„Um jeden Geflüchteten kämpfen“

Willkommenslotsin Özge Acar (von links) warb im Geschwister-Scholl-Haus um Flüchtlinge zur Berufsausbildung. Förster Tom Schmücker berichtete vom Beruf des Baumpflegers und Bonty Chanra gab dem jugendlichen Publikum Einblick in seine Ausbildung als Garten- und Landschaftsgärtner.
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Willkommenslotsin Özge Acar (von links) warb im Geschwister-Scholl-Haus um Flüchtlinge zur Berufsausbildung. Förster Tom Schmücker berichtete vom Beruf des Baumpflegers und Bonty Chanra gab dem jugendlichen Publikum Einblick in seine Ausbildung als Garten- und Landschaftsgärtner.

Im Zuge des Fachkräftemangels stellen Migranten ein großes Potenzial für Arbeitgeber dar / Sprache und Pünktlichkeit problematisch

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03. Januar 2018, 16:18 Uhr

Nach den großen Flüchtlingsströmen, der Registrierung und Unterbringung hat jetzt die Zeit der tatsächlichen Integration für die Flüchtlinge begonnen, das Sprechen der deutschen Sprache, der Bezug einer eigenen Wohnung und der Arbeitsbeginn. Aber die Vorstellung, wie es laufen sollte, weicht manchmal von der Realität ab. Wie gelingt die Integration in Pinneberg? Heute berichten wir über die Erfahrungen der Arbeitgeber mit Flüchtlingen im Betriebsalltag.

Arbeitgeber haben in ihren Betrieben erste Erfahrungen mit Geflüchteten gemacht und das Zusammenspiel im Arbeitsalltag erprobt: Die meisten sind zufrieden mit den Leistungen ihrer neuen Mitarbeiter, so eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem vergangenen Jahr. Trotzdem gibt es Probleme, die den Arbeitgebern „erhebliche Schwierigkeiten“ bereiten. Als größtes Handikap werden mangelnde Deutschkenntnisse genannt.

„Eine gute Verständigung ist Grundlage jeder vernünftigen Ausbildung“, sagt auch Jennifer Großmann. Die Geschäftsführerin leitet die Asta Metalltechnik GmbH, ein Bildungsträger in Halstenbek, und sucht Asylberechtigte, Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive und anerkannte Flüchtlinge für die Metallbranche. Sie prüft die Bewerber-Eignung für Kunden der Agentur für Arbeit und bietet praktische Ausbildungen an. Sie weiß, was Arbeitgeber wollen.

„Zunächst einmal benötigen sie dringend Mitarbeiter. Die Metallbranche, wie viele andere Branchen auch, ist leergefegt und braucht Nachwuchs und Fachkräfte. Wir müssen um jeden Geflüchteten kämpfen und versuchen, ihn auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagt Großmann. Gemeinsam mit Betriebsleiter Hans Annuszies stellt sie in norddeutschen Städten die beruflichen Möglichkeiten der Metall-Branche vor. Im Pinneberger Geschwister-Scholl-Haus (GSH) war das Interesse der jungen Flüchtlinge nach so einer Informationsveranstaltung groß.

„Ich freue mich über den Zuspruch, bin aber auch realistisch. Man kann nie sicher sein, ob die Interessenten am Ball bleiben, eine Ausbildung beginnen und sie auch bis zum Ende durchziehen“, so die Erfahrung der Geschäftsführerin: „Besonders die jungen ungebundenen Geflüchteten haben nichts zu verlieren und reisen mit leichtem Gepäck. Wenn ein scheinbar besseres Angebot kommt, sind sie häufig weg.“ Problematisch findet Großmann die Einstellung zur Ausbildung allgemein: „Viele möchten so schnell wie möglich viel Geld verdienen und sich nicht mit einer schlechter bezahlten Lehre aufhalten.“ Langfristig sei eine richtige Ausbildung aber viel besser, so Großmann. „Nur fundiertes Wissen, Arbeits- und Ausbildungsnachweise öffnen in unserer Gesellschaft das Tor zum Geldverdienen.“ Arbeitgeber bemängelten auch immer wieder die nicht so ausgeprägten Sekundärtugenden. Großmann: „Pünktlichkeit, das Abmelden bei Krankheit und konzentriertes Arbeiten müssen oft erst trainiert werden.“

Aber auch die Arbeitgeber sollten sich in diesem Zusammenspiel bewegen und „endlich eine aktivere Rolle einnehmen“, fordert Großmann. Mittelständler seien oft konservativ und wollten keine Flüchtlinge einstellen. Da gäbe es noch zu viele Vorurteile und Barrieren: „Flüchtlinge sind für viele Branchen eine echte Chance für die Zukunft. Das muss man verstehen und seinen Beitrag leisten.“

Ausbildungen zum Schweißer werden häufig von Arbeitsagenturen und Jobcentern finanziert. Momentan läuft diese Förderung allerdings schleppend: „Die Töpfe sind leer – unter anderem wegen der aktuellen Nicht-Regierungsbildung“, sagt Großmann. Überhaupt: Generell sei die Bürokratie für Arbeitgeber eines der größten Hemmnisse, um Geflüchtete einzustellen. Die Integration werde trotzdem klappen. „Es bräuchte aber mehr intelligente Zusammenschlüsse von Behörden, Institutionen, Firmen und Helfern, dann würde es schneller gehen.“

Auch Özge Acar ist in Sachen Integration optimistisch. Die Willkommenslotsin arbeitet für den Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau und möchte unter den Flüchtlingen Landschaftsgärtner für Pinneberger Firmen werben. Zur Informationsveranstaltung im GSH hat sie Förster Tom Schmücker mitgebracht, der etwas über die Arbeit als Baumpfleger erzählte. Auch Landschaftsgärtner-Azubi Bonty Chanra war dabei. Von den jungen Geflüchteten nach seiner Arbeit befragt, hatte Chanra die Lacher auf seiner Seite: „Die Arbeit ist schwer. Man muss schwer tragen. Und in der Berufsschule ist es auch sehr schwer“, sagte er auf der Bühne. Trotz all der „Schwere“ scheint ihm die Arbeit aber doch großen Spaß zu machen. Er würde sich jedenfalls immer wieder für diesen Beruf entscheiden, sagt er.

>Am Mittwoch, 10. Januar, geben wir in unserer Serie „Integration in Pinneberg“ Einblicke in die Arbeit von der ehrenamtlichen Helferin Ulrike Bues.




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