Überschrittene Grenzwerte im Kreis Pinneberg : Umweltministerium warnt vor Gift im Grundwasser

In Moorrege etwa wurde der Unkrautvernichter Bromacil gefunden. Das Mittel hatten Landwirte von 1970 bis 1993 auf ihren Feldern verwendet. Es ist in Deutschland mittlerweile verboten und steht im Verdacht, Krebs erregend zu sein.
In Moorrege etwa wurde der Unkrautvernichter Bromacil gefunden. Das Mittel hatten Landwirte von 1970 bis 1993 auf ihren Feldern verwendet. Es ist in Deutschland mittlerweile verboten und steht im Verdacht, Krebs erregend zu sein.

Das Umweltministerium des Landes Schleswig-Holstein stellt an Messstellen im Kreis Pinneberg überschrittene Grenzwerte für Spritzmittel aus der Landwirtschaft fest – etwa in Elmshorn, Moorrege und Bevern.

shz.de von
13. Juli 2015, 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Im Boden des Kreises Pinneberg lauert Gefahr: Pflanzenschutzmittel (PSM). Das ergeben Untersuchungen des Umweltministeriums Schleswig-Holstein, das landesweit Grundwasser analysiert hat. An vier Messstellen im Kreis Pinneberg wurden PSM oder deren Abbauprodukte in Mengen oberhalb der Schwellenwerte nach Grundwasserverordnung entdeckt: In Elmshorn fanden die Mitarbeiter des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) den Stoff DMS (N,N-Dimethylsulfamid), ein Abbauprodukt des verbotenen Pilzvernichters Tolylfluanid. DMS wurde inzwischen als nicht gesundheitsschädlich eingestuft. Wird Wasser mit DMS jedoch mit Ozon behandelt, wie manche Wasserwerke das zur Desinfektion tun, kann Krebs erregendes Nitrosamin entstehen.

In Moorrege wurde der Unkrautvernichter Bromacil gefunden. Das Mittel hatten Landwirte von 1970 bis 1993 auf ihren Feldern verwendet. Es ist in Deutschland mittlerweile verboten und steht im Verdacht, Krebs erregend zu sein.

In Bevern wurde Desphenyl-Chloridazon nachgewiesen. Das ist ein Abbauprodukt des seit Mitte der 1969er Jahre verwendeten Unkrautvernichters Chloridazon. Seit 2007 empfiehlt die Industrie, das Mittel nicht mehr in Trinkwasserschutzgebieten zu verwenden. Das entdeckte Abbauprodukt wurde auch in Horst (Kreis Steinburg) gefunden. Dortige Brunnen versorgen den nördlichen Kreis Pinneberg. Desphenyl-Chloridazon ist wie DMS nicht als gesundheitsschädlich eingestuft.

An 30 Stellen Proben gezogen

Insgesamt wurden an 30 Messstellen im Kreis Pinneberg Proben gezogen. An den genannten vier war eine Überschreitung der Schwellenwerte festgestellt worden. An weiteren sechs wurden PMS oder Abbauprodukte unterhalb des Schwellenwerts gefunden. An den verbleibenden Standorten gab es keinen Nachweis für die Chemikalien.

Die Mitarbeiter des LLUR haben die Proben in tiefen von 3,5 bis 32 Metern genommen. Laut LLUR lässt sich so die Belastung der Grundwasserneubildung analysieren. Die von den Wasserwerken genutzten Grundwasserleiter liegen dagegen häufig tiefer. Außerdem gewährleisten regelmäßige Kontrollen, dass Spritzmittel und deren Abbauprodukte nicht im Trinkwasser landen. Die Wasserwerke müssen das wertvolle Lebensmittel aber teils zu sehr hohen Kosten aufbereiten. Die Werke in Uetersen, Halstenbek, Wedel (JDM Möller) und Elmshorn benötigen Aktivkohlefilter, um die Chemie aus dem Wasser zu bekommen.

 Eine unmittelbare Gefahr gibt es für die Menschen deswegen nicht. Das Problem ist, dass immer wieder mal neue Substanzen auftauchen. Es ist nahezu unbekannt, welche Rückstände tatsächlich im Boden sind. Und es lässt sich auch schwer voraussagen, wann sie in 180 Meter Tiefe gesickert sind. So tief reichen manche Brunnen.

Im Kreis Pinneberg gibt es zehn  Wasserschutzgebiete: Barmstedt, Elmshorn (Köhnholz und Krückaupark), Elmshorn-Sibirien, Halstenbek, Haseldorfer Marsch, Horstmühle, Pinneberg (Peiner Weg), Quickborn, Rellingen und Uetersen. Die Regeln für die Schutzgebiete betreffen nicht nur Gewerbebetriebe, Baumschulen und Bauern, sondern auch Privatleute. So gelten etwa besondere Prüfintervalle für Öltanks und Beschränkungen für Brunnenbohrungen. Landwirte müssen sich den Umbruch von Grünland genehmigen lassen und den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln protokollieren. Weitere Infos gibt es beim Fachbereich Umwelt der Kreisverwaltung. www.kreis-pinneberg.de

Für die Landesregierung in Kiel ist der Kreis Pinneberg ein besonders gefährdetes Gebiet. Der Einsatz von PSM habe besonders in Gebieten mit Baumschulen zu Belastungen des Grundwassers geführt. 85 Prozent der schleswig-holsteinischen Baumschulfläche liegen im Kreisgebiet. Und so wurden Wirkstoffbestandteile von Spritzmitteln nachgewiesen, die seit den 1980er Jahren nicht mehr zugelassen sind. Als folge mussten Wasserwerke geschlossen werden.

Die Diskussion um den Einsatz von Pestiziden führen inzwischen auch die Bauern. Georg Kleinwort, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Pinneberg, hatte während des jüngsten Kreisbauerntags gesagt: „Verzichten Sie auf den Einsatz von Glyphosat.“ Das Spritzmittel wird als Unkrautvernichter und Reifebeschleuniger verwendet. Es steht im Verdacht, Krebs erregend zu sein.  „Wenn Pflanzenschutzmittel im Grundwasser nachgewiesen werden, gehen uns die Argumente aus. Passen Sie auf, dass Sie von Gewässern abbleiben“, sagte Kleinwort. Die sparsame Verwendung könnte auch taktisch klug sein. Denn ein Verbot der Chemikalie ist in der Diskussion.

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland ist von etwa 29000 Tonnen 1993 auf 44000 Tonnen 2013 gestiegen. Godber Andresen, Biologe im Landesverband der Wasser- und Bodenverbände, sagt: „Die Sünden der Vergangenheit kann man nicht zurückdrehen. Aber man muss sich in Zukunft Gedanken darüber machen, welche Stoffe eingesetzt werden.“

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