zur Navigation springen
Pinneberger Tageblatt

18. November 2017 | 15:09 Uhr

Uwe Schinz rennt und rennt und rennt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ultraläufer Der 65 Jahre alte Heistmer ist immer noch topfit / Sport als Therapie gegen die Schmerzen / Seit 2016 steht auch Flaschentauchen auf dem Programm

shz.de von
erstellt am 14.Okt.2017 | 16:00 Uhr

Marathonstrecken mit 42,195 Kilometern sind ihm viel zu kurz. Uwe Schinz ist ein Laufverrückter. Seine Disziplin ist der Ultralauf. Die Extremläufe erstrecken sich oft über mehrere Tage und hunderte Kilometer. Gerade ist der Heistmer aus Albanien zurück. Dort hat er am ersten Ultralauf in der Geschichte des Landes mit 220 Kilometern und etwa 8000 Höhenmetern teilgenommen. Und das für einen guten Zweck: 2140 Euro konnten Dank Sponsoren an den Verein „Appen musiziert“ überwiesen werden, um damit der vier Jahre alten Neva, die an Blutkrebs erkrankt ist, zu helfen.

Der 65-Jährige ist spät zum Laufen gekommen. Familiäre Vorbilder hatte er keine. Der Vater, ein Landwirt, starb, als Schinz vier Jahre alt war. „Meine beiden Geschwister und ich wurden von meiner Mutter allein großgezogen“, sagt er. In Mörel, einem kleinen Ort im Kreis Rendsburg-Eckernförde, wuchs er auf. „Die Dorfschule hatte nur eine Klasse – alle neun Jahrgänge waren darin vertreten“, erinnert er sich lachend. Nach dem Hauptschulabschluss wurde er Bäcker. Ein Nachbar hatte eine Lehrstelle gesucht. „Da kam der Meister auch bei mir an, sagte ‚Du sollst Bäcker werden, ich soll Dich abholen‘“, erinnert sich Schinz und ergänzt: „So war das wirklich.“


Terroranschlag in München erlebt


Nach der Lehre in Borgstedt verpflichtete Schinz sich bei der Bundeswehr. Auf den Dienst während der Olympischen Spiele in München 1972 hatte er sich besonders gefreut. Dort sollte er in der Küche für die Verpflegung der Soldaten mit sorgen. Doch das fröhliche Weltsportspektakel endete bekanntlich mit einer Katastrophe. Leise sagt Schinz: „Den Terroranschlag habe ich vom Fernsehturm aus miterlebt, das ist ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.“ Der Bundeswehr folgte ein Besuch an der Meisterschule, die Prüfung bestand Schinz 1975. Nach vier Jahren musste er das Bäckerhandwerk an den Nagel hängen: Bandscheibenprobleme. Es folgte eine zweijährige Umschulung im Berufsförderwerk in Hamburg zum Informationselektroniker. Bis zur Rente hat er bei der BASF als Systemtechniker in der Groß-EDV gearbeitet.

In Heist lebt Schinz seit 1981. Seine Frau Gabriele, die aus Kellinghusen stammt, hat er in einer Disco kennengelernt. Sieben Jahre lang hat das Paar zusammengelebt, bis 1985 geheiratet wurde. Auf seine beiden Söhne Michael (30) und Jan (29) ist er stolz. Das Glück wurde perfekt, als im Januar Enkelin Leena geboren wurde. Seitedem ist mittwochs Oma- und Opa-Tag. „Ich habe jetzt die Gelegenheit, ein Kind aufwachsen zu sehen“, berichtet er strahlend. Von seinen Jungs habe er der Arbeit wegen – viele Überstunden und Wochenendeinsätze – nicht viel gehabt.

Anpacken war auch beim Eigenheim die Devise. „Wir haben eine Schrottimmobilie wohnbar gemacht“, sagt Schinz. Der Einsatz hat sich gelohnt. Auch der große Garten ist eine Augenweide.

Zum Laufen ist der Heistmer im Alter von 49 Jahren gekommen. Wegen Bandscheibenproblemen war in Bad Oeynhausen zur Kur. „Es gab keinen Kurschatten“, sagt er keck mit leuchtenden Augen. „Die Mitpatientinnen waren mindestens 70 Jahre alt.“ Ein junger Patient war begeisterter Läufer. Der nahm in mit. Der Erfolg überzeugte Schinz: „Wenn ich zwei oder drei Stunden gelaufen war, hatte ich keine Schmerzen mehr.“ Der Arzt schickte ihn in die Laufschule. Der Heistmer lernte das richtige Abrollen der Füße. Nach einem Dreivierteljahr lief er in Köln den ersten Marathon.

„Es gibt den Spruch, dass jeder Läufer einmal in Biel antreten muss“, sagt Schinz. Die 100-Kilometer-Tortur im Schweizer Kanton Bern war für ihn der Einstieg in den Ultra-Bereich. Zwar musste er während der Premiere bei Kilometer 78 wegen Knieproblemen aussteigen, aber bereits ein Jahr später schaffte er den Zieleinlauf in Elf-Dreiviertel-Stunden.


Lieblingsessen sind Torte und Eis mit Sahne


In der Ultra-Szene, die er seine Familie nennt, passe er in kein Schema. „Meine Lieblingsernährung sind Torte und Eis mit Sahne“, sagt der Bäckermeister kokett. Ansonsten ernähre er sich normal, am liebsten mit Produkten aus der Region.

Aber Schinz wäre nicht Schinz, wenn es nicht auch etwas Neues gäbe. Durch Sohn Jan entdeckte er 2016 das Flaschentauchen bis 40 Meter Tiefe. Für 2018 hat der 65-Jährige nicht nur Laufpläne. Im Mai will er einen Kajak-Ultra mit 135 Kilometern auf der Weser schaffen. Was sagt seine Frau zu den Ultras? „Sie akzeptiert es. Und darüber bin ich glücklich.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen