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Tod nach Messerstich : Uetersener soll Elmshornerin erstochen haben - vier Jahre Gefängnis?

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Staatsanwaltschaft fordert vier Jahre Gefängnis für einen Uetersener, der seine Freundin erstochen haben soll. Während der Prozessfortsetzung vor dem Itzehoer Landgericht entsteht ein Bild, in dem die Grenzen zwischen Schuld und Schicksal verschwimmen.

shz.de von
erstellt am 19.Jan.2016 | 12:15 Uhr

Itzehoe/Elmshorn | Weil er im Suff seine Lebensgefährtin erstochen haben soll, will die Staatsanwaltschaft einen Mann aus Uetersen für vier Jahre ins Gefängnis schicken. Anklägerin Maxi Wantzen sah es als erwiesen an, dass der 48-Jährige seiner damals 55 Jahre alten Freundin im Juni 2015 ein Messer in den Bauch gerammt hatte. Die Frau wurde erst zwölf Tage nach ihrem Tod in der gemeinsamen Wohnung gefunden. Der Rechtsanwalt des 48-Jährigen hingegen forderte einen Freispruch. Die Tat könne seinem Mandanten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Nach Überzeugung Wantzens hatten der Angeklagte und seine Lebensgefährtin am Abend des 3. Juni gemeinsam getrunken. Beide waren Alkoholiker, hatten sich 2014 in einer Entzugsklinik kennengelernt. An dem Juniabend gab es Streit. Von dem, was dann geschah, gibt es unterschiedliche Versionen. Laut Wantzen griff der Mann nach einem Messer und stach zu. Anschließend verließ er die Wohnung, um sich mehrere Tage lang exzessiv zu betrinken, bis er etwa eineinhalb Wochen später völlig verwahrlost und mit 3,4 Promille im Blut ins Elmshorner Krankenhaus gebracht wurde. Dort habe er Krankenschwestern die Tat gestanden.

Der Angeklagte hingegen gab an, von seiner Freundin mit dem Messer angegriffen worden zu sein. Nach einer Verfolgungsjagd durch das Wohnzimmer habe sie sich das Messer schließlich selbst in den Bauch gestoßen. Er habe noch den Notarzt gerufen, der jedoch nicht gekommen sei. Am nächsten Morgen sei die Frau tot gewesen. Dann habe er sich auf die Sauftour begeben.

„Es war eine Tragödie“

Die Beziehung beginnt unter widrigen Umständen. Ein heute 48 Jahre alter Uetersener lernt seine Lebensgefährtin aus Elmshorn 2014 in einer Entzugsklinik für Alkoholiker kennen. Beide sind dort als Patienten in Behandlung. Wenige Monate später ist die 55 Jahre alte Frau tot. Erstochen von ihrem Freund, wie die Staatsanwaltschaft Itzehoe glaubt. Wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge fordert Anklägerin Maxi Wantzen vier Jahre Gefängnis.

Jetzt wurde die Hauptverhandlung vor dem Itzehoer Landgericht fortgesetzt. Es ist ein Indizienprozess. Zeugen der mutmaßlichen Tat gibt es nicht. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft spielt sich in der Nacht auf den 4. Juni Folgendes ab: Der Uetersener kauft einen Fernseher, um seine Freundin zu überraschen. In der gemeinsame Wohnung in Elmshorn stoßen die beiden mit Schnaps auf die Neuanschaffung an. Sie leeren eineinhalb Flaschen, bevor sie in getrennten Zimmern zu Bett gehen. Statt zu schlafen, ruft die Frau nach ihrem Lebensgefährten. Aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen gibt es Streit – wie so oft in der Vergangenheit, wenn Alkohol im Spiel ist.

Schließlich droht die 55-Jährige laut Wantzen, ihren Lebensgefährten aus der Wohnung zu werfen. Der Angeklagte ergreift demnach ein Messer und stößt es seiner Freundin in den linken Oberbauch. „Ich glaube nicht an einen Tötungsvorsatz. Aber ich glaube, dass er sie erheblich verletzten wollte“, sagte Wantzen. Gegen 3.40 Uhr wählt der Angeklagte die Notrufnummer. Doch die Retter verstehen das schlechte Deutsch des Russen, der alkoholisiert ist, nicht. Trotzdem fahren sie zur Wohnung und klingeln. Niemand öffnet. Die Helfer rücken wieder ab. Zu dieser Zeit könnte die Frau noch gelebt haben, wie ein Mitschnitt des Notrufs nahelegt. Ermittlungen wegen unterlassener Hilfeleistung gegen die Rettungskräfte gibt es nicht, wie Oberstaatsanwalt Uwe Dreeßen auf Anfrage sagte: „Unterlassene Hilfeleistung setzt voraus, dass die Notlage offensichtlich ist. Wegen der Verständigungsprobleme war die Situation aber nicht eindeutig.“

Mehrtägige Sauftour

Am Morgen des 4. Juni bemerkt der Angeklagte nach Ansicht Wantzens den Tod seiner Freundin. Er geht auf eine mehrtägige Sauftour. Nach eineinhalb Wochen bringen Rettungskräfte ihn verwahrlost und mit 3,4 Promille im Blut ins Krankenhaus. Dort gesteht er mehreren Krankenschwestern die Tat. Das Klinikpersonal verständigt die Polizei, welche die Frau etwa zwölf Tage nach ihrem Tod findet. „Seine hohe Toleranz spricht dafür, dass der Angeklagte trotz des Alkohols steuerungs- und einsichtsfähig war, sodass dessen Einfluss nicht strafmildernd berücksichtigt werden kann. Vier Jahre Gefängnis sind der Schuld angemessen“, sagte Wantzen. Die Unterbringung in einer Psychiatrie hält eine Sachverständige für nicht geboten. „Es fehlt der Antrieb zur Therapie und die Sprachbarrieren sind hoch“, sagte die Expertin für Forensik.

Der Anwalt des 48-Jährigen, Peter Wiebensohn, plädiert auf Freispruch. Streitereien und Verletzungen unter Alkoholeinfluss seien stets von beiden Seiten ausgegangen. Bereits während des vergangenen Prozesstags hatten die beiden Töchter der Toten ausgesagt. Sie hatten von der Abhängigkeit ihrer Mutter berichtet, von deren komplizierten und von beiderseitiger Gewalt geprägten Beziehungen und von Suizidversuchen ihrer Mutter. „Es lässt sich nicht sicher sagen, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Die Aussagen gegenüber Krankenschwestern waren nicht eindeutig. Es gab große Verständigungsprobleme“, so der Verteidiger. Er wiederholte die Darstellung seines Mandanten, wonach sich die Frau das Messer selbst in den Bauch gerammt und Hilfe abgelehnt hatte.

Anwalt Karl-Fred Pentzek sagte als Nebenklagevertreter: „Es war eine Tragödie im eigentlichen Sinne.“ Urteilen will Richterin Isabel Hildebrandt am kommenden Dienstag.

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