt. Dwenger hat reagiert, wirbt auf Facebook und im Internet mit jugendgerechten Aktionen für sein Unternehmen.

Die Kritik am Unterricht ließ der Kreis Pinneberger Schulrat Michael Doppke nicht unkommentiert. "Schule kann die Jugendlichen nicht auf alles, was von den Unternehmen gewünscht wird, vorbereiten", sagte er. Es gebe bereits Programme, um Schule und Berufswelt besser zu verzahnen. Er brach auch eine Lanze für die Schüler. "Seit zehn Jahren höre ich Beschwerden. Niemand braucht den Dreisatz. Und wenn man etwas nicht anwenden kann, ist es weg", sagte er. Und erntete den Protest der Firmenchefs. Gemeinsame Projekte, so waren sich alle einig, könnten eine zielgerichtete Antwort sein.

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