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Mit Humor gegen die Schmerzen : Unterwegs mit den Klinik-Clowns

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Laut einer Studie verringern Klinik-Clowns die Angst vor Operationen. Dank eines privaten Spenders sorgen sie auch im kommenden Jahr in Pinneberg für gute Laune. shz.de hat Dora-Flora und Pepe begleitet.

von
erstellt am 08.Dez.2016 | 16:00 Uhr

Pinneberg | Vorsichtig öffnet Dora-Flora die Tür und schiebt langsam den Kopf durch den Spalt. Dann gibt sie den Blick auf Zimmer 9 frei. Zwei Kinderaugen starren sie an. Irritiert. Dora-Flora hat eine rote Nase und eine Ukulele in der Hand. Sie lächelt. Die Kinderaugen werden kleiner, Tränen bilden sich. Der Mund öffnet sich zu einem Schluchzen. „Er ist nicht so gut gelaunt“, sagt die Frau, die den kleinen Jungen auf dem Arm hält. „Ich hab was gegen schlecht drauf“, sagt DoraFlora und geht ins Zimmer, hinter ihr: Clown-Kollege Pepe.

Die beiden heißen in Wirklichkeit Alexandra Schauwienold und Jannik Nowak. Mehrmals im Monat verwandeln sie sich in Dora-Flora und Pepe und ziehen über Krankenhaus-Flure in Hamburg und Pinneberg. Sie gehören zum Verein Klinik-Clowns Hamburg und werden auch im kommenden Jahr versuchen, Lächeln in die Gesichter der Regio-Klinikum-Patienten zu zaubern – dank der Spende eines Pinnebergers. Wolf-Dieter Merkels Frau starb vor acht Jahren an Krebs. Gemeinsam hatten sie eine Stiftung gegründet, um kranken Kindern zu helfen. 2500 Euro gibt der Pinneberger. Mit diesem Geld wird ein Clown-Besuch im Monat finanziert, den zweiten bezahlt der Verein der Freunde des Regio-Klinikums. Die Clowns statten dem Pinneberger Krankenhaus alle 14 Tage einen Besuch ab. „Das Lachen der Kinder sind die größten Zinsen, die ich kriegen kann“, sagt Merkel.

Noch lacht Anton nicht. Der Einjährige sitzt neben seiner Mama im Bett. Sie hält ihm ein Sauerstoffgerät an den Mund. Anton lässt Pepe nicht aus den Augen. Der Clown zieht eine rote Figur aus seiner Hosentasche und dreht den Deckel auf dem Kopf ab. Langsam erscheint ein gelber Ring. Pepe geht ganz dicht ran und pustet. Kleine Blasen bilden sich und fliegen durch das Krankenzimmer. Anton schaut ihnen nach.

Anstatt zu Hause – in seiner gewohnten Umgebung – zu spielen, muss der Einjährige das Bett hüten. Er leidet unter einem Pseudokrupp, einer Entzündung des Kehlkopfes. Wie lange er noch so schwer atmet, könne ihr niemand sagen, sagt seine Mutter. Die Hamburgerin hat seit vier Tagen mit ihrem Sohn ein Zimmer in der Pädiatrie des Pinneberger Klinikums bezogen, auf der insgesamt 14 Betten stehen.

Stationsleiterin Bettina Moser sagt, die Klinik-Clowns täten den jungen Patienten gut. „Selbst sehr niedergeschlagene Kinder und Jugendliche blühen nach ihrem Besuch richtig auf.“ Klinik-Clowns verringern die Angst vor einer Behandlung oder Operation: Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Pilotstudie der Universität Greifswald. Bei den untersuchten Kindern wurde ein erhöhter Oxytocin-Spiegel nachgewisen, ein Glückshormon, das laut Prof. Matthias Nauck vom Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin ein wichtiger Indikator für den Erfolg der humorvollen Intervention sei. Man sei auf einem guten Weg, die heilsame Wirksamkeit des Lachens auch wissenschaftlich zu belegen. Die Ärzte planen, eine Langzeitstudie durchzuführen.

Was Humor bewirken kann

Wissenschaftliche Erkenntnisse brauchen Alexandra Schauwienold und Jannik Nowak nicht. Die beiden Hamburger erleben mit ihren 14 Clown-Kollegen wöchentlich, was Humor bewirken kann. Nicht immer prustendes Lachen, aber „einfach eine andere Stimmung“, sagt Nowak. Vorstandsmitglied Torsten Kiehne, selbst lange als Clown in Pinneberg unterwegs, sagt: „Die Medizin hat Grenzen.“

Was sollte ein guter Clown mitbringen? „Er sollte nichts persönlich nehmen und nicht gleich aufgeben“, sagt Schauwienold. „Als Clown darf man auch mal Grenzen überschreiten.“ Die 48-Jährige trägt seit vier Jahren die rote Nase. Trotzdem kann sie nie wissen, was sie hinter einer Patiententür erwartet. Manchmal ziehen sich die Clowns Schutzkleidung über. Manchmal werden sie wieder rausgeschickt. Um nicht alles dem Zufall zu überlassen, fragen sie vorher die Schwestern – ist jemand schwerstbehindert? Spricht jemand kein Deutsch? Hatte jemand gerade eine OP? Sie besuchen in Pinneberg nicht nur die Kinderstation, sondern auch die Neurologie. Der Flur im vierten Stock ist deutlich länger. 40 Betten werden dort vorgehalten. Dora-Flora und Pepe gehen auf zwei Frauen zu, die im Flur sitzen. „Müsst ihr nicht auf der Kinderstation sein?“, fragt eine. „Wir sind hier richtig“, sagt Schauwienold, die ihren Ton und ihr Auftreten verändert hat. Die Schwelle, sich auf das Spiel einzulassen, sei bei Älteren größer. „Sie nehmen dich ernst, wenn du ihnen angemessen begegnest“, sagt sie. Die 16 Clowns seien immer häufiger bei Erwachsenen im Einsatz, sagt Ulrike Jaenicke, Geschäftsführerin der Klinik-Clowns. „Immer mehr Demenzstationen fragen an.“ 15 Einsatzorte sind es derzeit – Tendenz steigend. Auch im Hospiz bringen die Männer und Frauen mit den roten Nasen Kinder zum Lächeln.

Wie geht man mit dem vielen Leid um, das man sieht? „Wenn ich die Nase abnehme, denke ich als Alexandra über das Erlebte nach und tausche mich mit meinem Spielpartner aus“, sagt Schauwienold. Am Ende des Flurs sitzt ein alter Mann in einem Zimmer auf seinem Bett. Das Licht ist gedimmt. Dora-Flora und Pepe stimmen „An de Eck steit’n Jung mit’n Tüdelband“ an. Der Mann wippt mit dem Fuß mit. Man sieht ihm an, dass sein Oxytocin-Spiegel steigt.

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