Kirche : Videos und Gebärdenlieder: Pastor Christian Eissing feiert Gottesdienste für Gehörlose in Pinneberg

PastorChristian Eissing betreibt Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge an der Nordkirche – er ist einer von fünf Seelsorgern in ganz Schleswig-Holstein.
Pastor Christian Eissing betreibt Gehörlosen- und Schwerhörigenseelsorge an der Nordkirche – er ist einer von fünf Seelsorgern in ganz Schleswig-Holstein.

Mit 15 Besuchern war das Projekt einst gestartet, nun kommen regelmäßig 50 Teilnehmer – auch aus der weiteren Umgebung.

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16. Mai 2018, 16:58 Uhr

Pinneberg | Kein Verkehrsrauschen, kein Baustellenlärm, kein Flugzeugbrummen – aber auch kein Vogelgesang, Meeresrauschen oder Musik. Nichts. 2015 lebten laut dem Statistischem Bundesamt in Schleswig-Holstein mehr als 1.000 Menschen, die gehörlos sind. Pastor Christian Eissing, der für die Gehörlosenseelsorge bei der Nordkirche zuständig ist, will mit speziellen Angeboten dafür sorgen, dass auch sie am normalen Leben teilhaben. An Dingen, die für Hörende alltäglich sind. Zum Beispiel ein geselliges Treffen oder ein Gottesdienst. Seit 16 Jahren arbeitet er in diesem Bereich – seit 2004 ist er in Pinneberg aktiv. Einmal im Monat richtet er einen Seniorentreff im Katharina-von-Bora-Haus an der Bahnhofstraße aus, alle zwei Monate hält er einen Gehörlosengottesdienst in der Christuskirche. „Damals habe ich angefangen mit 15 Teilnehmern“, erzählt Eissing. „Jetzt sind es 50.“ In unserer Zeitung spricht er über seine Arbeit, die für viele Pinneberger ganz verborgen abläuft.

Teilnehmer auch aus Hamburg

Seine Senioren sind nicht bloß schwerhörig. „Nur ganz wenige haben ein Resthören. Sie unterhalten sich alle in Gesten“, sagt Eissing. Und neuerdings über Internet und Messenger-Dienste. „Die Möglichkeiten dieser Art der Kommunikation ist für Gehörlose eine absolute Revolution“, sagt Eissing. Weil die Gruppe so nett ist, kommen mittlerweile sogar Menschen aus Hamburg nach Pinneberg. Und Eissing sorgt nicht nur für Unterhaltung, sondern auch für Hilfestellung. „Vielen fällt das Lesen schwer“, sagt er. „Für sie ist eine einfache Sprache notwendig.“ Er übersetzt Briefe von Behörden oder Krankenkassen. „Und wenn da so eine schöne Telefonnummer steht, dann nützt ihnen das wenig, aber ich kann da anrufen.“ Da sei Inklusion ein Stück weit zurück.

Eissing erläutert: Die Sprache der Gehörlosen ist anders als die gesprochene. „Das Verb steht immer hinten, das klingt dann ein bisschen wie Türkisch für Anfänger“, sagt er und schmunzelt. „Es gibt keine Füllwörter, es ist kurz und knapp.“ Die Gebärdensprache – von der es mehrere gibt – ist eine vereinfachte und geglättete Version der gesprochenen Sprache. Deshalb fällt Gehörlosen das Lesen oft nicht leicht und eine direkte Übersetzung – wie etwa in der Tagesschau – ist schwierig. „Das verstehen nur wenige, was diese Dolmetscher da machen. Ich verstehe das auch nicht“, sagt Eissing.

Videos statt Glockengeläut

Dementsprechend anders ist ein Gehörlosengottesdienst. „Bibeltexte sind für uns ja schon kompliziert“, sagt Eissing. „Die Texte müssen von mir umgestellt werden, denn so sind sie für Gehörlose kaum verständlich, das ist nicht ihre Sprache.“ Doch auch alles andere unterscheidet sich: „Das Glockenläuten zum Zeichen, dass der Gottesdienst beginnt, und das Singen – all das fällt weg.“ Auch Formulierungen wie „jetzt beten wir in der Stille“ kommen etwas blöd daher. Stattdessen setzt Eissing auf Bilder und Videos. Von läutenden Kirchenglocken oder von Kunstwerken passend zu den Predigtthemen. „Das Visuelle ist das, was Gehörlose besonders prägt“, sagt Eissing. Um etwas zu haben, was dem Singen – dem Handeln in Gemeinschaft – etwas nahe kommt, integriert er sogenannte Gebärdenlieder. Ein bisschen ist das wie eine Choreographie, bei der Wörter mit wechselnden Händen gezeigt werden. „Man muss die Leute zwischendurch aktivieren“, sagt Eissing.

Er selbst ist in die Gehörlosenseelsorge so reingefallen, erzählt er. Bevor er den Job angenommen hatte, konnte er keine einzige Geste Gebärdensprache. „Ich lerne heute noch“, sagt Eissing. „Das gibt es alles schon länger, ich habe das nur übernommen.“ Damals gingen in Dithmarschen und Pinneberg zwei Vorgänger in Pension – das hatte eine Stellenkürzung zur Folge, nur Eissing wurde neu eingestellt. Zusätzlich ist er in Heide und Hamburg unterwegs. „Früher gab es mehr“, sagt er. „In Pinneberg kann ich den Gottesdienst nur alle zwei Monate anbieten.“ Und wie es weitergeht, steht auch in den Sternen, denn seine Kollegen in ganz Schleswig-Holstein kann er an einer Hand abzählen. „In drei bis fünf Jahren gehen fast alle in Rente. Ich selbst werde noch maximal drei Jahre machen“, sagt er. „Der Bedarf ist da und Verhandlungen laufen, das muss geregelt werden.“

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