Ukraine zwischen Schein und Sein

Militärattaché Oberst außer Dienst Bernd Schulte (links) folgte der Einladung in die Appener Marseille-Kaserne von Oberst Klaus Christian Kuhle.
Militärattaché Oberst außer Dienst Bernd Schulte (links) folgte der Einladung in die Appener Marseille-Kaserne von Oberst Klaus Christian Kuhle.

Einblicke in ein gespaltenes Land: Ehemaliger Militärattaché berichtet bei den „Appener Gesprächen“ von seinen Auslandserfahrungen

shz.de von
24. Juni 2014, 16:00 Uhr

„Wenn Sie jetzt denken, Sie wissen jetzt, wie schlimm die Situation in der Ukraine ist – es ist noch schlimmer.“ Es war wahrlich ein düsteres Bild, das der ehemalige Militärattaché Oberst außer Dienst Bernd Schulte von der Ukraine zeichnete. Er war bei der Gesprächsreihe „Appener Gespräche“ in die Kaserne geladen worden, um unter dem Titel „Die Ukraine, ein Land in Europa“ über seine Zeit in dem Land zu berichten.

Schulte war von 2000 bis 2004 knapp vier Jahre deutscher Militärattaché in dem früher zur Sowjetunion gehörenden Land. Gleich zu Beginn machte er deutlich, dass er damals sein Herz an die Ukraine verloren hat. Es sei „wunderschön und romantisch“, habe eine „großartige Kultur“ und eine „große Geschichte“ – aber sei eben auch voller Kontraste. Wenn es um Korruption geht, könne die Ukraine auch in Afrika liegen, stellt Schulte klar. Die Probleme rühren aus seiner Sicht aus der Zeit, als die Sowjetunion zusammenbrach. Das Land sei erstaunt gewesen über die Freiheit nach „300 Jahren russischer Besetzung“ – und ebenso unvorbereitet. Der Kommunismus habe zum Teil „völlig verwirrte Menschen zurückgelassen“. Die Ukrainer hätten schnell gelernt, wie man an Geld kommt. Das habe er in Kiew erlebt. Korruption in der Politik sei an der Tagesordnung. Im Parlament werde dafür gestimmt, was vorher bezahlt wurde. Die wahre Macht liege bei den Oligarchen, den lokalen Machthabern mit viel Geld – nicht beim Präsidenten.

Auch das Wirtschaftssystem sei „ein System der primitiven Ausbeutung“, sagt Schulte. „Servierer bekommen zum Beispiel überhaupt kein Geld, müssen nur vom Trinkgeld leben.“

Bei der Bildung sieht es auch nicht besser aus. Die reichen Sprösslinge der Oligarchen würden andere zwingen, die Arbeiten für sie zu schreiben. Wehren können die sich nicht. „Ein Menschenleben zählt da nicht viel.“ Dementsprechend säßen heute auch in den entscheidenden Positionen der Wirtschaft wenig fähige Leute, befindet der Oberst. In der Ukraine hersche aber die Meinung, dass dies eben der Kapitalismus sei, den sie vom Westen übernommen hätten. Schulte sieht die Verhältnisse eher als „Ausgeburt des Niedergangs des Sozialismus“. Die Oligarchen hätten sich das genommen, wovon sie glaubten, dass es ihnen zusteht. „Fünf Prozent der Bevölkerung besitzen 95 Prozent des Kapitals. 80 Prozent leben unter dem Existenzminimum. Die Schere öffnet sich immer mehr.“

Auch wenn sich die Ukraine als präsidiale Demokratie verstehe, sei dies nur „eine Kopie ohne Wert“. Politisch habe der Präsident wenig Macht. Freie Wahlen seien auch eine Illusion. Einmal lag die Wahlbeteiligung bei 132 Prozent. Schulte erzählt von einer Studentin, die ihm erzählt habe, wie sie bedroht wurde, das Richtige zu wählen. Es gäbe Mittel und Wege, nachzuvollziehen, wo sie ihr Kreuzchen gemacht hätten. Journalisten, die frei berichten, spielen mit ihrem Leben.

Es sieht nicht gut aus. Die Hoffnung gibt Schulte aber nicht auf. Zum jetzigen Zeitpunkt Geld in das Land zu pumpen, hält er aber für falsch. Eine Integration in die Europäische Union könnte die Situation verbessern, indem sich die Werte dann nach und nach durchsetzen würden. Das brauche aber vor allem Zeit.

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