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Kreis Pinneberg : Umstrittener Nachdruck von „Mein Kampf“ erscheint

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Meinungen zu der wissenschaftlich kommentierten Ausgabe, die jetzt erscheint, sind gespalten.

shz.de von
erstellt am 06.Jan.2016 | 17:28 Uhr

Kreis Pinneberg | Ein Tabu wird gebrochen. 70 Jahre war der deutschsprachige Nachdruck von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ verboten. Morgen wird die erste Neuauflage der Nazi-Kampfschrift nach 1945 für 59 Euro herausgebracht. Vorbestellungen sind wegen der hohen Nachfrage aktuell bei einigen Online-Buchhändlern nicht möglich.

Die Neuveröffentlichung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte wurde zwar mit mehr als 3500 Anmerkungen und wissenschaftlichen Kommentaren versehen und ist deshalb doppelt so dick wie das Original, sie bleibt aber trotzdem umstritten. Die Kette Thalia will das Buch nicht in Filialen auslegen, Bestellungen sollen jedoch möglich sein.

Auch der Ex-Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow, warnte: „An Stelle der Deutschen würde ich noch einmal darüber nachdenken.“ Es gebe keine Notwendigkeit für eine deutsche Neuausgabe, meinte der Friedensnobelpreisträger.

Das sieht Sönke Zankel, Lehrer am Ludwig-Meyn-Gymnasium in Uetersen, der gemeinsam mit seinen Schülern dafür sorgte, dass Hitler die Ehrenbürgerschaft in der Rosenstadt im Dezember aberkannt wurde, anders. „Ein Verbot des Buches hat in Zeiten des Internets keinen Sinn, da jeder das Buch bekommen kann, wenn er es haben möchte“, sagte er. Gefahren für die Demokratie könne er nicht erkennen. „Es ist beispielsweise kaum vorstellbar, dass sich Jugendliche durch die anstrengende Lektüre durchquälen“, so Zankel. Gefahren für die Demokratie lauern seiner Meinung nach woanders. „Insofern ist es richtig, dass das Buch kommentiert herausgegeben wird, allein schon aus Gründen der Wissenschaftsfreiheit“, sagte Zankel.

Im Internet als PDF

Tatsächlich kann man alte Ausgaben des Buches seit Längerem im Internet im PDF-Format herunterladen. Der Besitz von „Mein Kampf“ selbst ist nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs von 1979 nicht verboten. Denn das Buch könne sich nicht gegen die Rechtsordnung der Bundesrepublik richten, weil es 1924 und damit lange vor der Staatsgründung verfasst wurde, so die Richter. Allerdings hatte die bayerische Landesregierung den Nachdruck jahrzehntelang mit dem ihr von den Alliierten übertragenen Urheberrecht verhindert. Zum 1. Januar 2016 – gut 70 Jahre nach Hitlers Tod – ist die Frist aber abgelaufen. Jeder könnte theoretisch die Hetzschrift herausgeben.

Kerstin Seyfert (CDU), Vorsitzende des Schulausschusses des Kreises Pinneberg, habe bei der Neuauflage ein mulmiges Gefühl. „Es ist nur dann sinnvoll, wenn das Buch pädagogisch begleitet und beispielsweise im Rahmen des Schulunterrichts analysiert und aufbereitet wird“, sagte sie. Allerdings sollte das Seyferts Meinung nach erst in der Oberstufe geschehen. „Aufklärung ist wichtig. Etwas unter Verschluss zu halten, ist immer problematisch“, sagte das Kreistagsmitglied und fügte an: „Man sollte damit offensiv, aber sorgfältig und begleitet umgehen.“

Das aus 800 Seiten und zwei Teilen bestehende Buch hatte der damals 35-jährige gebürtige Österreicher 1924 in seiner Landsberger Festungshaft geschrieben, zu der er nach dem gescheiterten Münchner Putschversuch am 9. November 1923 verurteilt worden war. Lange Schachtelsätze, stilistische Übertreibungen, fehlende Systematik und triefender Antisemitismus machen das Machwerk schwer lesbar. Hitler schreibt in „Mein Kampf“ beispielsweise über zeitgenössische Mode: „Würde nicht die körperliche Schönheit heute vollkommen in den Hintergrund gedrängt durch unser laffiges Modewesen, wäre die Verführung von Hunderttausenden von Mädchen durch krummbeinige, widerwärtige Judenbankarte gar nicht möglich.“ Hinzu kommen Lebensweisheiten in schiefen Bildern. Kostprobe: „Wer nicht selbst in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, kennt ihre Giftzähne nicht.“ Sätze wie dieser waren nicht als Satire gedacht.

