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Im Gespräch : „Tod und Krankheit sind Tabuthemen“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Heute mit Leena Molander und Dörthe Bräuner vom Holmer Verein „Kekk“.

shz.de von
erstellt am 17.Apr.2016 | 15:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Dörthe Bräuner und Leena Molander haben den Verein „Kindesglück und Lebenskunst – Unterstützung für Familien in Lebenskrisen“ (Kekk) gegründet. Der Verein hilft Familien, in denen eines der Elternteile unter einer schweren Erkrankung leidet. Im Sonntagsgespräch berichten Dörthe Bräuner und Leena Molander von ihren eigenen Erkrankungen, und warum es so wichtig ist, dass Betroffene Gesprächspartner mit ähnlichen Erfahrungen finden.

Was war die Motivation für die Gründung des Vereins?
Leena Molander:
Wir waren beide selbst an Krebs erkrankt und unabhängig voneinander auf der Suche nach einer geeigneten Selbsthilfegruppe. Wir haben aber keine gefunden, bei denen der Austausch mit Menschen unseres Alters und vor allem anderen Eltern möglich war. Wenn man an Krebs erkrankt und Kinder zu Hause hat, stellen sich ganz andere Fragen, als wenn man sich vor allem um sich selbst sorgen muss. Als Mutter oder Vater steht immer das Wohl der Kinder im Vordergrund. Deshalb stürzt man in ein Loch, wenn man diese mit der eigenen Erkrankung konfrontiert. Nachdem wir aus der akuten Erkrankungsphase heraus waren, haben wir die Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, die wir damals nicht fanden.

Mit wem konnten Sie sich denn austauschen, obwohl es keine geeignete Selbsthilfegruppe gab?
Dörthe Bräuner:
Überwiegend mit der Familie und Freunden. Die sind aber nicht dieselben Gesprächspartner wie ebenfalls Erkrankte, weil sie gar nicht alles nachvollziehen können, was einen bewegt und man den Partner auch nicht mit allen Ängsten belasten mag. Dazu kommt, dass sie selbst in Sorge sind und es ihnen persönlich schwer fällt, mit der Situation zurechtzukommen.

Was macht der Verein?
Molander:
Wir sind für alle offen. Betroffene, Partner, Kinder – jeder kann zu uns kommen. Auch für Kinder und Partner ist es wichtig, jemanden zu haben, mit dem sie ihre Ängste teilen können. Im eigenen Freundeskreis fällt das schwer, weil Tod und Krankheit immer noch Tabuthemen sind. Es gibt bei uns verschiedene Gruppen, in denen jeder andere Menschen trifft, die ähnliche Sorgen haben. Unterstützung durch Familienpaten, Beratungsangebote für krebskranke Eltern kleiner Kinder, therapeutisch angeleitete Gruppen für Kinder und Jugendliche, Treffen mit anderen Betroffenen, eine Palliativ-Beratung, wenn eine Genesung so gut wie ausgeschlossen ist – wir helfen auf ganz unterschiedliche Weise. Zwei Projekte sind ganz neu.

Welche sind das?
Bräuner:
Wir geben Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Möglichkeit, ihre Emotionen durch kreatives Schaffen zu verarbeiten. Vielen gelingt es nicht, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Ihnen bieten wir die Möglichkeit, sich durch kunstorientierte Gestaltung auszudrücken. Dazu haben wir eine Kindertrauergruppe und einen Trauer-Workshop für Erwachsene initiiert, um denen zu helfen, die einen geliebten Menschen verloren haben.

Sie selbst sind wieder gesund. Fällt es nicht schwer, sich immer noch mit der Krankheit zu beschäftigen?
Bräuner:
Wir sind zwar körperlich gesund, aber im Herzen und im Kopf bleibt die Erkrankung ein Leben lang. Das ist ein Rucksack, den man immer zu tragen hat.

Molander: Wer einmal diese Ängste und Sorgen hatte, vergisst das nicht. Viele denken, Betroffene seien endgültig gesund, wenn fünf Jahre kein Krebs bei ihnen entdeckt und diagnostiziert wurde. Das ist ein Irrglaube. Körperlich mag das zutreffen, aber die Seele hat Narben. Es ist wichtig, dass wir uns abgrenzen können. Das heißt nicht, dass wir kein Mitgefühl haben. Aber wir nehmen die Sorgen anderer nicht mit in unseren Rucksack.

Wie wird die Arbeit von Kekk denn finanziert?
Bräuner:
Da die Mitglieder keine Beiträge zahlen, sind wir auf Spenden angewiesen und deshalb für jede Unterstützung dankbar. Wir brauchen aber auch ehrenamtliche Helfer. Besonders wichtig sind die Familienpaten. Sie begleiten eine betroffene Familie, in der jemand an Krebs erkrankt ist. Mal Zeit mit den Kindern verbringen, Gespräche führen, den Alltag erleichtern – die Arbeit ist sehr vielfältig. Die Paten werden von uns sorgfältig vorbereitet und es finden zum Beispiel alle acht Wochen Treffen in Holm statt. Der Verein finanziert eine Fortbildung und kommt für Ausgaben auf, die durch die Arbeit entstehen.

Was hat Sie während Ihrer Arbeit besonders bewegt?
Molander:
Ein besonderer Moment war sicherlich, als wir für unsere Arbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgezeichnet wurden. So etwas erlebt man wahrscheinlich nur einmal. Auch die Feste mit den anderen Vereinsmitgliedern bedeuten uns sehr viel. Gerade die Abschiedsfeiern, wenn jemand aus der Gruppe verstorben ist. Dann sind wir ganz nah bei den trauernden Familien.

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