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Präses der Hamburger Handelskammer : Tobias Bergmann im Interview: „Mein wichtigster Berater ist mein innerer Kompass“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Mit shz.de spricht Tobias Bergmann über seine neue Rolle als Präses der Handelskammer, Fehler seiner Vorgänger und darüber was sich in Zukunft ändern muss.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2017 | 10:00 Uhr

Herr Bergmann, im Präses-Amtszimmer hat sich einiges verändert, seit Sie eingezogen sind. Warum?
Tobias Bergmann: Ich wollte ein paar persönliche Akzente setzen. Es gibt nun einen größeren Tisch, an dem man auch arbeiten kann, und der nicht nur zum Repräsentieren dient. Außerdem habe ich den neoklassischen Eichen-Schreibtisch samt Stuhl ausgetauscht. Da hätte ich sonst einen Bandscheibenschaden bekommen (lacht). Ich habe einen Eishockey-Schläger an die Wand gehängt, den mir die Hamburger Freezers geschenkt haben. Anderes ist geblieben, etwa der große Wand-Gobelin.

Sie sind bis zur Ihrer Wahl zum Präses der Handelskammer als Rebell tituliert worden. Hat Ihnen dieses Etikett gefallen?
Ich habe mich am Ende damit abgefunden und irgendwann hat es mir auch gefallen, ein Rebell genannt zu werden. Allerdings habe ich mich nie als störrisch empfunden, sondern als jemanden, der Dinge hinterfragt und auf den Kopf stellen will. Wenn Rebellion meint, das jemand laut und deutlich sagt: „So, wie es im Moment läuft, geht es nicht weiter“, kann ich gut mit diesem Titel leben. In meiner neuen Funktion als Präses sehe ich meine Aufgabe allerdings nicht mehr in einer Rebellion, sondern im Gestalten und im Neu-Aufbau der Kammer. Insofern hat sich für mich ein Rollenwechsel vollzogen.

Welches sind Ihre drei wichtigsten Ziele?
Erstens: Die Abschaffung der Pflichtbeiträge bleibt das wichtigste Ziel. Zweitens: Die Handelskammer muss dafür viel, viel sparsamer werden und braucht deshalb ein neues Finanzierungskonzept. Und drittens müssen wir uns als Interessenvertretung der Wirtschaft heute neu definieren. Denn Wirtschaft ist heute viel heterogener als sie es in der Vergangenheit gewesen ist. Unser gesetzlicher Auftrag bleibt aber, eine Gesamtinteressenvertretung der Wirtschaft zu sein. Darüber hinaus ist die duale Ausbildung und die Fachkräfteausbildung eine Kernaufgabe.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
Wir stehen da vor immensen Umbrüchen in der Arbeitswelt und in der Wirtschaft. Darauf müssen wir als Handelskammer reagieren.

Wie? Ist das Thema Digitalisierung bislang vernachlässigt worden?
Manche Unternehmen stehen vor der Digitalisierung wie das Kaninchen vor der Schlange. Alle wissen, dass die Digitalisierungswelle auf uns zurollt, aber die wenigsten sind strategisch darauf vorbereitet. Es gibt vereinzelte gute Ansätze, aber langfristig sind bei weitem noch keine Antworten gefunden worden. Hier hilft zum Beispiel das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Hamburg, das von der Handelskammer geleitet wird. Die Mitgliedsunternehmen bekommen viele praktische Unterstützungsangebote beim Thema Digitalisierung.

 

Warum brauchen der Kioskbesitzer und der „kleine“ Mittelstand überhaupt im digitalen Zeitalter eine Handelskammer?
Es gibt Branchenverbände, die Interessen einer bestimmten Branche vertreten, die aber nicht gleichzusetzen sind mit den Interessen der gesamten Wirtschaft. Das Gesamtinteresse der Wirtschaft ist und bleibt die zentrale Aufgabe der Handelskammer Hamburg.

Noch mal konkret: Was bringt es einer Firma, einem Unternehmer, einem Selbstständigen, Mitglied der Handelskammer zu sein?
Wir sind die starke Stimme der Wirtschaft gegenüber der Politik. Wir brauchen in der Stadt eine vorausschauende Wirtschaftspolitik, die den ökonomischen Reichtum, den diese Stadt zweifelsohne hat, auch in Zukunft erhält – unabhängig von Parteipolitik. Dafür stehen wir. Darüber hinaus ist die Kammer Dienstleister für ihre Mitgliedsunternehmen etwa bei Existenzgründungen oder der Integration von Flüchtlingen. Es ist wie bei jeder Organisation, bei jedem Verein: Man wird Mitglied, weil man gemeinsam ein bestimmtes Ziel verfolgt und als einzelner gewisse Vorteile und Privilegien genießt.

Haben Ihre Vorgänger das Gesamtinteresse der Wirtschaft gegenüber der Politik gut vertreten?
Ich will es anders machen. Die Handelskammer war in der Vergangenheit immer sehr davon überzeugt zu wissen, was gut und richtig ist für die Wirtschaft. Nehmen Sie das Beispiel Olympia: Da hat ein sehr kleiner Kreis um den Hauptgeschäftsführer beschlossen, dass eine Olympia-Bewerbung richtig und wichtig ist für Hamburgs Wirtschaft und anschließend die Politik und die Mitglieds-Unternehmen nur noch darüber in Kenntnis gesetzt. Das war ein Fehler und kann heute nicht mehr funktionieren. Wir müssen viel mehr zuhören und die Unternehmen intensiver in solche Weichenstellungen einbeziehen. Wir brauchen mehr Transparenz und Mitbestimmung.

