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Pinneberger Tageblatt

17. Dezember 2017 | 17:19 Uhr

„Uwe Barschel beging Selbstmord“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Rechtsmedizin Hamburger Professor Klaus Püschel liest in einem toten Körper wie in einem offenen Buch /Zu Gast bei Vieweg

„Wenn etwas Ungewöhnliches in Rellingen passiert, bin ich für Sie da. Ich bin Ihr Gerichtsmediziner“, stellte sich Professor Klaus Püschel seinen Zuhörern vor. Zusammen mit der Journalistin Bettina Mittelacher las der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus seinem neuen Buch „Tote schweigen nicht: Faszinierende Fälle aus der Rechtsmedizin“ vor.

Der Ort: Das Beerdigungsinstitut Vieweg in Rellingen. Der Ort, wo die zweite Leichenschau oft stattfindet. „Wir sind eine sehr transparente Organisation. Wir sind für die Bürger da, auch wenn das seltsam klingt. Vor allem für die Toten, denn für die kämpft kaum jemand“, sagte Püschel. Er schaute eine junge Frau an und scherzte: „Wenn Sie tot umfallen, sehe ich nicht, warum. Das würde ich dann schon gern wissen wollen. Wäre ja schade.“


Leichenbittere Miene ist nicht sein Ding


Püschel betonte immer wieder die Ernsthaftigkeit seiner Arbeit: „Wenn ich so locker darüber spreche, gibt es immer persönlich Betroffene. Ich nehme das total ernst. Ich muss sehr konzentriert und seriös arbeiten. Ich muss aber nicht mit leichenbitterer Miene über meine Arbeit sprechen.“

Püschel nahm die Zuhörer mit auf eine Reise durch die Kuriositäten der Rechtsmedizin. „Es sind ganz ungewöhnliche Bilder, die man da sieht“, sagte er. Den Auftakt machte der Fall Uwe Barschel (1944-1987). Dieser war nach seinem Tod in Genf in Hamburg zum zweiten Mal obduziert worden. „Tote schweigen nicht, zumindest nicht für einen Gerichtsmediziner. Er lässt sie sprechen – manchmal sogar nach Jahren oder Jahrhunderten – und liest in einem toten Körper wie in einem offenen Buch“, sagte Püschel. Sein Urteil zum Ableben des ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein: Selbstmord. Dies habe der Untersuchungsbericht – zusammengefasst auf 55 Seiten – klar ergeben. „Wie bei John F. Kennedy und Marilyn Monroe gibt es Todesfälle, die auch nach Jahrzehnten noch für Diskussionen sorgen. Die Schlussfolgerung im Fall Barschel ist einfach, wenn man sich die Umstände anschaut“, sagte Püschel, war aber sicher: „Selbst wenn man das Kapitel im Buch liest, wird es bei vielen weiter Spekulationen geben.“

Der Oma-Mörder von Bremerhaven, ein Doppelmord in einem Pinneberger Kiosk, der Fall Hemdingen, wo die Eltern und ihr Sohn in einer Nacht erschlagen wurden, und der aktuelle Fall aus Wedel, wo ein Mann zunächst seine Frau, dann seine beiden Kinder tötete und dann den Freitod wählte – Püschel zeigte, welche Grausamkeiten es geben kann. „Ich bin seit 40      Jahren in der Region tätig und habe alle interessanten Todesfälle miterlebt“, sagte der Rechtsmediziner. Dabei gelinge es ihm, das nicht an sich heranzulassen: „Es erreicht mich nicht im Inneren. Ich kann nachts gut schlafen. Dabei glaube ich nicht, dass ich eine Schlachtermentalität habe.“


Enkelkinder, Radfahren und Ponys zum Ausgleich


Sein Ausgleich? „Meine Enkelkinder, Ausdauersport. Da fahre ich auch gern mal hunderte Kilometer auf dem Rad am Stück. Und Ponyreiten. Meine Herde steht nicht unweit von hier“, sagte Püschel auf Nachfrage unserer Zeitung. Schockiert ihn, der so viele Tote gesehen hat, noch etwas? „Ja. Ich war beispielsweise in Syrien, um Leichen zu identifizieren und fahre bald wieder hin. Das ist schockierend, das können Sie mir glauben“, sagte Püschel.

Während seiner Lesung stellte er seine Idee von einer „Bildgebungsstraße“ mit Röntgen und Tomographie vor, die mit modernsten Geräten jeden Mord erkennen könne und die Aufklärungsquote deutlich steigern würde. Gibt es dennoch den perfekten Mord? „Natürlich“, sagte Püschel mit fester Stimme. „Das einfachste ist, einen unerfahrenen Arzt zur Leichenschau zu rufen, der die Verletzungen beispielsweise durch Ersticken gar nicht erkennt.“

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