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Erinnerungen : „Theodor liebte seinen Garten“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Besuch bei einer Nachfahrin des Pinneberger Fotografen Theodor Schlüter in Hamburg

von
erstellt am 17.Feb.2017 | 17:30 Uhr

Pinneberg/Berne | Maria Renate Becker hört fast nichts mehr. Sie kann sich nicht mehr auf ihre Ohren verlassen. Auf ihre Augen schon. Als sie fotografiert werden soll, greift die 82-Jährige augenblicklich zum Vorhang hinter sich, und zieht ihn etwas zu, um das Gegenlicht auszublenden. Sie wird im Gespräch mit unserer Zeitung aus ihren Erinnerungen an Theodor Schlüter berichten. Er war ihr Urgroßonkel und gilt als Pinnebergs erster Fotograf. Auf die Frage, ob sie auch gern fotografiert habe, sagt sie: „Ja, meine Mutter auch.“

Theodor, wie sie ihn nennt, wenn sie von ihm spricht, ist zurück in ihrem Leben. Auch dank Pinnebergs Stadtmuseumsleiterin Ina Duggen-Below, Stadtarchivar Martin Ramcke und Johannes Seifert von der VHS-Geschichtswerkstatt. Sie haben sich auf seine Spuren begeben, hunderte Bilder gesichtet, von denen derzeit die schönsten im Stadtmuseum zu bewundern sind. Auf shz.de haben sie die Pinneberger aufgerufen, in ihren Kellern einmal nach Schlüter-Fotografien zu suchen.

Über eine Schulfreundin, Hannchen Köhler, landete der Bericht in den Händen von Renate und Gerhard Becker, die seit 1965 ein kleines Häuschen in Hamburg-Berne bewohnen. Sie meldeten sich bei Duggen-Below. Unter den Schlüter-Bildern, die ab heute unter dem Titel „Pinneberg vor 1900“ im Museum gezeigt werden, sind auch etliche des Ehepaars Becker. Wer war der Mann, der auf dem Familienbild (unten) lässig an der Schulter seines Bruders lehnt und in die Kamera starrt?

Renate Becker, die in Ludwigsburg geboren wurde und während der Kriegsjahre in Stettin wohnte, lernte ihren Urgroßonkel nicht mehr kennen. Er starb im Jahr 1919, sie erblickte 1935 das Licht der Welt. Ihre Erinnerungen rühren von Erzählungen ihrer Mutter, die 1899 geboren wurde, und vor allem ihrer Tante. Sie sei „Schlüter-Expertin“ gewesen: „Theodor hatte einen schönen weißen Bart und blaue Augen“, beschreibt Maria Renate Becker ihn. Er habe gehinkt, weil er als Kind von einem Apfelbaum gefallen war. Sein Vater, der stadtbekannte Landarzt Dr. August Marcus Dietrich Schlüter, baute ihm daraufhin ein Glashaus in den Garten.

Das Familienfoto zeigt Theodor Schlüter, Sohn des Landarztes  August Marcus Dietrich Schlüter, und seine Geschwister.

Das  Familienfoto zeigt Theodor Schlüter, Sohn des Landarztes  August Marcus Dietrich Schlüter, und seine Geschwister.

Foto: Stadtarchiv
 

Theodor war das dritte von zehn Kindern der Schlüters. Wie war er? „Friedlich und lieb“, sagt Becker, ohne lange nachzudenken. Er war verheiratet. Seine Frau Alma und er hatten keine Kinder. „Aber sie haben ihre Nichte Sophie, die Waisenkind war, großgezogen“, erzählt Becker. Sophie kannte sie noch. „Sie verwahrte alles von Theodor.“ Für die damalige Zeit ungewöhnlich war, dass er einen Ziergarten hatte, in dem er auch Rosen züchtete. „Theodor liebte seinen Garten“, sagt Becker. Ein Gartenliebhaber, der auch für seine Arbeit schöne Kulissen wählte. Theodor Schlüter hat eine richtige Ausbildung zum Fotografen gemacht. Er hatte ein Atelier in der Schauenburger Straße 14 und machte vor allem Landschafts- und Porträtaufnahmen.

„Meine Mutter hat gesagt, sie mussten ewig still sitzen, wenn er fotografierte“, sagt Becker und zeigt auf eines der Familienfotos, die im Garten des Hauses am Rübekamp entstanden. „Jedes Mal, wenn die Familie im Sommer zusammenkam, hatte Theodor Arbeit“, sagt sie lachend. Das Album vor ihr – eine Reise in die Vergangenheit. In den Garten der Familie Schlüter, wo auch Maria Renate Beckers Mutter viele Urlaube verbrachte.

Die Mutter erinnerte sich gern daran zurück: „Pinneberg war so schön, der Zug fuhr in den Wald hinein.“ Als der Marschbefehl kam, brach ihre Familie – Mutter, Bruder und sie – im März 1945 nach Pinneberg auf. Das Großelternhaus im Rübekamp 17 war für sie das Traumziel, das Sicherheit bieten sollte. Aber das Haus stand nicht mehr. Von Nachkommen eines Bruders von Theodor Schlüter wurden sie als Flüchtlinge aufgenommen.

20 Jahre lebte Renate Becker in der Kreisstadt. Dort lernte sie auch Gerhard kennen, der in Halstenbek aufwuchs. Beide besuchten die Mittelschule in der Pinneberger Lindenstraße. Renate und Gerhard Becker heirateten 1957. Dieses Jahr feiern sie diamantene Hochzeit. Die Ausstellung in Pinneberg wollen sie sich gern ansehen. Für die Vernissage heute um 17 Uhr fahren sie mal wieder nach Pinneberg.

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