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Reportage : Vielleicht in der Zeit anders abgebogen

vom
Aus der Redaktion des Quickborner Tageblatts

Fritz Eckert gehört zu den führenden Steampunk-Künstlern in Deutschland. Der Hetlinger will Dingen neues Design und neue Funktion geben.

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2015 | 11:00 Uhr

Hetlingen | „Eine Beschriftung fehlt, aber jetzt kommen wir in die Junophorschen Werkhallen“, sagt Fritz Eckert als wir seinen Arbeitsraum betreten. Er ist aufgeräumt, sauber, ordentlich. An den Wänden stehen Regale, in denen Kartons gestapelt sind – alle feinsäuberlich beschriftet. „LED-Schaltungen“, „Lötmuffen“, „Kupferschätze“ oder „Fassungen“ steht auf den Kartons. „Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis es so aussah, wie es aussieht“, sagt der Hetlinger und ergänzt: „Ich habe alles gelagert, was reinkam. Da musste ich dringend aussortieren.“ Nur bei Kupfer kann er nicht nein sagen: „Das kann ich immer gebrauchen.“ Daraus entstehen Elemente seiner Kunstwerke.

Eckert gilt unter seinem Künstlernamen „Aeon Junophor“ als einer der führenden Köpfe der Steampunk-Maker-Szene in Deutschland. Seine Nische nennt der 53-Jährige aus Hetlingen „Functional Steampunk“. Designelemente des viktorianischen Zeitalters sollen dabei nicht nur optisch überzeugen, sondern auch funktionieren. „Es geht um die Ästhetik der Technik. Man muss bei einer Maschine auch spüren, wie wuchtig sie ist“, sagt Eckert, der in Hamburg sein Bauingenieurstudium abgeschlossen hat. „Es ist, als ob man in der Zeit anders abgebogen ist. Ich nutze die heutigen Funktionen, aber die Dinge sehen anders aus“, so Eckert.

Er ist fasziniert vom Forschergeist der viktorianischen Zeit. „Es ging damals darum, in neue Welten vorzustoßen“, so Eckert. Dampf war die treibende Kraft und findet sich – wenn auch teilweise nur optisch – in den Arbeiten von Eckert wieder. Heute sollen „Junophorsche Kraftlicht Phiolen“ entstehen. „Die verwende ich immer wieder bei meinen Werken“, sagt Eckert. Sie bestehen aus einer grün schimmernden Libelle als zentralem Element, das in Kupferfassungen integriert ist. „Dafür verwende ich alte E14-Lampensockel und Kontakte aus Steckdosen“, erläutert Eckert, während er eine der Steckdosen am Schraubstock knackt. Ihm geht es nur um die Kontakte. „Ich erkenne schon auf den ersten Blick, ob es die richtigen Steckdosen sind“, so Eckert. Die beiden Kontakte halten am Ende zwei Lampenfassungen, zwischen die die Libelle gespannt wird. „Mich fasziniert, dass alles ineinander passt und wie man alles einbauen kann“, sagt Eckert.

Per Schalter lässt sich das Kreuz in der Lampe zum Glühen bringen.
Per Schalter lässt sich das Kreuz in der Lampe zum Glühen bringen.
 

Aus einem alten Telefon hat er eine Wetterstation gebaut, die nahende Gewitter anzeigt. Dann leuchtet das Warnlicht gelb oder rot. Oder wenn ein Handy zu nahe kommt. „Elektrische Strahlung beeinflusst die Anzeige natürlich“, sagt Eckert. Ihm geht es um zwei Dinge: „Ästhetik ist letztendlich das, worum es uns Steampunkern bei der Arbeit geht, aber ich will Elemente auch in einen anderen Kontext setzen und ihnen eine neue Funktion geben.“ Ein Teil des Steampunks setzt rein auf die Optik. Entsprechende Kleidung hat Eckert natürlich auch. Diese legt er aber nur für die Fotos oder bei Veranstaltungen mit anderen Steampunksan. „Ich bin Steampunk in Klamotten, aber auch ohne. Das ist für mich eine Lebenseinstellung“, sagt der Hetlinger.

