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Selbstversuch : Unter der Atem-Maske geht die Puste aus

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„Wie fühlen sich Atemschutzträger der Feuerwehr?“ Redakteur Andreas Dirbach ging dieser Frage nach – und dafür bis an seine physischen Grenzen.

shz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 23:00 Uhr

Die Betondecke im Atemschutz-Übungshaus auf dem Gelände der Kreisfeuerwehrzentrale in Tornesch-Ahrenlohe ist wirklich schön anzusehen. Ich liege rücklings auf dem kalten Fliesenboden, Arme und Beine von mir gestreckt und starre nach oben. Mein Kreislauf ist im Keller. In den Händen ein  leichtes Kribbeln, das mich daran erinnert, wie verrückt ich war, mich auf diesen Selbstversuch einzulassen.

Dabei hatte alles mit der einfachen Frage angefangen, wie sich Atemschutzträger der Feuerwehr fühlen. Als Journalist sehe ich sie oft bei größeren Einsätzen. Ein gutes Fotomotiv für die Zeitung. Doch ich sehe auch die erschöpften Gesichter, wenn sie ihre Masken abnehmen – etwas, was ich nicht nachvollziehen konnte. Denn ich bin ja nicht in der Feuerwehr aktiv. Also hatte ich „ja“ gesagt zur Einladung, ein Atemschutztraining mitzumachen.

<p>Gerätewart Norbert Carstens (links) ist sichtlich amüsiert über die fehlende Kondition nach der Aufwärmübung. </p>

Gerätewart Norbert Carstens (links) ist sichtlich amüsiert über die fehlende Kondition nach der Aufwärmübung.

Foto: Michael Bunk

Zuerst war es gar nicht mal so schlimm: In voller Einsatzkleidung und mit angelegter Atemschutzmaske betrete ich das Übungshaus. Das Atmen unter der Maske ist ungewohnt, aber nicht weiter unangenehm. Wenn ich versuche, etwas zu sagen, höre ich mich ein bisschen an wie Darth Vader aus Star Wars – nur mit einer Socke im Mund.

„Jetzt wird erst mal etwas Sport gemacht“, sagt Norbert Carstens, Atemschutzgerätewart der Freiwilligen Feuerwehr Wedel. Auf die Endlosleiter mit den beweglichen Sprossen soll ich steigen. Kein Problem – denke ich zumindest. Nach ein paar Minuten mit der Gasflasche auf dem Rücken, den Helm auf dem Kopf und der schweren Einsatzkleidung – gefühlt 20 Kilogramm zusätzlich – und etwa 20 erkletterten Metern ist die Kondition aufgebraucht.

<p>Im Übungsgebäude versperren Hindernisse den Weg.</p>

Im Übungsgebäude versperren Hindernisse den Weg.

Foto: Michael Bunk
 

„Du kannst jederzeit abbrechen“, hatte Carstens zuvor gesagt. Etwa fünf Minuten nach Beginn meines Trainings ist das für mich keine Option. Dennoch hätte ich mir in diesem Moment gern die Maske vom Kopf gerissen und ein paar tiefe Atemzüge genommen – wie man es eben macht, wenn einem die Puste ausgeht. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu konzentrieren. Einatmen. Ausatmen. Und darauf hoffen, dass mein Kreislauf das mitmacht.

Neben mir stehen zwei erfahrene Feuerwehrmänner, die ich zwar anfangs begrüßt hatte, aber deren Gesichter wie meines unter Masken verschwunden sind. Es waren für mich nur noch die „zwei anderen“ an meiner Seite. Auf dem Laufband, das als Nächstes auf dem Programm stand, lasse ich den beiden den Vortritt – mehr Pause für mich. Als ich selbst auf dem Laufband stehe, geht das erstaunlich gut. Vor mir sehe ich den Not-Aus-Knopf. Nein, den gibt es im Einsatz auch nicht, also beachte ich ihn nicht weiter.

Auf allen vieren in der Dunkelheit

Ab jetzt wird es ernst: Wir betreten die komplett im Dunkeln liegenden Übungsräume. Der eine Feuerwehrmann vor mir, der andere hinter mir. Nur gehen wir nicht, wir krabbeln. Auf allen vieren. Hat mir vorher niemand gesagt, aber etwas ungläubig mache ich mit. Später wird mir Carstens erklären, dass zum einen in Bodennähe weniger Hitze und Rauch sind und zum anderen in einer unbekannten Umgebung dies die sicherste Art der Fortbewegung ist.

Die Tür schließt sich hinter uns, danach sehe ich nichts mehr. Wir tasten uns an der Wand entlang, ich konzentriere mich nur auf den jeweils nächsten halben Meter vor mir. Die Knie tun weh, die Fliesen sind verdammt hart. Kurz kommt mir die Frage in den Sinn, wie schrecklich es sein muss, so ein Kinderzimmer zu durchqueren, in dem Lego-Steine liegen. Doch schnell konzentriere ich mich wieder darauf, worauf es ankommt: einatmen, ausatmen und irgendwie zur nächsten Tür zu kommen.

