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Prozess : Versuchter Totschlag: Uetersener vor Gericht

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

52-Jähriger wegen Totschlags angeklagt. Opfer der mutmaßlichen Messerattacke wurde in Handschellen zum Zeugenstand geführt.

shz.de von
erstellt am 27.Nov.2014 | 16:00 Uhr

Die Prozessbeobachter im Landgericht Itzehoe staunten nicht schlecht: Gestern wurde ausgerechnet das Opfer einer mutmaßlichen Messerattacke in Handschellen zum Zeugenstand der fünften Strafkammer geführt. Der Angeklagte dagegen ist auf freiem Fuß. Während der Verhandlung unter Vorsitz von Richter Eberhard Hülsing ging es um eine Gewalttat in Uetersen. Im Mai hatte der 52 Jahre alte Angeklagte, der in einer städtischen Wohnanlage in Uetersen lebt, laut Staatsanwaltschaft einen 42 Jahre alten Mitbewohner mit einem Stich in den Oberbauch schwer verletzt. „Dabei haben sie den Tod des Opfers in Kauf genommen“, sagte Staatsanwalt Joachim Bestmann. Die Anklage lautete auf versuchten Totschlag in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung.

Die beiden Männer lebten damals gemeinsam in einer Sozialwohnung. Das Opfer der Attacke, derzeit wegen einer anderen Sache in einem Kieler Gefängnis untergebracht, stellte die Ereignisse so dar: Immer wieder waren er und sein Mitbewohner in der Vergangenheit aneinandergeraten. In der Nacht zum 8. Mai wachte er auf, weil der Angeklagte laut Musik hörte. Der Krach kam aus dem Flur, in dem eine kleine Einbauküche untergebracht ist. Er forderte seinen Mitbewohner mehrfach auf, die Musik auszumachen. Ohne Erfolg. Es gab Streit. Deswegen bezeichnete der Lärmgeplagte seinen Kontrahenten nach eigener Aussage als „Arschloch“. Dabei ging er von seinem Zimmer in die Küche. In diesem Moment rammte ihm der Angeklagte ein Messer in den Bauch. Der stark Blutende flüchtete zu Nachbarn, welche Rettungskräfte und Polizei alarmierten. Laut einer Hamburger Rechtsmedizinerin waren die Verletzungen jedoch nicht lebensgefährlich.

Der Angeklagte kann sich seiner Aussage nach nicht an einen Vorfall erinnern. „Ich bin ein Quartalssäufer, habe an diesem Tag viel getrunken“, sagte der 52-Jährige. Eine Rechtsmedizinerin der Uni Kiel bestätigte, dass er zur Tatzeit mehr als 3,3 Promille Alkohol im Blut hatte. Ausfallerscheinungen zeige er aber auch volltrunken nicht, sagte der Angeklagte. „Ich bin schon mit fünf Promille Auto gefahren. Das geht.“ Allerdings habe er gegen 19 Uhr ein starkes Schlafmittel genommen und sei danach „wie tot“ gewesen. Gegen 3 Uhr hätten dann Polizisten die Tür zu seinem Zimmer eingetreten und ihn festgenommen. Das vermeintliche Opfer habe er am Tag zuvor und in der Nacht überhaupt nicht gesehen.

Der Angeklagte kann wohl nicht darauf hoffen, dass Richter Hülsing den Vollrausch im Falle einer Verurteilung strafmildernd berücksichtigt. Polizisten hatten als Zeugen ausgesagt, es mache bei dem Angeklagten anscheinend keinen Unterschied, ob er 0,0 oder 3,3 Promille Alkohol im Blut habe: Weder Motorik noch Auffassungsgabe seien sichtbar eingeschränkt. Die Kieler Medizinerin sagte: „In der Hauptverhandlung gab es keine Hinweise auf eine verminderte Steuerungsfähigkeit.“ Daran ändere auch die Einnahme einer Schlaftablette nichts. Hülsing will den Prozess am Mittwoch, 3. Dezember, fortsetzen. Dann soll es auch ein Urteil geben.

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