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Reportage : Technik, Tricks und ganz viel Prominenz

vom
Aus der Redaktion des Wedel-Schulauer Tageblatts

Die Herstellung eines Werbefilms ist nicht nur kosten- sondern auch zeitinstensiv. In dem Studio in Wedel drehten unter anderem auch Thomas Gottschalk und Max Schmeling

shz.de von
erstellt am 30.Nov.2014 | 15:00 Uhr

Wedel | „Trau dich zart zu sein“, suggeriert die „Lila Kuh“, während sie durch die Küche eines Alpen-Bauers schlendert. Noch bevor der neue Sportwagen eines bekannten Automobilherstellers schneidig in die Kurve geht. Und ein Cowboy in schönster Wild-West-Kulisse den feuerroten Sonnenuntergang mit einem tiefen Zug aus seiner glühenden Zigarette genießt. Ob im Kinosessel, auf dem Handy oder der heimischen Couch: Bevor der Zuschauer das eigentliche Objekt seiner Begierde auf Mattscheibe, Display oder Leinwand zu Gesicht bekommt, ist in der Regel erst einmal die Werbung an der Reihe. Ist sie gut gemacht, verweilt man gerne. Gefällt sie nicht, wären da ja auch noch Abwasch oder Hausmüll, die ein wenig Zuneigung benötigen.

Einer der größten Werbefilmproduzenten Deutschlands hat seinen Hauptsitz im Kreis Pinneberg. „Hallo und herzlich willkommen hier bei Markenfilm“ begrüßt mich Geschäftsführungs-Assistentin Sabrina Willmann auf dem Gelände einer ehemaligen Strumpffabrik im Wedeler Ortsteil Schulau. Das Areal ist mehr als 3000 Quadratmeter groß, Verwaltungsgebäude sind zu sehen, Werkstätten und vier große Filmhallen, die einen Hauch von Hollywood über den Klövensteen-Forst hinweg versprühen. „Wir haben hier eher selten direkt mit dem Endkunden zu tun, sondern üblicherweise mit den Werbeagenturen, die bereits in Abstimmung mit dem jeweiligen Produkthersteller ein sogenanntes Storyboard erarbeitet haben, das nun verfilmt werden soll. Und da beginnt dann unsere Arbeit“, erklärt Willmann, die früher mal BWL studiert und dann eine Asubildung zur Schauspielerin absolviert hat.

Aus Kostengründen werde so viel wie möglich in Wedel selbst gedreht – in den eigenen Hallen oder der Umgebung. „Je nach Auftrag führen uns Projekte aber auch schon mal auf mehrwöchige Trips um den gesamten Globus. Wie zuletzt nach Island oder Südafrika“, erklärt Willmann. „Darunter fallen beispielsweise Langfilmproduktionen, Schnitte oder redaktionelle Beiträge“.

Es geht in den Keller und die dortige Kamerawerkstatt. Raino Plüschau und Jan Singelmann haben hier das Sagen, verwalten, reparieren und bestücken die benötigten, bis zu 100.000 Euro teuren, Filmkameras und Objektive. Seit 2010 ist hier alles auf Digital umgestellt. Regale voller Aufnahmegeräte, Transportboxen und Halterungen fallen ins Blickfeld. „Alles ist möglich. Von der rollenden Aufzeichnung auf Schienen bis hin zu Außenkameras, die gerne mal an Fahrzeuge montiert und dort auch noch bei 150 Kilometern pro Stunde gut drehen können“, sagt Plüschau.

Haustischler Edward Dregis (rechts) bespricht sich bei vielen Arbeitsschritten mit Oberbeleuchter Dyrk Lohrmann.
Haustischler Edward Dregis (rechts) bespricht sich bei vielen Arbeitsschritten mit Oberbeleuchter Dyrk Lohrmann. Foto: Hoppe
 

Weiter geht es dann in eine der riesigen Filmhallen, wo gerade für den Werbefilm eines Fahrzeugherstellers ein altes Gebäude im Maßstab eins zu eins nachgebaut wird. „Geiz ist geil“ scheint hier eher nicht das Motto zu sein. Vielmehr „Vorsprung durch Technik“. Allein für den Fußboden wurden in der Multifunktionshalle tonnenweise Holzbretter verlegt. „Die Bretter bestellen wir ganz normal im Großhandel. So wie jeder Baumarkt“, sagt Edward Dregis. Der Haustischler spricht sich bei vielen Arbeitsschritten genau mit seiner Crew und Oberbeleuchter Dyrk Lohrmann ab.

