Geflügelpest : Vogelkundler halten Stallpflicht für sinnlos

Unter stengem Hygieneschutz wurden gestern 15  400 Puten auf den betroffenen Höfen im Kreis Steinburg getötet.
Unter stengem Hygieneschutz wurden gestern 15 400 Puten auf den betroffenen Höfen im Kreis Steinburg getötet.

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26. Januar 2017, 15:15 Uhr

Grevenkop | Fast 34.000 Puten – tot. Nachdem in einem weiteren Stall des im Kreis Steinburg von der Geflügelpest betroffenen Betriebs die hochgefährliche Virusvariante H5N5 nachgewiesen wurde, mussten gestern auch die verbliebenen 15.300 Tiere des Betriebs gekeult werden.

Mitarbeiter des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) haben unterdessen mit der Suche nach dem Infektionsweg begonnen. Wie kam das Virus in den Betrieb? Und wie konnte er zwischen den Ställen verbreitet werden? „Anhand eines Fragenkatalogs klopfen unsere Wissenschaftler mögliche Eintragswege ab – woher kamen die letzten Tierlieferungen, woher das Futter, wer hatte Zugang zu den Ställen?“, erläutert FLI-Sprecherin Elke Reinking. Dabei werde in alle möglichen Richtungen untersucht.

In seiner jüngsten Risikoeinschätzung hält das FLI jedoch an der These fest, dass das Virus am wahrscheinlichsten durch infizierte Wildvögel übertragen wird. Vor allem unter Naturschützern und Vogelkundlern wird diese Version der Virus-Verbreitung angezweifelt. „Ausgerechnet diese These fällt aus unserer Sicht völlig flach“, sagt etwa der Berliner Ornithologe Klemens Steiof, Mitglied im Wissenschaftsforum Aviäre Influenza, das sich seit Jahren mit den Verbreitungswegen der Vogelgrippe-Viren auseinandersetzt. Viel eher sieht er die wahrscheinliche Ursache in den Verflechtungen der Geflügelwirtschaft.

So sei H5N8 im vergangenen Jahr in Europa zuerst in Ungarn aufgetreten – dort waren bis Ende 2016 nach Steiofs Recherchen 114 Entenmastbetriebe betroffen. „Von dort gehen die meisten Transporte nach Polen, Österreich und Deutschland – wo das Virus kurz darauf ebenfalls auftrat.“ Anders als bei Hühnern und Puten kann es bei Enten einige Zeit dauern, bis infizierte Tiere Krankheitssymptome zeigen und das Virus bemerkt wird. Auch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen warnt davor, sich bei der Suche nach den Übertragungswegen zu sehr auf die Wildvögel zu konzentrieren.

Nabu-Landeschef Ingo Ludwichowski sieht im jüngsten Geflügelpest-Ausbruch in Steinburg einen Beleg dafür, dass es zumindest nicht nur wilde Vögel sein können, die den Virustyp H5N5 verbreitet haben – auch wenn im 30 Kilometer entfernten Brunsbüttel eine tote Nonnengans mit H5N5 gefunden wurde. „Dass Tiere in drei Ställen, die relativ weit voneinander entfernt liegen, gleichzeitig von Wildvögeln infiziert werden, ist unwahrscheinlich“, sagt Ludwichowski. Er fordert: „Wenn man wissenschaftlich arbeiten möchte, muss man Transportwege von Eiern, Geflügel und Futter genau untersuchen – und nicht nur mit Fragebögen.“

Unter kleineren Haltern regt sich derweil Unmut gegen die Stallpflicht. Diese schade vor allem eben diesen kleinen Betrieben, während „die Geflügelindustrie weiterhin schalten und walten kann, wie sie will“, heißt es in einem offenen Brief einer Geflügelhalterin aus dem Kreis Stormarn an den grünen Landwirtschaftsminister Robert Habeck. Stattdessen solle auch die „Geflügelindustrie“ in die Pflicht genommen werden und etwa der Handel mit Geflügelkot und grenzüberschreitende Kükentransporte verboten werden.

„Natürlich gibt es einige Profiteure der Wildvogel-These“, sagt Ornithologe Steiof. „Durch sie gibt es weniger Behörden, die in den großen Ställen herumschnüffeln, gleichzeitig leidet die Öko-Konkurrenz der Massenhalter.“ Ohnehin wäre die Stallpflicht nur sinnvoll, „wenn es Viren regnen würde“, so Steiof.

Die Notwendigkeit der Stallpflicht, sagt Habecks Sprecherin Nicola Kabel, werde laufend geprüft und diese zunächst weiter beibehalten – „auch wenn sie natürlich Probleme mit sich bringt und keine Dauerlösung sein kann und darf“. Solange aber Wildvögel als Überträger nicht ausgeschlossen werden könnten, sei sie ein Baustein unter verschiedenen Schutzmaßnahmen, wie auch die strengen geltenden Hygieneregeln.

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