Betriebskindergärten : Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die „Kleinen Strolche“: Aktuell zählt der Betriebskindergarten in Wedel 30 Kinder und sieben Erzieherinnen.
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Die „Kleinen Strolche“: Aktuell zählt der Betriebskindergarten in Wedel 30 Kinder und sieben Erzieherinnen.

Medac und Regio-Kliniken betreiben in Wedel die Kita Kleine Strolche. Kritik an aufwändiger Rechnungsstellung.

shz.de von
01. März 2017, 10:00 Uhr

Wedel | Die „kleinen Strolche“ kreisen ihre Besucher binnen Sekunden ein. Prinzessinnen, Ritter und Feuerwehrmänner warten gespannt auf die Süßigkeiten, die Tanja Gaskow, Personalreferentin der Regio-Kliniken, und ihr Pendant beim Wedeler Pharmaunternehmen Medac, Falk Dißars, dabei haben. Statt sich um Bewerbungen und Mitarbeitersuche zu kümmern, verteilen die beiden Personaler Gummibärchen und Schokolade und tauchen in den Konfettiregen ein, den die Erzieherinnen der Betriebskita der Regio-Kliniken auf die Kinder rieseln lassen.

„In einem Unternehmen sind Mitarbeiter die wichtigste Ressource. Es wird für uns immer schwieriger, gute Mitarbeiter zu finden. Daher müssen wir diesen etwas bieten“, sagt Gaskow, während sie sich Papierschnitzel von der Kleidung klopft. Bereits vor 40 Jahren haben sich die Regio-Kliniken für die Einrichtung einer Betriebskita, der einzigen im Kreis Pinneberg, entschieden. „Gerade im Krankenhaus ist es bei den ungewöhnlichen Arbeitszeiten wichtig, seine Kinder gut aufgehoben zu wissen“, erläutert Gaskow. „Die Regio-Kliniken waren mit der Einrichtung der Kita vor mehr als 40 Jahren quasi Vorreiter bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, ergänzt Sebastian Kimstädt, Pressesprecher der Regio-Kliniken.

30 Kinder besuchen die Kita, die vor dem Wedeler Krankenhaus im Mitarbeitergebäude untergebracht ist. Sieben Erzieherinnen arbeiten dort. Geöffnet wird um 5.45 Uhr. Um 17 Uhr werden die letzten Kinder abgeholt. „Es gab auch schon Zeiten, in denen wir bis 21 Uhr geöffnet hatten. Derzeit gibt es aber keinen Bedarf dafür“, sagt Kita-Leiterin Manuela Werther. „Die Öffnungszeiten des Kindergartens sind auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter im Schichtdienst abgestimmt“, sagt Gaskow. Schließzeiten im Sommer gibt es nicht. „Das beeindruckt mich am meisten. Eigentlich ist nur um Weihnachten eine Woche geschlossen“, sagt Dißars. Sein Arbeitgeber Medac hat sich sechs Krippen- und zwölf Elementarplätze gesichert. „Wir merken, dass das Kita-Angebot bei der Suche nach Fachkräften eine immer wichtigere Rolle spielt bei der Entscheidung eines Bewerbers für ein Unternehmen“, so Dißars.

Sich Belegungsrechte zu sichern, kennen auch die Regio-Kliniken. In Elmshorn haben sie sich 20 Plätze in der Awo-Kita Stoppelhopser für die Kinder der Mitarbeiter reserviert. Darüber hinaus gibt es ein Ferienlager und Ferienbetreuung. Die Regio-Kliniken unterstützen aber auch Mitarbeiter, die ihre Angehörigen zuhause pflegen. „Wir wollen unsere Mitarbeiter halten und neue qualifizierte Fachkräfte gewinnen. Da spielt Kinderbetreuung eine wichtige Rolle. Außerdem haben wir als großer Arbeitgeber eine besondere soziale Verantwortung, der wir gerecht werden“, betont Gaskow.

Neues Spielzeug: Falk Dißars überreicht Manuela Werther kindgerechte Werkzeugkästen für die Kita Kleine Strolche.
Foto: Bastian Fröhlig
Neues Spielzeug: Falk Dißars überreicht Manuela Werther kindgerechte Werkzeugkästen für die Kita Kleine Strolche.
 

