Neuer Blick auf Altbekanntes : Vom ehemaligen Amtsgericht zum Pinneberger Stadtmuseum

Wo heute die Pinneberger Geschichte bewahrt wird, saßen einst die Amtsrichter.
Wo heute die Pinneberger Geschichte bewahrt wird, saßen einst die Amtsrichter.

Das Pinneberg Museum war einst Amtsgericht und wurde als Jugendzentrum in den 1970er Jahren von Kommunisten besetzt

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15. August 2018, 12:00 Uhr

Pinneberg | Der Wasserturm, die Drostei, die Paasch-Halle, die Christuskirche an der Bahnhofstraße und der Bahnhof selbst – wie oft geht man an diesen denkmalgeschützten Gebäuden in Pinneberg vorbei, ohne sie wahrzunehmen oder zu wissen, was hinter diesen Mauern ist? Die Künstlerin Imke Stotz (Foto) hat die denkmalgeschützten Gebäude in Aquarellfarben festgehalten. Stotz’ Tochter Helen Stotz (Foto, links) liefert als Kontrast zu den bunten Bildern jeweils streng komponierte Fotos von den Originalbauwerken in klassischem Schwarz-Weiß. Elf Pinneberger Gebäude werden im Laufe der Serie vorgestellt.

Eintauchen in die Geschichte der Stadt Pinneberg – das können die Bürger im Pinneberg Museum. Ein zweigeschossiger Klinkerbau mit Rundfenstern und verziertem Giebel samt Uhr. Gemütlich und etwas verschlafen gelegen zwischen Drostei und Rübekamp in der Fußgängerzone der Innenstadt. Doch das war nicht immer so. Bis in die 1960er Jahre hinein stand das Gebäude direkt an einer befahrenen Straße. Aus gutem Grund: Einst bildete es als Amtsgericht von Pinneberg mit dem mittlerweile abgerissenen Rathaus – dort, wo heute der Komplex an der Remise steht – einen Knotenpunkt der Stadt.

Das Pinneberg Museum in knallbunten Farben: So sieht es die Künstlerin Ime Stotz.
Imke Stotz
Das Pinneberg Museum in knallbunten Farben: So sieht es die Künstlerin Ime Stotz.
 

Das Haus wurde 1854/55 als „Geschäftslocal“ der benachbarten Drostei gebaut. Zuvor musste eine Scheune des Herrensitzes weichen, der sogenannte Kirchsaal. Das Haus wurde errichtet nach einer Verwaltungsreform durch den Landdrosten Nicolaus von Scheele (1796-1874): Die Trennung von Verwaltung und Justiz sollte so durchgeführt werden. Für 1333 Reichstaler wurde das Grundstück eigens zu diesem Zweck gekauft, so steht es im Jahrbuch für den Kreis Pinneberg von 1977 nachzulesen. Die Trennung klappte räumlich aber mehr schlecht als recht: Im ersten Obergeschoss waren fortan die Landrichter zu finden, während der Drost seine Kanzlei unten bezog. Das blieb so, auch nach der Übernahme Schleswigs durch die Preußen in den 1860er Jahren. Damals wurde aus dem Drost der Landrat und aus der Herrschaft Pinneberg der Kreis Pinneberg.

Mit den Aufgaben des Amtsgerichts wuchs auch der Personal- und Lagerbedarf. Mehrfach musste an dem Gebäude aus- und angebaut werden. 1884 wurde etwa das erste Grundbuch angelegt. Und bei einem sollte es nicht bleiben: Bald war ein ganzer Keller für die Lagerung nötig, das sogenannte Grundbuchgewölbe. Die Gerichtskasse wurde in einem Anbau untergebracht, doch auch hier herrschte schnell Platzmangel. Wegen der Raumnot kaufte die Justizverwaltung 1905 ein Grundstück aus der „Holzung Bahnhofstraße“ für einen Neubau, der 1908 von den Richtern bezogen wurde: Ein Neobarockbau, von dem seit 1977 nur noch der verzierte Torbogen mit dem Schriftzug „Amtsgericht“ steht.

Nur der Fahrer bleibt im Amtsgericht

Im alten Gebäude an der Dingstätte blieb die Wohnung des Fahrers des Landrats zurück – und dessen Auto. Das erzählt das Pinneberg Museum auf seiner eigenen Homepage. Nacheinander zogen nun unter anderem das Kreissteueramt, nach dem Zweiten Weltkrieg das Kreis­Landwirtschaftsamt, das Lastenausgleichsamt und später das Amt Pinneberg-Land ein.

So richtig turbulent wurde es in dem Haus wieder 1973: Die alten ehrwürdigen Amtsräume übernahm die Pinneberger Jugend. Nach einer Neugestaltung durch die jungen Pinneberger mit Farbe und Pinsel, Clubsessel und Tischen diente es als „vorläufiges Jugendzentrum“ in Selbstverwaltung. Rocker trafen dort auf Flower-Power-Kinder und der Ärger ließ nicht lang auf sich warten: „Alkoholmißbrauch, Schlägerein, Polizeieinsätze und illegale Übernachtungen sind nach den Ermittlungen der Stadt keine Seltenheit im Jugendzentrum gewesen“, schrieb unsere Zeitung am 22. August 1975. Vor allem das Mobiliar ging immer wieder in Rekordzeit zu Bruch – die Stadt zog die Notbremse und machte alles dicht. Erst nachdem ein neues Konzept und politische Streitereien um pädagogisches Personal beigesetzt waren, konnte das Haus wieder öffnen. Zumindest kurzzeitig: Aus Protest genau dagegen besetzten nur wenige Monate später kommunistische Gruppen das Haus, beschmierten die Wände und schickten anonyme Drohbriefe an die Stadtverwaltung. Von „Terror“ war sogar die Rede (Tageblatt Dezember 1977).

Seit 1984 Stadtmuseum

1981 bis 1983 wurde das Geschwister-Scholl-Haus in der Bahnhofstraße als neues Jugendzentrum gebaut. Das ehemalige Amtsgericht ging für 250.000 Mark vom Kreis an die Stadt Pinneberg. Und die beschloss 1984, das Gebäude für die Einrichtung eines Stadtmuseums in Kooperation mit dem Heimatbund zu renovieren. Die Arbeiter nahmen das gesamte Haus auseinander: 1987 waren alle Wände kahl bis aufs Mauerwerk, die Holzböden lagen frei und Kabel standen in alle Richtungen ab.

Heute sind die Wände hell gestrichen und die originalen Türzargen, die an Burgzinnen erinnern, sind blau. In den Räumen des Erdgeschosses sind meist Bilder und Vitrinen zu sehen – das ist der Ort für die wechselnden Sonderausstellungen des Museums. Ab dem 1. September zeigt der Pinneberger Künstler Detlef Allenberg dort seine neueren Werke. Im Obergeschoss ist heute unter anderem die Dauerausstellung zur Pinneberger Geschichte zu Hause – vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Im Keller sind alte Motoren der ehemaligen Ilo-Werke zu sehen. Veränderungen am Bau dürfen nicht mehr vorgenommen werden, denn das Haus steht – wie alle Gebäude unserer Serie – unter Denkmalschutz. Anbauten aus Raumnot und wilde Partys mit Wandschmierereien gehören der Vergangenheit an.

Zu der Serie gibt es fünf Postkarten jeweils mit den Motiven Ernst-Paasch-Halle, Wasserturm, Drostei, Christuskirche und der Bahnhof in der Geschäftsstelle des A. Beig-Verlags, Damm 9-19, zu kaufen. Eine Postkarte kostet 1,20 Euro, ein Satz mit fünf Karten fünf Euro.

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