Reportage am Sonntag : Unterwegs mit den „Gelben Engeln“

Ein „gelber Engel“, der auf seinen Einsatz wartet: Geschäftsführer Hagen Hamm.
Ein „gelber Engel“, der auf seinen Einsatz wartet: Geschäftsführer Hagen Hamm.

Bis zu 4000 Mal rücken die Schlepper des Unternehmes von Hagen Hamm pro Jahr aus. Sicherheit hat bei der Arbeit oberste Priorität.

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18. Januar 2015, 15:00 Uhr

Pinneberg | Für die einen sind sie „Gelbe Engel“, für andere ein rotes Tuch. Denn Abschleppdienste kommen nicht nur, wenn nach Unfällen oder Pannen schnelle und professionelle Hilfe von Nöten ist. Sondern sie fungieren auch als Spielverderber. Zum Beispiel in behördlicher Mission, wo sie nicht selten mit dem Abschleppen oder Umsetzen falsch geparkter Personenkraftfahrzeuge beauftragt sind. „Natürlich sind unsere Kunden nicht immer nur gut gelaunt. Denn ein kaputtes Auto nach einem Unfall zerrt genauso an den Nerven, wie der ausgefahrene Abschlepphaken im Halteverbot“, sagt Hagen Hamm.

Der 55-Jährige ist Geschäftsführer einer Reparaturwerkstatt mit Autoteilehandel an der Haderslebener Straße – einem von vielen Abschleppdiensten im Kreis Pinneberg. Bei ihm sind es etwa 30 Mitarbeiter, die in direkter Nachbarschaft zur Autobahn 23 dafür sorgen, dass „der Laden läuft“. Zu ihnen zählt auch Markus Setzer. Seit mittlerweile sieben Jahren leitet der erfahrene Kfz-Meister seineWerkstatt. Es ist Mittwoch und der freiwillige Feuerwehrmann berichtet von einem eher ruhigen Tag. „Bislang. Das kann sich ja noch ändern“, so der 35-Jährige, der mit seinen Kollegen Wolfgang Walter und Björn Peters heute „nur“ zwölf Mal raus musste.

„Hallo, hallo? Ja ist ok. Berliner Straße, wir kommen“. Urplötzlich ist Setzer ganz auf sein über den Kopf gezogenes Headset konzentriert. Ein Kunde hatte eine Panne, ist mit seinem Tischlerwagen in Pinneberg liegen geblieben. Er möchte, dass sein Firmenfahrzeug zur Stamm-Werkstatt nach Elmshorn gebracht wird.

Es vergehen nur wenige Sekunden. Setzer, mit einem neon-gelben Sicherheitsoverall bekleidet, schnappt sich einen der vier firmeneigenen Abschleppwagen, die auf dem Betriebshof neben zwei Pannenfahrzeugen und unzähligen, in Regale sortierten Fahrzeugteilen auf ihre nächsten Einsätze warten.

In der Werkstatt: Kfz-Meister Jens Körber beim Bremsen wechseln. (Fotos: Hoppe)
In der Werkstatt: Kfz-Meister Jens Körber beim Bremsen wechseln. (Fotos: Hoppe)
 

„Kommen Sie, steigen Sie ein“, sagt der 35-Jährige und öffnet die Beifahrertür des 180 PS starken Mercedes Atego. Und los geht die Fahrt, zum 13. Einsatz des Tages. Am Einsatzort angekommen, treffen wir auf ein relativ entspannt wirkendes Pannenopfer. Nach dem Tanken hatte Tischler Thorsten Lange aus Pinneberg seinen schneeweißen Renault Traffic eigentlich zum nächsten Kunden steuern wollen. Doch es kam anders. Rien ne va plus -nichts geht  mehr. „Von der Beschreibung des Kunden her ist da zu 99 Prozent der Kupplungsnehmer defekt. Eine nicht ganz unaufwändige Reparatur, die etwas Geld kostet, weil hier auch das Getriebe ein- und ausgebaut werden muss“, lautet Setzers erste Diagnose, bevor er das orangefarbene Warnlicht einschaltet und den Abschleppwagen vor den fahruntüchtigen Renault rangiert. „Das hier wird ein Standardabschleppvorgang ohne große Schwierigkeiten“, weiß der Pannenhelfer zu berichten, ehe er unter die Fahrzeugfront des Renaults kriecht und den Haken in die Abschleppschraube einklinkt. Viel komplizierter sei es dagegen, wenn bei manchen Einsätzen kein Halter vor Ort weilt, die Lenkradsperre eingerastet ist und die Räder schief stünden. Jeder Handgriff sitzt jetzt. Und binnen weniger Minuten hat Setzer den Tischlerwagen mittels Seilwinde huckepack genommen.

