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Fussball-Bundesliga : "Uns fehlt so ein kleiner Drecksack"

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

HSV-Sportdirektor Oliver Kreuzer spricht über den Trainerwechsel, schlechte Leistungen und mögliche Verstärkungen.

von
erstellt am 06.Jan.2014 | 16:30 Uhr

Seit 1. Juli ist er im Amt, als Sportdirektor des Hamburger SV, Nachfolger von Frank Arnesen. Eigentlich sollte der ehemalige Bayern-Spieler Oliver Kreuzer gemeinsam mit Trainer Thorsten Fink die Kehrtwende beim HSV einleiten. Doch nach wenigen Wochen musste er den ehemaligen Mitspieler entlassen. Der 48-jährige Kreuzer war nach seiner Kicker-Laufbahn Sportdirektor beim FC Basel, Red Bull Salzburg, Sturm Graz und beim Drittligisten Karlsruher SC. Mit dem in Mannheim geborenen HSV-Sportchef sprach Wolfgang Stephan.

Oliver Kreuzer, Sie sind jetzt ein halbes Jahr im Amt und stehen mit dem HSV im Tabellenkeller auf Platz 14. Das ist vermutlich nicht die erste große Überraschung, die Sie in Hamburg erleben dürfen?
Oliver Kreuzer: Es gab einige Dinge, die anders gelaufen sind als geplant. Ich hatte bestimmt nicht damit gerechnet, dass ich nach zehn Wochen einen neuen Cheftrainer suchen muss. Wir hatten eine gemeinsame Philosophie, einen Plan, den ich gemeinsam mit Thorsten Fink durchziehen wollte, doch auf einmal entwickelten sich die Dinge komplett in eine andere Richtung. Noch mal: Ich hätte nicht geglaubt, dass ich so schnell einen neuen Trainer suchen muss und dass wir punktemäßig so schlecht dastehen. Dass wir von acht Heimspielen fünf verlieren, zu Hause gegen Augsburg und Mainz keine Punkte holen. Ich hatte auch geglaubt, dass die Mannschaft stabiler ist, denn schließlich gab es nicht den ganz großen Umbruch im Sommer. Die Mannschaft hat Qualität, keine Frage, aber sie stagnierte in der Entwicklung.

Vor dem Trainerwechsel?
Kreuzer: Ja, definitiv. Ich hatte mir erhofft, dass die Mannschaft ein Stück weiter ist. Das war sie nicht, es war auch keine Konstanz zu erwarten, also mussten wir handeln. Thorsten Fink hat hier über zwei Jahre einen guten Job gemacht, am Ende hat es aber nicht die Entwicklung genommen, die wir uns vorgestellt haben. Auch jetzt können wir mit der Hinrunde natürlich nicht zufrieden sein.

Sind diese 16 Punkte eine realistische Situationsbeschreibung?
Kreuzer: Nein, wir sind definitiv besser als die 16 Punkte. Wenn wir die Spiele einzeln betrachten, sind wir besser. Wir haben auch ein wenig Pech gehabt, hätten leicht bessere Resultate erzielen können, die gab es nicht, weil wir uns durch einzelne Fehler um diesen Ertrag gebracht haben. Es fehlen acht Punkte, keine Frage. Wir hatten solche Aussetzer in regelmäßigen Abständen zu häufig, von acht Heimspielen dürfen wir keine fünf verlieren. Zwei verlorene Spiele stehe ich der Mannschaft zu, aber nicht mehr. Mit sechs Punkten mehr hätten wir hier Ruhe, und die Blickrichtung ginge nach oben. Wir müssen uns
in der Rückserie ganz klar steigern, was wir auch tun werden, da bin ich ganz sicher.

Augsburg und Mainz haben in Hamburg überzeugend gespielt, gegen Augsburg fehlte Ihrem Team die richtige Einstellung, gegen Mainz hat der Einsatz gestimmt. Was fehlt?
Kreuzer: Die Jungs sind gegen Mainz marschiert, keine Frage. Ich denke, es ist eine Frage der Qualität. Wir müssen besser Fußball spielen, das umsetzen, was der Trainer vorgibt. Wir müssen aber auch feststellen: Viele andere Mannschaften sind einfach besser.

Der Trainer hat nach dem verlorenen Augsburg-Spiel eine kleine Wutrede gehalten und vermutlich auch Ihnen aus dem Herzen gesprochen?
Kreuzer: Das war absolut authentisch, ich fand das sehr gut. Bert van Marwijk ist einer, der immer nur die Sache kritisiert, nie persönlich wird. Er kritisiert nicht den Spieler als Mensch, sondern nur die Sache. Was er da kritisiert hat, hatte ich schon zu Beginn der Saison kritisiert, dass die Mannschaft gerne in Selbstzufriedenheit fällt. Dass manche glauben, die Dinge gehen automatisch positiv weiter. Aber so läuft die Bundesliga nicht.

Aber Sie sind jetzt schon ein wenig konsterniert, viele sehen den HSV im Abstiegskampf?
Kreuzer: Zugegeben, ich hatte geglaubt und gehofft, dass dieser Mechanismus unter dem neuen Trainer nicht mehr vorkommt. Natürlich war der Trainer überrascht von dem, was er gegen Augsburg gesehen hat. Vorher hatten wir auch verloren, aber da haben wir gut gespielt, toll gekämpft. Diese Niederlagen sind zwar auch ärgerlich, aber die können wir akzeptieren. Aber wir können nicht akzeptieren, dass elf Mann weit unter Niveau spielen.

