Pinneberg : Tierschützer retten so viele Amphibien wie nie

Krötenretter feiern ein Rekordjahr: Guido Roschlaub (v. l.), Marcus Jacobs, Rainer Reischuck sowie Aenne Meike Böthern mit ihren drei Söhnen Mark Oliver (7), André Tobias (5) und Björn Fabian (3).
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Krötenretter feiern ein Rekordjahr: Guido Roschlaub (v. l.), Marcus Jacobs, Rainer Reischuck sowie Aenne Meike Böthern mit ihren drei Söhnen Mark Oliver (7), André Tobias (5) und Björn Fabian (3).

Pinneberger Tierschützer bewahren mit fast 2000 Kröten und Fröschen so viele Amphibien wie nie vor Autos. Harsche Kritik an der Stadt.

shz.de von
27. Juli 2015, 12:30 Uhr

Pinneberg | Warum sollte man sich überhaupt die Mühe machen, Kröten vor dem Überfahren werden zu bewahren? Die Frage ist für Friedhofsgärtner Guido Roschlaub, der sich seit Jahren für die Tiere einsetzt, dermaßen abwegig, dass er eine Weile sprachlos bleibt. Dann sprudeln Fakten und Zahlen hervor, zum Netzwerk Natur, dem man nicht ungestraft Teile entreißen kann, zur ethischen und moralischen Verpflichtung des Menschen, zur Abhängigkeit jeder erfolgreichen Zivilisation von einer gesunden Umwelt. Gute Gründe für seine Arbeit fehlen ihm nicht – nur genügend Mitmenschen, die sich davon überzeugen lassen.

Eine entschlossene Helferschar wurde jedoch von Ende Februar bis Ende April freiwillig zu Frühaufstehern. Vor Tau und Tag retteten Pinneberger vom Kita- bis zum Rentenalter am Hogenkamp Amphibienleben. Mit einfachen und erschwinglichen Mitteln: ein provisorischer Zaun, der die Kaltblütler auf der Wanderung vom Winterschlafquartier auf dem Friedhofsgelände zu den Laichgebieten in den feuchten Rahwisch-Niederungen am Überqueren der gefährlichen Fahrbahn hindert, und im Boden versenkte Eimer, die sie auffangen und in denen sie frühmorgens über die Straße gehievt werden.

Mark Oliver (7), André Tobias (5) und Björn Fabian (3) haben mitgemacht. Jeden Sonntag um 6.30 Uhr radelten sie mit Mama Aenne Meike Böthern vom Rehmen an die Rah, um Kröten zu retten – bis zu 350 pro Tag. Einigen gaben sie sogar Namen. Lehrer wie Marcus Jacobs von der Theodor-Heuss-Schule und Friedhofsgärtner Roschlaub engagierten sich ebenfalls. Nach ihrer Rettungssaison hatten die Pinneberger Artenschützer jetzt guten Grund zum Feiern: 1952 Tiere fanden sie am Zaun, so viele wie in keinem Jahr zuvor.

Von der Stadt Pinneberg fühlen sich die Naturschutzaktivisten aber seit Jahren völlig im Stich gelassen. Schlimmer noch: Zunehmender Autoverkehr nach der Bebauung des Eggerstedt-Kasernen-Geländes könnte alle bisherigen Ergebnisse zunichtemachen, falls keine zusätzlichen Schutzvorrichtungen für den Amphibienwanderweg angelegt werden, fürchten die Tierretter. Diese Gefahr werde in einem Gutachten der Stadt zu diesem Thema sträflich verharmlost. Rainer Reischuck, von Anfang an treibende Kraft hinter dem ehrenamtlichen Engagement für die Amphibien, geht so weit, dem Dokument eine „umwelt- und schöpfungsverachtende Einstellung“ zu bescheinigen.

Aber warum sollte die klamme Stadt mit all ihren finanziellen Baustellen auch noch Geld zum Schutz der Amphibienbevölkerung ausgeben? Reischuck: „Es geht nicht um Mehrausgaben sondern um sinnvollere Verwendung der Mittel.“ Er führt aus, dass die Stadt per Gesetz verpflichtet ist, für durch Bauvorhaben verloren gegangene Flächen einen Ausgleich zu schaffen. Statt dann irgendwo „auf engstem Raum sinnlos Sträucher anzupflanzen wie etwa nach der Bebauung der Grundstücke am Rodelberg“ könne man Bedrohungen der vorhandenen natürlichen Vielfalt abwenden, im Falle der Hogenkamp-Amphibien zum Beispiel durch einen permanenten Zaun auf der Friedhofsseite, ergänzt durch Röhren zur gegenüberliegenden Straßenseite als Unterquerungstunnel für die Tiere, so Reischuck.

Auf etwa 20 Mitstreiter kann Krötenretter Rainer Reischuck zählen. Sie rekrutieren sich aus Mitgliedern von BUND und NABU und dem Verein Umwelthaus, darunter viele Eltern mit Kindern. Schüler und Lehrer der GuGS und anderer Schulen sind ebenfalls dabei. Die Zahl der geretteten Amphibien stieg von 316 im Startjahr 1997 auf mehr als 1000 im Jahr 2001 und in diesem Jahr auf die bisherige Rekordzahl von 1952. Zudem nahm die Artenvielfalt zu. 2006 wurden außer 1033 Erdkröten erstmals auch sechs Grasfrösche und vier Molche gezählt. In diesem Jahr waren es außer vielen Kamm- und Teichmolchen bereits mehr als 100 Gras-, Moor- und Teichfrösche.
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