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Serie: Neu im Geschäft : Übernahme: Sprung ins kalte Wasser

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Bönningstedt: Tochter führt Betrieb des Vaters weiter.

Bönningstedt | Als Niels Rueß um die Jahrtausendwende seine Tochter Jessie fragte, ob sie Interesse daran habe, seinen Bönningstedter Hersteller-Betrieb für Senkrecht-Lamellen-Systeme zu übernehmen, winkte diese dankend ab. „Ich wollte nach dem Abitur lieber eine Ausbildung machen“, erinnert sich Rueß. Damit war für den Vater das Thema zunächst abgehakt. „Für mich war damit klar, dass ich das Geschäft langsam auslaufen lasse – keine Werbung mehr mache und mich Stück für Stück zurückziehe“, sagt Niels Rueß.

Es sollte anders kommen. Jessie Rueß absolvierte erfolgreich die Lehre zur Automobilkauffrau – in der Lkw-Sparte eines namhaften Herstellers. „Anschließend wurde ich Assistentin des Vertriebsleiters“, berichtet Rueß. Ein Job, der ihr viel Spaß machte, sagt sie heute. Dann jedoch sei viel Unruhe im Unternehmen gewesen: Umstrukturierungen, personelle Wechsel an verschiedenen Positionen, immer wieder Interimslösungen mit kurzer Halbwertszeit.

Und mittendrin Rueß, die einfach nur einen guten Job machen wollte. „Im Grunde war es so, dass ich die Arbeit gemacht habe, die meine Vorgesetzten dann präsentierten“, sagt Rueß. Die Erfolge hätten die Chefs eingeheimst, doch eine Chance, selbst in eine Führungsposition aufzusteigen, bekam die junge Frau nicht. Das sei auf Dauer frustrierend gewesen. „Und irgendwann war da die Erkenntnis: Das kann ich auch selbst – ich will mein eigener Chef sein“, berichtet Rueß.

Die Übernahme als Chance

Erneut wollte Vater Niels an Weihnachten 2005 von ihr wissen, ob die Übernahme des Betriebs nicht doch eine Option für sie sein könnte. „Da dachte ich: Das ist meine Chance“, sagt Rueß. Sie kündigte kurzerhand ihren Job und wuchs nach und nach in die neue Tätigkeit hinein. Fünf weitere Jahre sollte es dauern bis zur offiziellen Übergabe.

„Ich war komplett branchenfremd“, blickt Rueß zurück. Denn statt mit schweren Fahrzeugen befasste sich die frisch gebackene Unternehmerin nun mit filigraner Materie: der Herstellung, Montage und dem Service von Senkrecht-Lamellen-Konstruktionen. „Eine ganz andere Welt“, stellte sie schnell fest. Und: Es bedarf langjähriger Erfahrung und umfangreicher Kenntnisse, um Kunden optimale Lösungen anbieten zu können.

Sie startete bei null. „Ich bin einige Zeit lang mit einem ehemaligen Mitarbeiter mitgefahren, um erstmal mit den Materialien und den Kunden vertraut zu werden“, sagt Rueß. Sie lernte, Fensterfronten auszumessen, welche Gewebe wofür geeignet sind und wie das vom Vater verarbeitete Schienen-System montiert wird.

Stabwechsel mit der Industrie- und Handelskammer vorbereitet

Zwei Jahre später wandten sich Vater und Tochter an die Industrie- und Handelskammer (IHK), um den Stabswechsel vorzubereiten. Gespräche mit Steuerberater und Banken folgten, Zahlen mussten offen gelegt und Strategien für die Firma entwickelt werden.

„Ein Fallstrick war beispielsweise der Firmenname, in dem ein Doktortitel enthalten ist“, erinnert sich Rueß. Dieser dürfe nicht ohne Weiteres bei einer Firmennachfolge übernommen werden. „Die Handelskammer hat uns geholfen, diese Klippe zu umschiffen, damit wir weiterhin ,Dr. Haller + Co. Lamellen‘ heißen können – der Start mit einem neuen Namen statt des bereits etablierten wäre sehr schwierig geworden“, ist sich Rueß sicher.

„Außerdem habe ich mich im unternehmerischen Bereich weitergebildet“, berichtet die Jung-Unternehmerin. Einer Woche Gründer-Seminar an der Technischen Universität (TU) Harburg folgte die Teilnahme an Treffen der Pinneberger Wirtschaftsjunioren, denen sie mittlerweile angehört. „Ich sah mich auch in sozialen Netzwerken nach Existenzgründerinnen-Treffs um, um Erfahrungen auszutauschen“, sagt Rueß.

 

Doch dort habe sie nur wenig Gleichgesinnte getroffen, denn die Mehrzahl der Teilnehmerinnen gründeten eine neue Firma. Dennoch brachte sie der Austausch weiter. „Ich habe von den Erfahrungen der anderen Frauen profitiert und bin viel selbstsicherer geworden“, blickt sie zurück.

Seit 2011 ist Rueß die Chefin im Haus. Vier bis sechs Mitarbeiter – je nach Auftragslage – stehen ihr zur Seite. „Wir sind zwar ein kleiner Betrieb, aber dadurch sehr flexibel und gut aufgestellt, um auch größere Aufträge kurzfristig abarbeiten zu können“, zieht sie vorläufig Bilanz.

Dass die Firma inzwischen als Familienbetrieb bezeichnet werden kann, ist ihrer fünf Monate alten Tochter zu verdanken. „Seither hilft mein Vater wieder mit und springt ein, wenn’s bei mir gerade nicht passt“, ist Rueß dankbar. Die Zeit, langsam in den Betrieb hineinzuwachsen, sieht sie als sinnvolle Investition an. „Es standen kein Druck und auch keine Erwartungen dahinter, ich hätte jederzeit auch sagen können, dass ich doch lieber etwas anderes machen will“, sagt sie. Doch darüber denkt sie inzwischen nicht mehr nach.

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erstellt am 18.Aug.2015 | 12:00 Uhr

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