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„Bis zu 1000 Euro Verlust am Tag“ : Viele Bauern stehen durch die aktuellen Milchpreise unter Druck

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kammerfunktionäre beklagen das schlechte Image der Landwirtschaft in der Gesellschaft.

Bokholt-Hanredder | Die Milchpreise sind im Keller. Bauern im Kreis Pinneberg bekommen nach Angaben der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein etwa 20 Cent pro Liter. Dabei lägen die Produktionskosten bei 25 Cent. „Die Nothilfe der Bundesregierung ist ein Alibi. Es hilft nicht“, sagte Henning Münster, Repräsentant der Kammer im Kreis Pinneberg, gestern während einer Betriebsbesichtigung auf Hof Engelbrecht in Bokholt-Hanredder.

Gründe für das Rekordtief sind laut Kammer die Exportmärkte Russland, China und arabischer Raum. Russland schränke als Reaktion auf die Sanktionen nach der Krim-Annexion den Milchimport ein. Chinas Wirtschaft schwächele, weswegen weniger nachgefragt würde. Und auch die Nachfrage aus dem arabischen Raum werde wegen sinkender Einnahmen aus dem Ölgeschäft kleiner. „Wir produzieren in Schleswig-Holstein aber 300 Prozent unseres Eigenbedarfs. Der Überschuss muss in den Export“, sagte Hans-Jürgen Schröder, Repräsentant der Kammer im Kreis Steinburg.

„Um nur die Produktionskosten wieder hereinzubekommen, bräuchten wir 25 Cent pro Kilo. Um die nötigsten Reparaturen in Ställen und Melkanlagen erledigen zu können, bräuchten wir 28 Cent. Und um daran zu verdienen, bräuchten wir mindestens 33 Cent“, sagte Münster. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hatte den deutschen Bauern während eines Milchgipfels 100 Millionen Euro Soforthilfe und Steuererleichterungen zugesagt. „Das bringt nichts. Die Politik sollte sich da raushalten und einfach vernünftige Rahmenbedingungen für uns Bauern schaffen“, schimpfte Münster, der in Borstel-Hohenraden einen Betrieb mit 400 Kühe führt. Außer der Preiskrise mache ihm noch etwas anderes zu schaffen: ein Vertrauensverlust in der Bevölkerung. „Die Menschen vertrauen zwar ihrem Bauern vor Ort. Paradoxerweise hat aber die Landwirtschaft als Branche ein großes Imageproblem.“

In der Region Pinneberg gibt es nach Ansicht der Bauern noch Alternativen. Der wirtschaftlich starke Speckgürtel biete Jobperspektiven und die Flächen seien so knapp, dass andere Branchen wie Baumschulen sie weiter bewirtschaften würden. Anders sei das im deutlich ländlicher geprägten Kreis Steinburg. Dort mache mancher Landwirt auf Biegen und Brechen weiter und verbrenne stetig Kapital – bis der Markt den Ausstieg erzwinge.

Milchvieh im Kreis Pinneberg: Diese Tiere grasen auf einer Weide in Bokholt-Hanredder.
Milchvieh im Kreis Pinneberg: Diese Tiere grasen auf einer Weide in Bokholt-Hanredder. Foto: Thieme
 

„Ein Auf und Ab der Preise hat es immer gegeben. Derzeit treffen aber drei Faktoren aufeinander, die uns das Leben besonders schwer machen“, sagte Peter Levsen Johannsen, Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Zu niedrigen Preisen komme die hohe physische und psychische Belastung. „Außerdem nehmen die Dokumentationspflichten überhand. Unser Job wird immer bürokratischer“, sagte Levsen Johannsen.

Etliche Betriebe setzten nach dem Wegfall der europaweiten Mengenquote für Milch auf Wachstum. Das drücke die Preise weiter. „Wachstum ist aber nicht der einzige Weg. Auch der Erhalt der Betriebsgröße ist möglich“, meint Levsen Johannsen. Er sagt es auf Englisch: „Get better before you get bigger.“ Die Höfe sollen besser werden, bevor sie wachsen. Levsen Johannsen will auch die Angst vor einem Ausstieg nehmen: „Das hat nichts mit persönlichem Versagen zu tun. Manchmal ist es die ökonomisch vernünftigste Entscheidung, den Betrieb aufzugeben.“

Dierk Engelbrecht, Eigentümer des Hofs in Bokholt-Hanredder, hat sich entschieden, weiterzumachen: „Wir haben einen Millionenbetrag in Ställe und Melkanlagen investiert. Es gibt kein Zurück.“

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erstellt am 24.Jun.2016 | 10:00 Uhr

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