Später hat sich Hitler gelegentlich selbst vom Stil seines Buches distanziert. Der Historiker Joachim Fest zitiert in seiner Biografie Adolf Hitler mit den Worten: „Wenn ich 1924 geahnt hätte, Reichskanzler zu werden, dann hätte ich das Buch nicht geschrieben.“ Die Selbstkritik habe sich nicht auf den Inhalt, sondern nur auf die Form bezogen.

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„Aufklärung ist wichtig. Etwas unter
Verschluss zu halten, ist problematisch.“

Kerstin Seyfert (CDU)
Schulausschuss-Vorsitzende
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„Schwülstig, langatmig, formlos, aber schwanger mit seiner Botschaft“, bezeichnete der britische Staatsmann und Historiker Winston Churchill später die Kampfschrift. Hitler hatte bereits 1924 in seiner Schrift den Massenmord an den Juden als Lehre aus dem Ersten Weltkrieg angekündigt: „Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, ...., dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen.“

Bis zum 8. Mai 1945 hatten die Nazis etwa sechs Millionen europäische Juden umgebracht. Die Prophezeiung war grausige Wirklichkeit geworden. Auch die brutale Unterjochung der osteuropäischen Völker hatte Hitler 1924 ausführlich erläutert. Als Vorbild nannte er die Vertreibung und Ausrottung der indianischen Urbevölkerung in Nordamerika.

In Russland ist „Mein Kampf“ aktuell durch mehrere Gerichtsurteile verboten, weil in ihr die „Diskriminierung und Vernichtung von Personen nichtarischer Rasse gerechtfertigt“ wird, heißt es etwa in einem Urteil von 2010.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland spricht sich dafür aus, dass Hitlers Propagandaschrift verboten bleiben muss. „Nach dem Auslaufen des Urheberrechts ist die Gefahr sehr groß, dass dieses Machwerk verstärkt in den Markt gebracht wird“, wird der Präsident Josef Schuster auf der Internetseite des Zentralrats zitiert. Gegen eine wissenschaftlich-kommentierte Ausgabe für Forschung und Lehre sei allerdings nichts einzuwenden.

Mögliche Entwicklung zur Hausbibel

Die Kritiker führen weitere Bedenken ins Feld: Mit dem Wegfall des bayerischen Urheberrechts könnten rechtsextreme Verlage das Machwerk als eine Art Hausbibel in der rechten Szene vertreiben und mit dem Nachdruck Geld verdienen.

Schon Hitler wurde mit seinem Buch Millionär. Allein im Jahr seines Machtantritts 1933 wurden über eine Million Exemplare verkauft. Bis Mai 1945 waren es sogar insgesamt zehn Millionen Bücher die im Buchhandel verkauft, an frisch vermählte Ehepaare verteilt oder als Auszeichnung an Soldaten verliehen worden waren.

Mit großer Geste hatte Hitler 1933 auf das Jahreseinkommen als Reichskanzler in Höhe von 47  000 Reichsmark verzichtet. Nur wenige in Deutschland wussten damals allerdings, dass er sich erfolgreich weigerte, Steuern auf die Einkünfte aus „Mein Kampf“ zu zahlen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) befürwortet die kommentierte Neuausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Sie fordert sogar, die kritische Neuauflage im Schulunterricht einzusetzen. „Schülerinnen und Schüler werden Fragen haben und es ist richtig, dass sie diese im Unterricht loswerden und über das Thema sprechen können“, sagte Wanka.

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