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Das Sonntagsgespräch : „Viele Eltern setzen sich zu sehr unter Druck“

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Andrea Sörensen koordiniert die Familien-Helfer des Projekts „Wellcome“ in Pinneberg. Sie warnt davor, zu viel auf einmal zu wollen. Kinder sollten nicht ständig mit neuen Eindrücken konfrontiert werden.

shz.de von
erstellt am 12.Feb.2017 | 14:30 Uhr

Pinneberg | Andrea Sörensen ist Koordinatorin des Projekts „Wellcome“ in Pinneberg. Das Projekt in allen drei Familienbildungsstätten im Kreis Pinneberg sorgt dafür, dass Eltern nach der Geburt ihres Kindes praktische Hilfen erhalten. Im Sonntagsgespräch erklärt Sörensen unter anderem, wie „Wellcome“ Familien unterstützt und warum Mütter und Väter sich selbst nicht zu sehr unter Druck setzen sollten.

Was macht „Wellcome“?

„Wellcome“ unterstützt Eltern mit Kindern im ersten Lebensjahr. Wir übernehmen eine Art „Nachbarschaftsdienst“ und schenken Zeit und Hilfe bei der Betreuung der Kinder, wenn sonst niemand da ist, der unterstützen kann. Ehrenamtliche Mitarbeiter helfen bei ganz alltäglichen Dingen, zum Beispiel als Begleitung beim Arztbesuch oder bei der Betreuung der Geschwisterkinder - allerdings übernehmen wir keine hauswirtschaftlichen Tätigkeiten! Die Helferinnen kommen ein- bis zweimal pro Woche für zwei bis drei Stunden zu der Familie nach Hause. Bei Bedarf stehe auch ich zusätzlich telefonisch oder persönlich mit Rat und Tat zur Seite. „Wellcome“ will dafür sorgen, dass die Eltern genügend Kraft für den Alltag mit den Babys haben und so positive Bindung besser entstehen kann.

Wer nimmt das Angebot in Anspruch?

Dazu gibt es keine generelle Antwort, Bedarf ist in vielen Familien vorhanden. Eltern mit einem Kind, die gern mal wieder schlafen wollen, Familien mit mehreren Kindern, in denen es schwierig ist, die Bedürfnisse der Geschwisterkinder mit denen des Babys in Einklang zu bringen, Alleinerziehende, die Entlastung und auch mal Zeit für sich brauchen, Eltern, die Zwillinge oder gar Drillinge bekommen haben - es sind ganz unterschiedliche Gründe, warum jemand gern Unterstützung hätte. Die Mütter sind ja häufig schon kurz nach der Geburt wieder zu Hause und müssen ihre Kinder erst einmal richtig kennenlernen. Da viele Väter nach der Geburt schnell wieder arbeiten müssen, kann es ganz schnell passieren, dass die Familie nicht mehr weiter weiß oder an die Grenzen ihrer Kraft kommt.

Ist der Bedarf in den vergangenen Jahren größer geworden?

Der Bedarf ist eigentlich gleichbleibend hoch, allerdings war er im vergangenen Jahr sogar etwas rückläufig. Das hängt auch damit zusammen, dass in Pinneberg zusätzliche Krippenplätze geschaffen wurden. Wenn die größeren Kinder in der Krippe untergebracht sind, ist das für die Eltern eine Entlastung. Allerdings ist gerade momentan der Zulauf bei uns wieder sehr groß!

Ist es für Eltern nach der Geburt schwieriger geworden, alles unter einen Hut zu bekommen?

Definitiv. Ein Grund dafür ist, dass die Eltern häufig nicht mehr an dem Ort leben, an dem sie groß geworden sind. Da fallen Großeltern oder andere Verwandte und Freunde als Betreuung oder auch als moralische Stütze weg. Da der Umzug meistens aus beruflichen Gründen erfolgte, ist in vielen Fällen auch der Freundeskreis am neuen Ort noch nicht sonderlich groß. So sind viele Mütter und Väter im Prinzip an sieben Tagen die Woche für 24 Stunden in Einsatzbereitschaft. Die Anspruchshaltung vieler, dass Mütter möglichst schnell wieder ins Berufsleben zurückkehren sollen, sorgt für zusätzlichen Druck. Es fehlt dann manchmal einfach die Zeit, in die Elternrolle hineinzuwachsen.

Unser Alltag wird immer hektischer. Ist das auch ein Grund, weshalb Eltern überfordert sind?

Ja. Ein Problem ist, dass viele nach Perfektion streben. Wenn Eltern wissen, dass sie nach einem Jahr wieder arbeiten müssen, wollen sie in diesen zwölf Monaten einfach zu viel machen. Sie nehmen sich nicht die Zeit, mal zu verharren und zu genießen. Weniger wäre manchmal mehr! Auch Kinder brauchen ihre Zeit und sollten nicht ständig mit neuen Eindrücken konfrontiert werden. Viele Eltern setzen sich und ihren Nachwuchs zu sehr unter Druck. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ ist einfach eine Tatsache.

Was macht den Reiz Ihrer Arbeit aus?

Ich finde es schön, mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammenzutreffen, sie zu beraten, kennenzulernen und zu sehen, was sich durch unsere Hilfe alles bewegen lässt. Zum Beispiel, indem man den Müttern Mut zuspricht oder junge Väter am Telefon tröstet - mit diesen kleinen menschlichen Gesten lässt sich Großartiges erreichen. Erwiesenermaßen ist  das erste Lebensjahr für den Rest des Lebens enorm wichtig. Dass ich auf diese wichtige Phase ein wenig Einfluss nehmen darf, finde ich toll.

Was fehlt „Wellcome“?

Uns fehlen weitere ehrenamtliche Helfer. Mir ist wichtig, dass die Ehrenamtlichen auch immer wieder eine Pause bekommen, wenn sie sich einen gewissen Zeitraum um eine Familie gekümmert haben. Es ist ja schließlich ein Ehrenamt und von daher sollt sich der zeitliche Aufwand in Grenzen halten. Deshalb freuen wir uns über jede zusätzliche Unterstützung.

Wer ist für die Arbeit geeignet?

Alle Menschen, die Interesse am Leben junger Familien haben und diesen wertfrei  und ohne Vorurteile begegnen. Man muss bereit sein, für einen gewissen Zeitraum eine Beziehung zu der Familie aufzubauen, der man helfen will. Berufliche Voraussetzungen gibt es nicht. Man muss nur ein- bis zweimal pro Woche ein paar Stunden Zeit haben.

Andrea Sörensen (52) ist PEKiP-Leiterin und Erzieherin. Seit neun Jahren ist Sörensen Koordinatorin des Projekts „Wellcome“ in Pinneberg. Sie kommt aus Holm, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Wer „Wellcome“ unterstützen möchte, kann sich unter der Nummer 04101-8450156 oder per Mail unter pinneberg@wellcome-online.de mit ihr in Verbindung setzen.
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