Fehlt dem HSV ein Leadertyp?
Kreuzer: Die kann man ja heute nicht kaufen. Leadertypen müssen sich durch Leistung definieren. Ich würde das anders sagen: Uns fehlt so ein kleiner Drecksack auf dem Spielfeld, der auch in schwierigen Phasen vorneweg läuft, ein Zeichen setzt, selbst wenn es ein dummes Foulspiel ist. Oder mit dem Schiedsrichter mal debattiert, einer der irgendeinen Impuls setzen kann, so einer könnte fehlen, das stimmt.

Ist damit zu rechnen, dass so einer zur Rückrunde kommen wird?
Kreuzer: Nein, wir haben uns im Sommer das Ziel gesetzt, das Budget auf 41 Millionen zu senken, noch sind wir bei 46 Millionen. Es ist bekannt, dass wir uns von einigen Spielern trennen wollten, was uns in Gänze nicht gelungen ist. Deswegen werden wir weiter versuchen, den einen oder anderen Spieler abzugeben.

Aber das Geld nicht investieren?
Kreuzer: Nein, wir wollen das finanzielle Ergebnis verbessern, aber natürlich keinen Hakan Calhanoglu verkaufen, das wäre der falsche Weg. Aber ich glaube auch nicht, dass wir neue Spieler brauchen. Es wäre nicht klug, das Mannschaftsgefüge oder die Hierarchie durcheinanderzubringen. Die Mannschaft hat Qualität und hat schon oft bewiesen, dass sie es kann. Unsere Aufgabe ist es, den Spielern in die Köpfe zu hämmern, dass es solche Auftritte wie gegen Augsburg nicht mehr geben darf. Wir brauchen die Konstanz, die Mannschaft muss nur das spielen, was sie kann, dann kommen automatisch auch die Punkte.

Haben Sie eine Erklärung für so einen desolaten Auftritt?
Kreuzer: Definitiv nicht. Wir hatten doch alle gedacht, dass die Mannschaft unter dem neuen Trainer schon weiter ist. Wir hatten eine gute Performance, in Wolfsburg einen Punkt geholt, Hannover zu Hause geschlagen, gegen Köln das Pokal-Viertelfinale erreicht. Wenn du dann weißt, dass du am nächsten Wochenende zu den Bayern fahren musst, dann musst du dich doch gegen Augsburg zerreißen. Dann hätten wir 19 Punkte gehabt und wären entspannt nach München gefahren. Da verstehe ich die Spieler nicht, dass sie das nicht hinkriegen, dass sie nicht rausgehen mit dem Willen, Augsburg aufzufressen. Wir müssen von Anfang an bereit sein und Gas geben. Wir sind der HSV und müssen immer vom Herzen und vom Kopf 100 Prozent geben.

Oliver Kreuzer hat einen Plan und die jungen Spieler alle vertraglich gebunden, mit dem Ziel, irgendwann wieder oben mitzuspielen. Wann ist dieses Ziel realistisch?

Kreuzer: Es ist immer schwer, so ein Zeitfenster aufzustellen. Wichtiger als das vorgegebene Ziel eines Tabellenplatzes ist die Nachhaltigkeit, dass ein wirtschaftlich konsolidierter HSV auf einem spielerisch hohen Niveau agieren kann.


Angeblich ist Oliver Kreuzer dabei knallhart, Dennis Diekmeier hätten Sie gehen lassen, wenn er Ihr Angebot nicht angenommen hätte.
Kreuzer: Genau…

…und auch einem van der Vaart haben Sie gesagt, dass er nur zu verminderten Konditionen bleiben kann…
Kreuzer: …das habe ich nicht gesagt, das hat die Bild-Zeitung so geschrieben, aber das war nicht meine Aussage. Wir müssen uns wirtschaftlich konsolidieren, und deswegen gibt es nur diesen rigorosen Weg. Wenn jemand diesen Weg nicht mitgeht, akzeptiere ich das, dann muss er anderswo sein Glück versuchen. Wobei wir uns auf einem hohen Niveau bewegen, wir zahlen schließlich immer noch gutes Geld beim HSV. Jammern muss hier niemand. Ich möchte wieder da hinkommen, dass die Leute sagen: Dieser HSV macht Spaß, das ist eine Truppe, die engagierten Fußball spielt, die immer alles gibt. Und Erfolg hat. Klar, das Ziel muss immer ein internationaler Wettbewerb sein. Das ist auch in dieser Saison immer noch zu erreichen, aber es wäre falsch, jetzt immer noch großartig etwas von Europa zu erzählen. Dafür ist in der Vorrunde zu viel passiert, dafür haben wir einfach zu wenige Punkte geholt.

Ihr Fazit nach einem halben Jahr Hamburg: Was hat Sie am meisten überrascht?
Natürlich die Situation zu Beginn der Saison und sicherlich auch die Tatsache, dass wir so wenige Punkte haben und unseren eigenen Ansprüchen hinterherhinken. Aber dafür haben wir jetzt einen Trainer, der top arbeitet, der einen Super-Job macht. Dabei bewerte ich den Trainer nicht nur nach Punkten, sondern ich bewerte immer das Ganze, wie ein Bert van Marwijk auftritt, intern und nach außen, wie er mit den Spielern umgeht, mit den Medien. Ich bewerte seine Kommunikation, seine Kompromisslosigkeit, und dabei ist das Gesamtpaket herausragend. Die Mannschaft braucht Führung und sie braucht jemanden, vor dem sie Respekt hat. Vize-Weltmeister, Dominanz, Erfahrung, Ausstrahlung. Wenn ein Bert von Marwijk in die Kabine kommt, herrscht Ruhe. Bei anderen Trainern wird gerne weiter rumgeblödelt. Das ist der Unterschied.

Das Interview führte Wolfgang Stephan.

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