Doch auch in der Betriebskita Kleine Strolche ist nicht alles eitel Sonnenschein. „Die Kleinstaaterei bei der Rechnungsstellung ist schon sehr aufwändig“, kritisiert Dißars und ergänzt: „Als überregionaler Arbeitgeber ist es ein riesiges Problem, dass nur die Heimatgemeinden die Kosten übernehmen. Und die Sätze sind überall unterschiedlich.“ Die Eltern zahlen die Betreuungssätze ihrer Stadt. Hinzu kommen die Zuschüsse der Gemeinden. Vor allem für Sachinvestitionen in Spielgeräte und andere Anschaffungen greifen Medac und die Regio-Kliniken in die Tasche. Zu konkreten Zahlen wollten sich beide Unternehmen nicht äußern. „Wir sind aber jährlich mit einem fünfstelligen Betrag dabei“, sagte Dißars.

Unternehmen mit eigener Kita sind noch in der Unterzahl. Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2012 nur 1,2 Prozent aller Kindertageseinrichtungen betriebliche Kitas. Die Tendenz sei jedoch steigend. In den vergangenen fünf Jahren habe sich der Anteil von Betriebskindergärten fast verdoppelt. Ein Grund sei laut Statistischem Bundesamt, dass seit August 2013 Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben. Das Gesetz berge für unternehmenseigene Kindergärten aber auch ein Risiko: Da die öffentliche Betreuung stark ausgebaut wird, müssen Betriebskitas in Zukunft mit geringerer Auslastung rechnen. Die Kosten für Unternehmen schätzen Experten auf 1000 bis 1500 Euro pro Kind.

Die Kita Kleine Strolche ist laut Michelle Kleis, Teamleiterin Kindertagesbetreuung im Fachdienst Jugend und Bildung des Kreises Pinneberg, die einzige Betriebskindertagesstätte im Kreis Pinneberg. Die Kontrolle über die Einrichtung liegt – wie bei allen öffentlichen oder gemeindlichen Trägern – beim Kreis Pinneberg.

„Für Betriebskindertagesstätten gelten dieselben gesetzlichen Bedingungen wie für alle anderen Kindertageseinrichtungen. Auch für Betriebskindertagesstätten ist die Aufsicht für Kindertageseinrichtungen zuständig“, erläutert Kleis. Träger einer Betriebskita benötigen, wie jede andere Kindertageseinrichtung, eine Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung nach Paragraph 45 Sozialgesetzbuch, Achtes Buch. 

Kooperation zwischen Betrieb und Verband

„Die Ausgestaltung der Einrichtung wie unter anderem Einrichtungs- und Gruppengröße sowie die Anzahl und Qualifikation des erforderlichen Personals werden im Kindertagesstättengesetz und in der Kindertagesstätten- und -tagespflegeverordnung geregelt. Für die bauliche Gestaltung, wie beispielsweise die benötigte Fläche für eine Krippengruppe, sind die Grundsätze der Aufsicht für Kindertageseinrichtungen für bauliche Gestaltung und Raumbedarf von Kindertageseinrichtungen im Kreis Pinneberg heranzuziehen“, erläutert Kleis die Vorgaben, die für alle Kitas gelten – egal, wer der Träger ist.

Auch das Wedeler Pharmaunternehmen Astra Zeneca hatte vor sechs Jahren die Idee eines eigenen Betriebskindergartens, um Krippen- und Elementarplätze für die Kinder der Mitarbeiter zu schaffen. Astra Zeneca stellt die Erzieherinnen für den Kindergarten Wasserstrolche allerdings nicht selbst ein, sondern kooperiert im Betrieb mit der Fröbel Hamburg GmbH, die wie jeder Wohlfahrtsverband und andere Träger vom Kreis Pinneberg beaufsichtigt wird.

Wie viel eigene Mittel Astra Zeneca für dieses Projekt aufwendet, bleibt ein Betriebsgeheimnis. Die Stadt Wedel zahlt Zuschüsse für jedes Kind aus der Rolandstadt.

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