Gutachten : Überdurchschnittliche Pro-Kopf-Kaufkraft in Rellingen

Die Pro-Kopf-Kaufkraft in Rellingen liegt um ein Drittel über dem deutschen Durchschnitt.
Die Pro-Kopf-Kaufkraft in Rellingen liegt um ein Drittel über dem deutschen Durchschnitt.

Voraussetzung: Ort muss für attraktiveres Einzelhandelsangebot investieren / Gutachten belegt: Nur 43 Prozent der Kaufkraft bislang abgeschöpft

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27. Januar 2015, 16:00 Uhr

Rellingen/Hamburg | Nur 43 Prozent der überdurchschnittlichen Kaufkraft bleiben in der Gemeinde Rellingen. Wird das Einzelhandelsangebot im Ort attraktiver und zeitnah aufgepeppt, ist mit einem zusätzlichen Umsatz von 8,8 Millionen Euro zu rechnen. Das Gutachten über die Kaufkraft der Rellinger Bürger hat sich die Politik 15.000 Euro kosten lassen. Langfristig dürfte sich die Investition – Ende 2013 beim Hamburger Büro Bulwiengesa (Marktforschung und -Analyse) in Auftrag gegeben – aber rechnen.

So lautet das Fazit der Sitzung des Bauausschusses unter der Leitung von Eckhardt Schlesselmann. Der Christdemokrat fühlt sich bestätigt. Habe die CDU seinerzeit die Initiative zur Erfassung der Daten angeschoben. „Gegner von Planung sind Freunde des Zufalls“, heißt es aus seinem Mund. Und auf zufälle will sich Schlesselmann keinesfalls einlassen.“

Bulwiengesa-Mitarbeiter Andreas Brode stellte das Gutachten – 87 Seiten dick – vor. Im Kern ging es darum, die Nachfrage in der etwa 14.000-Seelen-Gemeinde zu analysieren, den Bestand zu erheben, den Umsatz einzuschätzen, die Kaufkraftbindung zu errechnen, Kunden im Ortszentrum zu befragen und unterm Strich Schlüsse daraus zu ziehen. Fakt ist: Der Rellinger Einzelhandel könnte seinen Umsatz von derzeit 72,5 Millionen Euro pro Jahr auf etwa 81 Millionen Euro steigern. Ohne Investition geht’s nicht: Zusätzliche Verkaufsflächen müssen her, Betreiber angelockt werden. Zurzeit gibt es 56 aktive Geschäfte mit etwa 28.400 Quadratmetern, 34 davon – mit 4200 Quadratmetern Verkaufsfläche – befinden sich im Ortskern. Brode betont auch: Außerhalb des Ortskerns sollte das Angebot nur ausgebaut werden, wenn dadurch die Geschäfte im Bereich der Hauptstraße nicht beeinträchtigt werden.

Potenzial ist ausreichend vorhanden: Die Pro-Kopf-Kaufkraft liegt um ein Drittel über dem Deutschen Durchschnitt. Zudem pendeln etwa 600 Menschen mehr in den Ort hinein als heraus. „Davon profitiert der Einzelhandel“, so Brode. Ein Nachteil: Mehr als jeder zweite Rellinger besitzt ein Auto. „Die Leute sind bereit, Wege in Kauf zu nehmen“, sagte Brode.

Politik und Verwaltung an der Hauptstraße haben es jetzt schwarz auf weiß: Das Angebot an Mode, Elektro- und Technikartikeln, Haushaltswaren, Bücher und Schreibwaren liege zurzeit unter dem Durchschnitt. Junge Menschen machen eher einen Bogen um den Ortskern. Um sie einzufangen, empfiehlt das Gutachten die Ansiedlung neuer Geschäfte: „Denkbar wären beispielsweise ein modernes (Tages)-Gastronomieangebot, ein Biomarkt, Mode- oder Schuhfachmarkt, gegebenenfalls auch ein Fachgeschäft für Baby-/Kinderbekleidung oder -bedarf“, heißt es in dem Papier.

Rellingen sind laut Landesplanung aber auch Grenzen auferlegt: Die Hüter billigen dem Ort keine zentralörtliche Funktion zu. „Einen H  &  M werden wir nicht kriegen“, kommentiert Bürgermeisterin Anja Radtke (parteilos) das schmale Handlungskorsett. Von der Ansiedlung eines neuen Nahversorgers außerhalb des Zentrums riet Brode ab. Stattdessen müsse der Edeka-Markt an der Hauptstraße gestärkt werden. Die Gemeinde sollte dem Betreiber ermöglichen, „seinen mit Objektmängeln behafteten Markt neu aufzustellen“, so das Gutachten.

„Der Edeka ist ausbaufähig“

Brandes nennt Zahlen, die für die weitere Planung der Entscheidungsträger von großem Gewicht sein dürften: Bedarf gibt es beispielsweise für Lebensmittelmärkte im Ortskern. Die Fläche des Penny-Markts am Arkadenhof sei mit etwa 350 Quadratmetern Verkaufsfläche zu klein, der Edeka-Markt an der Hauptstraße mit etwa 1500 Quadratmetern ist aufgrund seiner Zweigeschossigkeit ausbaufähig. Leerstand im Ortskern gibt es kaum. Die größte ungenutzte Fläche ist das ehemalige Postgebäude. Die Gutachter geben weitere Empfehlungen: „Ideal wäre die Ansiedlung eines Discounter in der Edeka-Nachbarschaft.“

Auch das Thema „verstopfte“ Hauptstraße zur Hauptverkehrszeit“ wird nicht ausgeblendet: Eine Verkehrsberuhigung ist der Wunsch der meisten. Aber das Gutachten warnt davor, dass damit der Kundenstrom nachlassen könnte. Für Schlesselmann steht fest: „Ich halte das Gutachten für sehr effektiv für die weitere Planung.“ Und Radtke ergänzte: „Es bietet eine Grundlage, um den Ort bestimmten Interessenten schmackhafter zu machen, oder bei anderen Anfragen zu sagen: Das passt hier nicht rein.“

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