Uetersen : Trotz Fachkräftemangel: Bauingenieur droht die Abschiebung

Sein Schicksal scheint besiegelt zu sein: Mohammed Reza Azizi hält das Schreiben, auf dem steht, dass er in der kommenden Woche abgeschoben werden soll. Der Afghane ist gut ausgebildet und würde gern bleiben.
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Sein Schicksal scheint besiegelt zu sein: Mohammed Reza Azizi hält das Schreiben, auf dem steht, dass er in der kommenden Woche abgeschoben werden soll. Der Afghane ist gut ausgebildet und würde gern bleiben.

Aus Angst um sein Leben floh er vor acht Monaten aus Afghanistan nach Polen, um von dort aus ein neues Leben in Deutschland zu beginnen.

shz.de von
07. Januar 2015, 11:30 Uhr

Uetersen | Mohammed Reza Azizi ist Bauingenieur. Aus Angst um sein Leben floh er vor acht Monaten aus Afghanistan nach Polen, um von dort aus ein neues Leben in Deutschland zu beginnen. Doch dieser Traum scheint vorerst geplatzt zu sein. Der 24-Jährige, der zurzeit in Uetersen untergebracht ist, soll in der kommenden Woche abgeschoben werden – und das trotz Fachkräftemangel in der Baubranche.

Sein Deutsch ist auffallend gut, fast fließend. Nach nur sechs Monaten eine Meisterleistung. In der Volkshochschule in Pinneberg und Tornesch habe er mehrere Kurse besucht. Das Meiste habe er sich aber selbst beigebracht, erzählt er. In seinem Rucksack trägt er ständig Vokabelkarten mit sich herum, die er bei jeder Gelegenheit lernt und ergänzt. „Ich liebe Deutschland. Hier kann ich mich weiterentwicklen.“

Beruflich könnte er gleich durchstarten. Mithilfe der Diakonie hat er seinen Abschluss anerkennen lassen. Er könnte seinen Master machen oder gleich arbeiten. „Mit dem Rad bin ich von Firma zu Firma gefahren, um einen Job zu finden.“ Ohne Arbeitsgenehemigung allerdings vergeblich. Am Freitag hat er ein Vorstellungsgespräch bei einem großen Bauunternehmen in Hannover, das er auf jeden Fall wahrnehmen will. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Er lässt sich anwaltlich beraten – eine Lösung ist aber nicht in Sicht. Und die müsste schnell kommen. Denn am 13. Januar muss er sich beim Landesamt für Ausländerangelegenheiten in Neumünster melden. Sein Flug nach Polen geht einen Tag später.

Von Afghanistan aus hatte er das Visum für Polen beantragt und bekommen – deshalb soll er auch dorthin zurück überführt werden. Der Kreis sei deshalb auch nicht zuständig, sagt Pressesprecher Oliver Carstens. Nach dem sogenanten Dublin-Verfahren ist Polen für die Bearbeitung des Asylverfahrens zuständig. „Der Kreis hat auch keine Einflussmöglichkeit auf Rücküberstellungsverfahren nach dem Dubliner Abkommen“, sagt Carstens. Azizi habe damals einfach schnell ein Visum gebraucht. Die Lösung mit dem polnischen Visum sei am schnellsten gewesen.

Die Gefahr eines Überfalls war zu groß

In Deutschland beantragte er dann Asyl. Das Leben des 24-Jährigen schwebte damals in Gefahr. Er war als Bauingenieur für die Amerikaner tätig. Die Baustellen wurden regelmäßig von den Taliban beschossen. Zeitweise durfte er wochenlang nicht zu seiner Familie. Die Gefahr eines Überfalls war zu groß. Vor einem Monat sei sein Vater entführt worden. Für 40.000 Dollar ließen die Taliban ihn nach 26 Tagen wieder gehen. „Das ist noch günstig“, sagt er.

Er hofft, dass die Behörden noch einlenken. „Wenn ich zurück nach Polen muss, gehen alle meine Wünsche kaputt. Aber die Entscheidung liegt nicht bei mir.“ Das Schlimmste für ihn wäre, wenn er seine Zeit verschwendet hätte. Dann wolle er lieber zurück nach Afghanistan – trotz der Sicherheitslage.

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