Sie haben vor der Wahl versprochen, die Pflichtbeiträge für Mitgliedsfirmen ab 2020 abzuschaffen. Als Präses haben Sie die Ankündigung zurückgenommen. Müssten Sie nicht zurücktreten?
Nein, zurücktreten muss ich nicht.

Wäre nicht zumindest eine Entschuldigung angebracht?
Ich kann jede Kritik und Enttäuschung bei dem Thema verstehen und habe es mir selbst auch anders gewünscht. Wir halten aber am Ziel einer Abschaffung der Pflichtbeiträge fest. Nur den Zeitpunkt 2020 können wir nicht halten.

Tobias Bergmann ist...

... 45 Jahre alt und seit 2009 Geschäftsführer des Hamburger Beratungsunternehmens Nordlicht Management Consultants. Solange noch kein Hauptgeschäftsführer gefunden ist, lässt er die Arbeit in seiner Firma ruhen und widmet sich ganz der ehrenamtlichen Aufgabe als Handelskammer-Präses.

Bei der Wahl des Handelskammer-Plenums Anfang des Jahres...

... hat seine Gruppierung „Die Kammer sind WIR!“ überraschend 55 der insgesamt 58 Sitze gewonnen. Bergmann wird für die  kommenden drei Jahre an der Spitze der Organisation stehen. Er ist seit sechs Jahren in der Handelskammer aktiv.

Tobias Bergmann...

...kommt gebürtig aus Niederbayern, lebt seit 2000 in Hamburg, derzeit im Stadtteil Wilhelmsburg, ist verlobt mit einer gebürtigen Iranerin und hält sich mit Boxen und Joggen fit.

Warum nicht?
Ich habe erst nach der Amtsübernahme erfahren, wie immens hoch die finanzielle Hypothek der Handelskammer ist, das hat mich in dieser Dimension sehr überrascht. Ich wusste, dass gerade bei den Pensionen etwas auf die Kammer zukommt, aber ich wusste auch, dass sie etwas auf der hohen Kante hat. Dass die Lücke so groß ist, war mir nicht bewusst.

Wie groß ist die Lücke?
Die Kammer ist Pensionsverpflichtungen eingegangen, die sich bis zum Höhepunkt Mitte der 2020er Jahre auf 110 Millionen Euro belaufen werden. Wir haben aber nur Rückstellungen von etwa 50 Millionen gebildet und stehen also vor einer Lücke von 60 Millionen Euro. Und das können wir nicht durch freiwillige Mitgliedsbeiträge ausgleichen.

Wie arbeiten Sie mit den Industrie- und Handelskammern in Schleswig-Holstein zusammen?
Es hat bereits mit allen drei IHKs Gespräche gegeben. Unsere gemeinsame Aufgabe wird sein, administrative Grenzen zu überwinden. Wir müssen als Selbstorganisation der Wirtschaft vorausgehen und der öffentlichen Hand zeigen, dass wir solche Hürden schneller niederreißen können.

Wie beurteilen Sie die Stimmung in der Handelskammer?
Ich würde sagen: konstruktiv-gespannt. Alle wissen, dass Umbrüche bevorstehen und viele Dinge in Frage gestellt werden. Das schafft natürlich auch Unsicherheit. Die Zukunft ist heute nicht mehr so planbar wie früher. Das betrifft aber heute fast alle Unternehmen und ist Teil eines Umbruchs in der Arbeitswelt. Wir werden als Arbeitgeber in der Handelskammer verantwortlich mit den Veränderungen und deren Folgen umgehen. Ich fühle mich wohl hier und bin freundlich aufgenommen worden.

Können Sie Entlassungen ausschließen?
Am Ende des Jahres werden wir eine mittelfristige Finanzplanung haben. Dann können wir mit Fakten arbeiten. Wir wollen das Ziel jedenfalls ohne betriebsbedingte Kündigungen erreichen.

Haben Sie schlaflose Nächte?
Nein. Entscheidend ist, dass ich mich selbst noch im Spiegel anschauen kann. Ich bin weit davon entfernt, in meinem neuen Amt alles richtig zu machen und perfekt zu sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass das, wofür wir gewählt worden sind, der richtige Weg ist.

Was ist für Sie die stärkste Veränderung im Tagesablauf?
Früher war ich Berater, heute bin ich Entscheider. Das ist ein spannender Rollenwechsel, den ich noch nicht ganz vollzogen habe. Ich berate noch immer zu viel (lacht).

Was vermissen Sie aus Ihrem „alten Leben“?
Ich vermisse die Augenhöhe, die man als Berater hat mit seinen Gesprächspartnern, als Präses aber nicht immer. Auf den Präses schaut die Organisation − von ihm wird zu Recht Führung erwartet.

Wer ist Ihr wichtigster Beraterin oder Ihre wichtigste Beraterin?
Es gibt nicht den einen Berater – unterschiedliche Experten sind für unterschiedliche Fragen meine Berater. Ich versuche immer, sie zu verstehen und auf sie zu hören. Ich glaube aber, der wichtigste Berater ist mein innerer Kompass.

Tobias Bergmann ... persönlich
Glück ist... beschreibt Bob Dylan unnachahmlich und einzigartig in „Forever young“ – hören Sie es sich an!

Meine Schwäche ist... Impulsivität.

Meine Stärke ist... Authentizität.

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist... die Bunthäuser Spitze.

Die Kosten für die Elbphilharmonie... sind eine Investition. Die soll sich jetzt für Hamburg und die Hamburger auszahlen.

Die Elbvertiefung... muss und wird kommen.

Als Niederbayer in Hamburg... fehlt mir die katholisch-barocke Gemütlichkeit.

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