<p>Brandmeister Udo Jahnke überwacht den Selbstversuch an den Monitoren. Im Notfall kann er sofort eingreifen.</p>

Brandmeister Udo Jahnke überwacht den Selbstversuch an den Monitoren. Im Notfall kann er sofort eingreifen.

Foto: Michael Bunk
 

Schon nach dem ersten Raum im habe ich das Gefühl für Zeit und Dimension verloren. Wie weit ich gekrabbelt bin und wie lang das dauerte – ich kann es nicht sagen. An den Türen höre ich jeweils, wie mein Vordermann etwas ruft, wie mein Hintermann etwas bestätigt. Was genau sie rufen, weiß ich nicht. Ich habe die Wahl zwischen Atmen oder Hören.  Beides geht nicht, dafür sind die Geräusche des Atemgeräts zu laut. Darth Vader hatte scheinbar ein besseres Modell. Ich rufe jedenfalls auch irgendwas – ich will schließlich auch etwas beitragen. Fest steht: Ich vertraue den beiden Männern – deren Namen ich nicht mal nennen könnte – komplett.  Egal, was sie machen, sie strahlen Souveränität  aus und dass ich irgendwie dazugehöre – jedenfalls in diesem Moment, wo wir gemeinsam die Aufgabe haben, durch das Haus zu krabbeln.

Das Bett, die heimtückische Falle

Mittlerweile sind wir im Dachgeschoss angekommen. Ein mitten im Weg  aufgestelltes Holz-Hindernis ist schnell überwunden. Dafür wartet im Raum dahinter eine heimtückische Falle auf mich: ein Bett. Denn ich merke, wie sich der Punkt nähert, an dem es für mich nicht mehr weitergeht. Als ich unter mir die weiche Matratze spüre, liegt das „Jungs, geht schon mal weiter, ich komme irgendwann hinterher“ schon auf den Lippen.

<p>Kurz vor knapp: Udo Jahnke (links) und Norbert Carstens sind zur Stelle, um das Atemschutzgerät und die Maske abzunehmen. </p>

Kurz vor knapp: Udo Jahnke (links) und Norbert Carstens sind zur Stelle, um das Atemschutzgerät und die Maske abzunehmen.

Foto: Michael Bunk
 

 „Pause gibt es nicht!“, höre ich meinen Vordermann rufen, als hätte er geahnt, was ich will. Ich hätte es schließlich fast geschafft, nur ein kurzes Stück noch. Noch die Treppe runter –  rückwärts versteht sich – und dann bin ich auch schon wieder im Trainingsraum, wo meine Tortur begonnen hat. Mein einziger Gedanke: runter mit der Maske! Nur ist die zu meinem Nachteil unter einer Haube, die wiederum unter dem Helm ist. Carstens und sein Kollege Udo Jahnke befreien mich von der Last auf meinem Rücken sowie der Maske und ich schaffe es gerade noch, mich zu bedanken und kontrolliert auf den Boden zu legen. Fünf Minuten länger und die Schwerkraft hätte dies ohne mein Zutun erledigt.

Während ich also auf dem Boden liege und in gewisser Weise ein wenig fasziniert vom Kribbeln in meinen Händen wie auch in den Füßen bin, kann ich endlich sehen, mit wem ich den Atemschutz-Parcours hinter mich gebracht habe. Die bisher anonymen „zwei anderen“ haben ihre Masken abgenommen und ich blicke in ihre Gesichter. Noch immer strahlen sie Ruhe aus. Und eine Mischung aus Mitleid, Anerkennung – dazu kommt ein bisschen Schadenfreude. Denn wahrscheinlich bin ich nicht der Erste, der an dieser Stelle auf dem Boden liegt. So langsam kann ich mich aufrichten und mir wird eine Flasche Wasser gereicht. Auch die übrigen Beobachter meines Selbstversuchs schauen etwas mitleidig zu mir runter. Aber hey – ich habe es geschafft.

<p>Das Ende der Übung bedeutet auch das Ende der Kräfte: Redakteur Andreas Dirbach wollte wissen, wie sich Atemschutzträger fühlen.</p>

Das Ende der Übung bedeutet auch das Ende der Kräfte: Redakteur Andreas Dirbach wollte wissen, wie sich Atemschutzträger fühlen.

Foto: Michael Bunk
 

Ich bewundere die ehrenamtlichen Frauen und Männer in der Feuerwehr, die ihre Atemschutzausbildung absolvieren und ihre Fähigkeiten einsetzen, um im Ernstfall andere zu retten. Die sich freiwillig in Situationen begeben, bei denen sie nicht wissen, was sie erwartet. Und die nicht wie ich in der Übung jederzeit abbrechen können.

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