 Er will eine Wertevorstellung der Subkultur vorleben: Upcycling. „Man muss nicht alles wegschmeißen, sondern kann mit Phantasie und Geschick etwas Neues schaffen“, so Eckert.

Steampunk hat sich seit den ersten literarischen Strömungen in den 1980er Jahren mittlerweile zu einem eigenen Kunstgenre und einer kulturellen Bewegung entwickelt. Moderne und futuristische technische Funktionen werden dabei mit Mitteln und Materialien des viktorianischen Zeitalters kombiniert, wodurch die Technik einen Retro-Look erhält. Häufige Elemente des Steampunks sind dampf- und zahnradgetriebene Mechanik, der viktorianischer Kleidungsstil und ein viktorianisches Werte-Modell, eine gewisse Do-it-yourself-Mentalität sowie Abenteuerromantik.

„Das Interesse an alter Technik und Mechanik war schon immer da, aber ich wusste nicht, dass sich das Steampunk nennt“, sagt Eckert. 2011 saß das Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Hetlingen am Küchentisch und bastelte aus Verbindungsstücken einen Leuchtturm. Seine Tochter stellte fest: „Das ist ja Steampunk.“ „Von da an hatte das Kind einen Namen“, sagt Eckert. Sein Traum: Einmal einen VW Käfer oder einen Oldtimer umbauen. Oder einen ganzen Raum gestalten. „Vielleicht wie das Labor von Professor Rotwang in dem Film Metropolis. Mit ganz vielen Schalttafeln und Lampen“, sagt Eckert und seine Augen strahlen. Doch vorher muss er ein anderes Projekt beenden: Ein Buch über seine Subkultur. „Der Franzis Verlag hat angefragt und natürlich wollen wir das gern umsetzen“, sagt Eckert. „Wir“, das sind seine Mitstreiter: „Telemann von Phone“, „Horatius Steam“, „Leander Lavendel“, „Titus Timeless“ und „Remington Brass“ – alle  Mitglieder der Künstlergruppe „Machina Nostalgica“, der auch der Hetlinger angehört.  

Glühbirnenfassungen lagert Steampunkkünstler Fritz Eckert – alias Aeon Junophor – in Eierschachteln. Alle Kartons in seinem „Dampfkraftlabor“ sind fein säuberlich beschriftet.
Glühbirnenfassungen lagert Steampunkkünstler Fritz Eckert – alias Aeon Junophor – in Eierschachteln. Alle Kartons in seinem „Dampfkraftlabor“ sind fein säuberlich beschriftet.
 

Wo ist der Übergang von Hobby und Kunst? „Die Kunst beginnt, wenn man seine Werke ausstellt und eine Botschaft transportiert. Und natürlich, wenn andere sich dafür interessieren und die Stücke kaufen wollen.“

Wie sein Umfeld auf sein Hobby reagiert, wenn er von Zeitmaschinen und Plasmaströmen spricht? „Positiv“, sagt Eckert und ergänzt: „Seitdem mein Umfeld es weiß, bekomme ich  ständig Dinge, aus denen ich etwas bauen soll. Manchmal kann ich sie sogar wirklich gebrauchen.“  Zumindest solange Platz im Keller ist. Nach jedem fertiggestellten Projekt hat Eckert ein festes Ritual entwickelt: Er greift   zum „Junophon-Tonklanggeräth“. „Ich hatte die Hülle, aus der ich einfach etwas Neues schaffen musste“, erklärt er. Die Wahl sei auf einen MP3-Player gefallen, den er  integriert habe, berichtet Eckert. Ist ein Projekt beendet, schaltet er die Musik ein. Es ertönt immer der gleiche Song. Status Quo: „What ever you want.“

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