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Reportage : Tischler: Kein Beruf für Dünnbrettbohrer

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

In der Werkstatt von Tischler Torsten Speer entstehen nicht nur täglich neue Möbelstücke, sondern auch alte Objekte werden wieder auf Vordermann gebracht.

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2014 | 15:00 Uhr

Haseldorf | In Torsten Speers Tischlerwerkstatt dröhnen selten schrille Maschinen. Im Vorraum mit restaurierten Antiquitäten klockt die Standuhr. Wenn die Tür zum Innenhof offen ist, ist das Plätschern des Brunnens zu hören. Durch die Fenster sind Deich und Schafe zu sehen. Drinnen erklingen Beethoven und Mozart weit häufiger als der elektrische Lärm von Säge und Drexler – Speer hört „Klassik Radio“. Nur eine Stunde scheppert die laute Moderne durchschnittlich pro Tag.

Bis zu vierhundert Jahre kann das Mobiliar alt sein, dessen sich der Haseldorfer Tischler und Restaurator mit seinem Mitarbeiter Andreas Delecki und zwei Aushilfen annimmt. Neben alten Kommoden und Küchenschränken gehören auch Türen, Fenster, Neuanfertigungen und ganze Innenausbauten zum Repertoire. Alles geschieht in alter Handwerkstechnik, mit Schnitt und Farbenlehre aus den vergangenen Jahrhunderten. Speers Treue gilt der Originalität. Das Ursprüngliche zu bewahren ist Anspruch des 56-Jährigen. „Ich male keinen furnierten Schrank über“, sagt Speer. Sein Berufsethos setzt Grenzen. Speer ist gerade mit dem Innenleben eines Geschirrschranks beschäftigt. Die Kunden wollen Borde, um den Innenraum voll nutzen zu können. Es geht viel um Funktionstüchtigkeit: das Herausziehen der Schublade, das Begleichen der Laufleiste oder das Öffnen einer Tür. Speer leimt die Bretter, auf denen Geschirr stehen soll. Sieben Zangen geben jeweils Druck. Alte Zahnleisten statt moderner Löcher mit Steckern sind für Antiquitäten charakteristisch. Materialtreue ist oberste Devise. Am Ende werden die Borde mit Schellack wie ihre neue Heimstatt riechen: herbharzig.

Nebenan findet die Oberflächen-Feinarbeit durch Mitarbeiter Delecki statt, der seit über 15 Jahren bei Speer ist und lieber „Delta Radio“ hört. Ein alter brandenburgischer Schrank von 1820/30 wird seit zehn Tagen bearbeitet und hat schon 60 Stunden verschlungen. Die Grundsubstanz aus Kiefer und Fichte ist vorhanden. Furniert ist er mit Eisbirke. Keine Substanz zu verschwenden ist der Anspruch. Als alt gilt ein Stück, wenn mehr als 80 Prozent erhalten sind. Auf zehn Prozent Erneuerung wird dieser Schrank letztlich kommen, schätzt Speer. Neue Füße, neu versteifter Fußboden und Furnierarbeiten – die Besserung liegt im Detail. Die Späne im Schrank verraten die Arbeiten. Die düsteren Striche aus Staub und Dreck auf der Rückseite deuten das Alter an. Der große Tintenfleck in der Schublade bleibt. Er gehört zum Charakter der Antiquität, die vermutlich ein Wirtschaftsschrank war. Noch einmal 60 Stunden und das Stück ist fertig restauriert. Mehr als 5000 Euro wird die Arbeit dann vermutlich gekostet haben.

Speer ist viel unterwegs: deutschlandweit und bespricht mit Kunden vor Ort, was möglich ist. Manchmal sitzt er daheim im Büro und zeichnet Entwürfe von ganzen Küchen. Seit 28 Jahren wohnt der gebürtige Hamburger in Haseldorf. Vor 17 Jahren hat er sich das „runtergekommene“ Haus eines alten Schusters gekauft, um einen Standort zu haben, der zu der Muße passt, die er für seinen Beruf braucht. Seitdem baut, verschönert und erweitert er an allen Ecken und Enden. Vor zehn Jahren war der Werkstatteinzug soweit. Unterm Dach ist das Möbellager mit mehr als 40 Stücken, die „ihr Dasein im Dachboden oder Keller gefristet haben“, wie Speer sagt. Das sind die Schätze, die er gerettet hat. „Sie haben alle Kriege überstanden und irgendjemandem war es wichtig, dass die erhalten geblieben sind“, sagt Speer. Sucht jemand einen Tisch, kann er in diese Fundgrube schauen. In den 300 Quadratmeter großen Ausstellungsräumen ist restauriertes Mobiliar aller Art zu sehen.

Plötzlich ist Sohn Paul (17) mit Mundschutz in der Werkstatt und entsorgt die Späne, die an manchen Tagen säckeweise anfallen. Wie der Vater will er etwas Handwerkliches machen und sucht nun nach dem Schulabschluss nach der geeigneten Richtung. Beim Vater jobbt er zwischendurch. Für die Dachterrasse eines Kunden fertigt Paul ein Modellstück aus thermisch behandelter Esche, das Speer wegen seiner Farbe als zum Haus passend erachtet. Wenn Vater und Sohn das Modellstück besprechen, stehen sie eng nebeneinander. Blicke und Aufmerksamkeit pendeln bei beiden zwischen Gegenüber und Gegenstand. Die Hände streichen manchmal über die Bretter und nehmen einen späteren Handgriff vorweg. Ob der Sohn einmal den vom Vater aufgebauten Betrieb übernehmen wird? Speer übt große Zurückhaltung. Solche Vaterwünsche, die schwer wiegen können, mit Nachdruck zu äußern, will er offenbar nicht. Der Sohn soll seinen eigenen Weg finden. So wir er, der als Design-Student zunächst nur nebenher in einer Garage mit Tischlerei Geld verdient hat. „Selbstständigkeit mit Sechs-Tage-Woche und 14 Stunden am Tag ist eine ziemliche Verpflichtung. Das muss man wollen“, sagt Speer. Als jungem Mann sei ihm das alles nicht so klar gewesen. Weil die eigene Handwerksarbeit immer weniger wurde, hat Speer seinen Betrieb in Haseldorf auch personell wieder stark verkleinert. Der Mittelpunkt seiner Leidenschaft war zu sehr aus dem Blickfeld geraten: die Handarbeit an der Hobelbank, für die Speer eigentlich nur einen Schuppen bräuchte.

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