Auch körperlicher Einsatz gehört zum Beruf eines Abschleppers. (Foto: Hoppe)
Auch körperlicher Einsatz gehört zum Beruf eines Abschleppers. (Foto: Hoppe)
 

Mittlerweile nieselt es. Auch Tischler Lange nimmt nun Platz im „gelben Engel“. Auf der Fahrt nach Elmshorn erzählt er, dass er zum Glück erst kurz vor dem Malheur mit der Kupplung eine Menge Material bei einem Kunden entladen hatte. „Sonst wäre die ganze Sache hier etwas aufwändiger geworden, wenn ich erst die dringend benötigte Ladung hätte ausräumen und einem Kollegen geben müssen“, sagt der Handwerker. Es sei zudem nicht das erste Mal, dass er die Hilfe eines Pannendienstes in Anspruch habe nehmen müssen.

Nachdem Setzer Langes Vehikel vor der Elmshorner Werkstatt abgesetzt hatte, wartet noch ein wenig Papierkram auf den KfZ-Meister, dann, dann geht es zurück zur Betriebszentrale. Wieder etwas Zeit zum Reden. Kfz-Meister Setzer zeigt auf, was einen guten Pannendienst ausmacht. „Wenn man zum Beispiel zu einem Unfall gerufen wird, ist das etwas ganz anderes als bei einer kleinen Panne behilflich zu sein. Die Sicherheit geht immer vor“. So müsse die Unfallstelle zunächst einmal gut abgesichert werden. „Zudem tragen wir sichtbare Berufskleidung und müssen uns manchmal neben einer zügigen Bergung auch psychologisch um Beteiligte kümmern, bevor wir am Ende bei der Säuberung der Unfallstelle behilflich sind“, fügt er an. Einmal, so erzählt Setzer, habe er in tiefer Nacht einem Pärchen geholfen, dass in abgelegenem Gelände mit dem Auto im Morast stecken geblieben war. „Die waren sehr darauf bedacht, dass keine Rechnung nach Hause geschickt wird. In solchen Fällen bieten wir dann auch die Möglichkeit, in bar zu zahlen, an“.

IDieser Renault Trafic wird  zwecks Reparatur zur Werkstatt gebracht. (Foto: Hoppe)
IDieser Renault Trafic wird zwecks Reparatur zur Werkstatt gebracht. (Foto: Hoppe)
 

Kurz danach heißt es erneut: Aufbruch. Diesmal ruft Firmenchef Hamm zum Rundgang durch die Werkstatt. Kfz-Meister Jens Körber wechselt gerade Bremsen aus – und auch auf den anderen Hebebühnen ist einiges los. „Natürlich kann ein Kunde, dessen Fahrzeug von uns abgeschleppt wurde, gleich hier reparieren lassen“, erklärt Hamm. Die Anspannung von Kunden, deren Fahrzeug einen Defekt erlitten hat, bekomme er nicht selten zu spüren. „So eine Schadensbehebung reißt natürlich schnell ein Loch in die Haushaltskasse. Das freut keinen“, erklärt Hamm. Hin und wieder zeige er aber auch mal Herz. „Ich erinnere mich an eine finanziell eingeschränkte Familie, die ihr Fahrzeug zwingend brauchte, um ihr  krankes Kind in Hamburg einmal wöchentlich einer Blutwäsche unterziehen zu können. Da haben wir den Motor kostenlos repariert.“

Bis zu 4000 mal im Jahr würden die Schlepper seines Unternehmens zu Einsätzen ausrücken. Auch der nächste dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

Bundesweit helfen täglich mehrere tausend Abschleppdienste bei Unfällen oder wenn ein Auto nicht mehr fahrbereit oder auf Grund eines Defektes liegen geblieben ist. Sie schleppen ab, bergen oder stellen Fahrzeuge sicher. Abschleppunternehmen werden darüber hinaus auch immer dann in Anspruch genommen, wenn Falschparker stark behindern, private Stellplätze blockieren oder gar vor einer Feuerwehrzufahrt abgestellt sind. Zu ihren Auftraggebern zählen sowohl Privatleute als auch behördliche Stellen. Die Gebühren für einen Abschleppvorgang variieren je nach Tag und Zeit und erbrachter Leistung zwischen der reinen Geltendmachung von Anfahrtskosten und mehreren Hundert Euro. Viele Abschleppunternehmen sind im Auftrag namhafter Automobilclubs im Einsatz.
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