Der zieht einen seiner 18.000-Watt-Strahler hervor. „Wer weiß, wie wenig Watt die haushaltsübliche Glühbirne daheim hat, kann erahnen, was hier für Leistung hinter steckt“, erklärt er. Die Strahler würden meistens für Außenproduktionen verwendet, um für bessere Lichtverhältnisse beim Dreh zu sorgen. Was nicht passt, werde passend gemacht – oder als Attrappe angefertigt. „Wenn wir beispielsweise etwas für die Kulisse brauchen, was es so nicht zu kaufen gibt, machen wir es eben selbst. Zum Beispiel aus Holz“, so Dregis.

Bis alles fertig und alles im Kasten ist, werden noch Tage und Wochen vergehen. Das hat seinen Preis. „Besonders aufwändige Produktionen können auch schon mal an der Millionengrenze kratzen“, sagt Willmann. Die Regel seien allerdings Rechnungen im.fünf- oder sechsstelligen Bereich. Wer glaubt, dass der Abschluss eines Projektes pompös gefeiert wird, der irre allerdings. Vielmehr sei Bescheidenheit Trumpf. „Wir liefern ja kein Flugzeug aus. Letztlich ist nur ein kleines Dateiformat, das der Kunde am Ende erhält“, so Willmann. Wie als Kontrast dazu muten da die betriebseigenen Setbau-Werkstätten an, die allein schon größer sind als die Räumlichkeiten vieler Handwerksbetriebe.

Ein Hauch von Hollywood: eine Filmhallen mit „Green-Screen-Technologie“.
Ein Hauch von Hollywood: eine Filmhalle mit „Green-Screen-Technologie“. Foto: Hoppe
 

Doch Technik, ideenreiche Tricks und handwerkliches Geschick sind nur die halbe Miete. „Denn wichtig sind natürlich vor allem auch sehr gute Regisseure und engagierte Darsteller. Und da wird hier nur mit den besten Köpfen der Branche gearbeitet“, verrät die 33-Jährige.

Die besten Köpfe der Branche: Dazu zähllt Moderator Thomas Gottschalk ebenso wie Schauspieler Sky Dumont oder der 2005 verstorbene ehemalige Boxweltmeister Max Schmeling. Sie alle haben im Laufe der Jahre hier gedreht. Umgekehrt haben auch viele Konsumenten ganz sicher schon einmal Werbung „Made in Wedel“ über ihre Mattscheibe flimmern sehen – ohne es zu wissen.

Woran man im Moment gerade drehe? Willmann, bislang sehr gesprächig, wird plötzlich schweigsam. „Laufende Produktionen sind Top Secret“. Viel lieber spricht sie über die lustiger oder kuriose Momente, die am Set häufig vorkommen würden. So habe unlängst ein Darsteller einen Schokoriegel verspeisen wollen – und erst beim herzhaften Biss hinein gemerkt, dass es sich dabei um einen täuschend echt lackierten Holzdummy gehandelt hat. die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt? Wohl eher nicht. „Hoffentlich gut versichert“ für „natürlich schöne Zähne“ trifft es in diesem Fall eher.

Werbung ist ein Milliardengeschäft. Nach Informationen des Zentralverbands der Deutschen Werbewirtschaft wurden im deutschen Fernsehen beispielsweise im Jahr 2011 Werbespots mit einer Gesamtlänge von 1,79 Millionen Minuten oder 1243 Tagen ausgestrahlt. Der Umsatz der Fernsehsender belief sich dabei auf 3,981 Milliarden Euro, das entspricht etwa einem Fünftel der Werbeeinnahmen aller Medien insgesamt.
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